Am 31. März 2001 – vor 25 Jahren – wurde Stephan Schramma, Sohn des damaligen Kölner Oberbürgermeisters, als unbeteiligter Fußgänger am Rudolfplatz in Köln bei einem Unfall getötet.
Heute vor 25 JahrenEx-OB Schramma spricht über schlimmsten Tag seines Lebens

Der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma erinnert sich an den schlimmsten Tag seines Lebens, den 31. März 2001.
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25 Jahre ist es an diesem Dienstag her, dass Stephan, Sohn von Fritz Schramma und seiner Frau Ulla, als Unbeteiligter bei einem Raserunfall starb. Mit einem bürokratischen Schreiben, einer Mitteilung des Friedhofsamtes, wurden die beiden auf den Jahrestag hingewiesen. „Man erklärte mir, dass das Grab zur Beseitigung beziehungsweise zum Abräumen freigegeben würde oder ich es verlängern müsste“, erzählt der ehemalige Kölner Oberbürgermeister. Das habe er natürlich getan.
„Ich habe also den Antrag gestellt und das Grab verlängert, weil wir, meine Frau und ich, ein- bis zweimal die Woche dort sind und nach dem Rechten schauen“, sagt Schramma. Seine Frau würde sehr an dem Grab hängen.

Stephan Schramma wurde als unbeteiligter Fußgänger am Rudolfplatz in Köln bei einem Autounfall getötet.
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Kölns ehemaliger Oberbürgermeister erzählt, dass er sich noch sehr gut an den 31. März 2001 erinnern könne. „Ich habe morgens noch mit Stephan gesprochen. Er wohnte ja noch bei uns, war aber auf dem Weg, mit seiner Freundin zusammenzuziehen, die wollten heiraten“, so der 79-Jährige. Er und sein Sohn hätten sich für den späten Nachmittag zu einem Basketballspiel des BSC Saturn Köln verabredet.
Stephan habe dann aber doch abgesagt, weil seine Freundin von einem Seminar zurückkam und er sie abholen wollte. Fritz Schramma: „Ich habe ihm gesagt: Klar, das geht vor, mach das mal. Hinterher machst du dir dann Gedanken und Vorwürfe: Was wäre, wenn er mit dir zum Basketballspiel gegangen wäre? Dann wäre das vielleicht nicht passiert.“
Am 31. März 2001 rief der Kölner Polizeidirektor bei Schrammas an
Die Frage, ob er Stephans Tod hätte verhindern können, nagte lang an ihm. Heute sagt er: „Die ist für mich inzwischen mit einem klaren Nein zu beantworten.“
Nach dem Basketballspiel sei er dann nach Hause gegangen, um mit seiner Frau die „Tagesschau“ zu sehen. „Da ging das Telefon. Der Winnie Granitzka, der damals der Leitende Polizeidirektor war und mit dem ich befreundet war, rief mich an und sagte: Hör mal, da ist ein schwerer Unfall am Rudolfplatz passiert, da ist dein Sohn involviert“, erinnert sich Schramma.
Es sähe sehr schlecht aus, habe Granitzka ihm gesagt, und ob die Schrammas ins Krankenhaus kommen könnten, er würde jemanden vorbeischicken. „Dann haben die uns abgeholt, meine Frau, meine Tochter und mich, und wir sind in die Uniklinik gefahren. Es gab eine Notoperation. Und wir saßen auf dem Flur, bis der zuständige Arzt herauskam. Ich sah schon an seinem Gesicht, dass es wahrscheinlich vergeblich war.“
Bild wurde Vorlage für Grabmal
Der Arzt habe ihnen mitgeteilt, dass die Blutung nicht zu stoppen war. „Der Wagen, der in die Fußgängergruppe katapultiert worden war, hat Stephan so erfasst, dass er unter anderem einen Milzabriss erlitt. Er ist quasi innerlich verblutet. Er wurde ja noch 20 Meter weit weggeschleudert. Augenzeugen haben mir hinterher erzählt, er hätte letztlich an einem heute nicht mehr vorhandenen Baum gelegen und da noch gelebt“, so Fritz Schramma.
Im Krankenhaus sei sein Sohn aufgebahrt worden. Schramma: „Wir haben uns dann noch einmal von ihm verabschiedet, in einem abgedunkelten Raum. Und diese Szene habe ich dann nachher bei Professor Knabe in einem Bild festgehalten und dieses Bild ist dann quasi die Vorlage für das Grabmal geworden.“

Stephan Schramma (31) kam am 31. März 2001 in Köln ums Leben.
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Die dreidimensionale Figur steht seitdem auf dem Grab. „Eine Figur, die uns als Familie zeigt, wie wir versuchen, einen nach oben weggehenden Menschen, also unseren Sohn, festzuhalten. Das gelingt halt nicht. Es ist das Symbol dieser Statue. Auch deswegen hängen wir an diesem Grab“, erklärt Kölns Ex-OB.
Ehepaar Schramma gründet Kölner Opferhilfe
Mit der Trauer seien sie zurechtgekommen, er und seine Frau seien religiös. Fritz Schramma: „Unser Sohn war Rechtsanwalt und er hatte zwei Wochen vorher noch mit meiner Frau darüber gesprochen, dass er schon so viele Fälle gehabt hätte, wo die Täter bei den Urteilen viel besser weggekommen seien als die Opfer. Er hat meine Frau angeregt: Wenn du irgendwas machen willst, dann guck doch mal, ob nicht in diese Richtung.“
Nach Stephans Tod sei ihnen das wieder eingefallen und sie hätten die Kölner Opferhilfe gegründet.
„Das ist eigentlich das, worin der Stephan weiterlebt. Quasi seine Hinterlassenschaft. Der Verein hat inzwischen schon vielen hunderten Menschen helfen können“, so der 79-Jährige.
Aber auch in der Familie selbst lebt Stephan weiter. „Wenn wir uns zu Familienfesten oder anderen Gelegenheiten treffen, dann haben wir immer den Tisch festlich gedeckt, und dann ist Stephan eigentlich auch immer dabei. Als viertes Familienmitglied – er fehlt, ein Stuhl bleibt leer. Dann wird es einem noch einmal besonders bewusst“, sagt Schramma leise.

Der Kölner Ex-OB Fritz Schramma mit seiner Frau Ulla
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„Auch einige Bildergalerien von Stephan hängen, wo wir ihm täglich begegnen. Ich habe sein Gesicht auch bei mir im Büro an drei, vier Stellen platziert. Ich begegne ihm jedes Mal. Das in verschiedenen Altersstufen – vom Kleinkindalter an, wo wir im Kaufhof diese Pixie-Fotos gemacht haben, das sind ja so richtig süße Fotos, bis hin zu seinem 30. Geburtstag, den er bei uns gefeiert hat, wo wir alle vier zusammen sind und er die Kerzen auf der Torte auspustet. Dann ist er noch 31 geworden, bis es passiert ist.“
Kölner Westfriedhof: Auch Freunde kommen immer wieder zu Stephans Grab
Am 25. Todestag würden sie, wie immer an Stephans Todestag, auf den Friedhof gehen. „Wir lassen das Grab gerade neu bepflanzen, mit frischen Blumen, die zur österlichen Zeit passen“, erzählt Fritz Schramma. Eine eigene Messe, wie sie 20 Jahre lang gehalten worden war, gebe es aber nicht mehr.
Einige Freunde, unter anderem aus der Türkei, würden anlässlich des Todestages immer noch schreiben. „Darunter Carola Blum, die Witwe meines Vorgängers Harry Blum. Auch ein, zwei Freunde, die einen kurzen, stillen Gruß schicken. Das ist schon in deren Erinnerung geblieben“, so Schramma.
Es würden auch immer wieder Freunde zum Grab kommen. „Um den Todestag herum sehen wir, dass eine zusätzliche Kerze oder ein paar Blumen aufgestellt wurden. Ein Freund hat auch regelmäßig die ersten Primelchen dort hingestellt.“
Stephan fand auf dem Westfriedhof seine letzte Ruhe. „Wir haben uns jetzt entschieden, dass wir auch in diese Grabstätte gehen“, sagt Schramma. „Auch deswegen haben wir sie verlängert. Wer weiß, wer der Nächste ist. Der eine oder die andere wird dort ebenfalls begraben.“ Ganz nahe bei Stephan.

