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„Eine echte Kämpferin“Evita Fernandez kam als Frühchen zur Welt – was sie sich für ihr eigenes Kind wünscht

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Evita Fernandez sitzt mit einem Kaffee vor einem Cafe.

Evita Fernandez kam vor 29 Jahren in der 23. Schwangerschaftswoche mit einem Gewicht von 549 Gramm zur Welt. Nun ist sie selbst werdende Mutter.

Was erzählen Menschen, wenn man sie auf der Straße anspricht? Darum geht es Susanne Hengesbach in ihrer Rubrik „Zwei Kaffee, bitte!“.

Ich kann nicht verhindern, dass ich die Frau, die mir heute mit ihrem koffeinfreien Cappuccino gegenübersitzt, immer wieder ungläubig anstarre. Ich tue es, weil ich mir etwas vorzustellen versuche, was man sich fast nicht vorstellen kann. Ich denke an den Moment, als man mir damals mein gerade geborenes Kind in den Arm legte. Es wog seinerzeit 2900 Gramm und der Krankenhausarzt nannte es „dünn“.

Die Frau, die ich heute auf der Venloer Straße anspreche und ins Café Schamong einlade, hatte ein Geburtsgewicht von gerade mal 549 Gramm – also kaum mehr als ein Pfund. „Meine Hand war so groß wie der Daumennagel von meinem Dad“, erzählt Evita Fernandez. Ich erfahre im Verlauf unserer Unterhaltung, dass sie lediglich 25 Zentimeter maß, als sie vor 29 Jahren in der 23. Schwangerschaftswoche im sechsten Monat der Schwangerschaft zur Welt kam.

Eine Überlebenschance von weit unter 20 Prozent

Es war der 1. Januar – Neujahr – ein Datum, das man normalerweise feiert. Aber Evitas Start ins Leben im Uniklinikum Tübingen war fraglos alles andere als normal. Damals, Mitte der 90er Jahre, gab man Kindern, die vor der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, eine Überlebenschance von weit unter 20 Prozent.

549 Gramm entsprechen in etwa dem Gewicht einer klassischen Alu-Getränkedose. Ein durchschnittliches Neugeborenes in Deutschland wiegt laut Statistik rund sechsmal so viel. Insofern war jeder Tag für die Eltern eine Mischung aus Angst, Hoffen und Bangen und es dauerte dreieinhalb Monate, bis die Kleine aus dem Krankenhaus entlassen werden und nach Hause kommen konnte.

Das Frühchen im Alter von sechs Wochen im Uniklinikum Tübingen auf der Brust des Vaters

Das Frühchen im Alter von sechs Wochen im Uniklinikum Tübingen auf der Brust des Vaters

Aber auch im Anschluss an diese Zeit, die sie als Frühchen an Sonden, Schläuchen und Geräten verbracht hatte, war sie noch weit davon entfernt, das Leben eines „normalen“ Babys zu führen. Bei einem Kind, das in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt, fangen die Lungenbläschen gerade erst an, sich zu entwickeln. Weil die Atmung auch nach Entlassung aus der Klinik der kritischste Punkt war, seien die Eltern vorübergehend mit ihr nach Mallorca gezogen, berichtet Fernandez. Trotz des für sie förderlichen Meeresklimas habe sie bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren täglich inhalieren müssen, erinnert sie sich.

„Sie sind offenbar eine echte Kämpferin“, stelle ich mit Blick auf das Foto fest, das sie als Winzling im Alter von sechs Wochen auf der Brust ihres Vaters zeigt. Mein Gegenüber nickt. „Du wolltest auf auf jeden Fall leben“, hätten ihr ihre Eltern später versichert. „Sonst hättest du das nie geschafft.“

Wohnungssuche trübt die Vorfreude

Heute, knapp 30 Jahre danach, hat Evita Fernandez nicht nur erfolgreich ihr Medizinstudium abgeschlossen, sondern ist selber werdende Mutter. Am ersten September soll ihr Wunschkind, ein Mädchen, zur Welt kommen. Allerdings ist die Vorfreude aufs erste Baby getrübt durch die Tatsache, dass sie sich seit Wochen die Hacken abläuft nach einer geeigneten Wohnung. „Keine Chance.“

Sie sei vor einem Jahr nach Köln gekommen – der Liebe wegen, erzählt Fernandez. Ihr Verlobter stehe am Ende seines BWL-Studiums, arbeite nebenher Vollzeit und lebe auf sehr kleinem Wohnraum, den sie sich nun mit ihm teile. „Einerseits würden wir gerne hier in Ehrenfeld bleiben“, sagt die junge Frau, mit der ich vor Kölns ältester Rösterei sitze. „Ehrenfeld ist ein super Multi-Kulti-Viertel. Aber auch andere Stadtteile oder ein Vorort wären okay.“

Evita Fernandez wünscht sich bessere Bedingungen für ihr eigenes Kind

Wegen ihres eigenen schweren Starts ins Leben wünscht sich Evita Fernandez bessere Bedingungen für ihr Kind und natürlich auch eine konfliktfrei verlaufende Schwangerschaft. Ich frage sie, ob aufgrund ihrer Vorgeschichte bei ihr ebenfalls die Gefahr einer Frühgeburt bestehe. „Was auf keinen Fall gut ist, ist Stress“, sagt sie und kommt auf das zu sprechen, was sie ärgert. „Köln ist eine so tolle, offene Stadt mit einer durchmischten Kultur, wo jedermann willkommen ist. Wie schade, dass sich dies nicht auch auf dem Wohnungsmarkt widerspiegelt.“

Die Wartelisten seien endlos lang. „Die Politik verspricht seit Jahren, dass gebaut wird, aber es passiert nichts.“ Wer in Köln eine Familie plane, habe es sehr, sehr schwer. „Dabei ist Wohnen doch eigentlich ein Grundrecht.“ Dass immer mehr Paare sagten, sie könnten sich kein Kind – oder zumindest kein zweites – leisten, sei eine höchst bedauerliche gesellschaftliche Entwicklung. Da pflichte ich ihr bei. Aber gerade Köln, sage ich, habe einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Menschen mit Herz und sei immer wieder gut für kleine Wunder. So, wie sie eines ist.