Die Wagen richteten sich gegen Arbeitslose und Gastarbeiter. Sie wurden scharf kritisiert.
Vor 50 JahrenAls zwei Skandalwagen den Kölner Karneval erschütterten

Die Zeichnung zeigt einen der umstrittenen Wagen von 1976.
Copyright: „KölnArchiv. Protest in Köln“
Natürlich regnete es an Rosenmontagszug 1976 Kamelle auf die Jecken am Straßenrand. Einige weniger nett gemeinte Gegenstände flogen in diesem Jahr jedoch in die Gegenrichtung. „Nach Angaben der Polizei nutzten drei Jugendliche einen unbeobachteten Moment, um vom Fußgängerweg des Sachsenrings Farbbeutel und Eier auf den Wagen zu werfen“, berichtete der „Kölner Stadt-Anzeiger“.
Ziel der Attacken war der Karnevalswagen Nummer 13, der schon in den Wochen zuvor für an- und aufgeregte Diskussionen in Köln und darüber hinaus gesorgt hatte. Er zeigte einen fröhlichen Arbeitslosen, der mit einer Frau im Bett liegt, Geld vom Staat kassiert und gleichzeitig Arbeitsangebote ignoriert. Auch der Wagen mit der Nummer 10 erregte Anstoß. Hier zieht eine Ausländerfamilie an den Rhein und freut sich über das Kindergeld für den zahlreichen Nachwuchs.
Es war der wohl umstrittenste Rosenmontagszug der Nachkriegszeit, der vor 50 Jahren durch Köln zog. Die Wut etlicher Kölner richtete sich vor allem auf den „Arbeitslosenwagen“. Allein auf der Severinstraße nahm die Polizei vier Personen fest, die ihn beworfen haben sollen. Gegen Ende des Zugs flogen auch Bierflaschen und Büchsen. Die mitgebrachten Sturzhelme brachte die Wagenmannschaft der KG Alt-Köllen jedoch nicht zum Einsatz.
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Heinrich Böll war scharfer Kritiker
Journalist und Stadt-Historiker Martin Stankowski gehörte damals nicht zu den Werfern, aber zu den schärfsten Kritikern der beiden Wagen. Der heute 81-Jährige zählte Anfang der 1970er Jahre zu den Gründern des „Kölner Volksblatts“, einer alternativen Zeitung für Bürgerinitiativen, die sich Themen wie Obdachlosigkeit, Hausbesetzungen oder den Dauerstreit um den geplanten Bau der Kölner Stadtautobahn widmete. 1975/76, in politisch aufgeheizten Zeiten, machte der Karneval Schlagzeilen. „Wir dachten, es kann ja nicht sein, dass da Gastarbeiter verarscht werden“, erinnert sich Stankowski. Auch die Beleidigung von Sozialhilfeempfängern sei ein Zeichen von Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gewesen. Was folgte, war ein intensives „öffentliches Gespräch“ und eine Anzeige wegen Volksverhetzung gegen das Festkomitee.

Einer der Wagen verhöhnte türkische Gastarbeiter.
Copyright: „KölnArchiv. Protest in Köln“
Prominentester Unterstützer der vorwiegend linken Protestler war Schriftsteller Heinrich Böll. „Humor, der seine Grenzen nicht kennt, ist keiner mehr“, schrieb er in einem Leserbrief an das Volksblatt. Ursprung und Tradition der Karnevalszüge lägen „in der Verspottung der Obrigkeit, der Prominenz, der ‚gesicherten Autoritäten‘ – niemals in der Verspottung von Minderheiten, erst recht nicht, wenn es sich um Minderheiten in extremen Situationen handelt – wie Arbeitslose und türkische Gastarbeiter“. Die beiden Wagen entsprängen „miesen spießerhaften Geschmacklosigkeiten“. Rosenmontag 1976 stießen die Wagen auf Ablehnung – aber auch auf viel Zustimmung im Publikum.
Auch in den Jahren danach wurde zuweilen heftig gestritten über die Grenzen der karnevalistischen Freiheit. Ein Wagen, gestaltet von Künstler Wolf Vostell, zeigte 1993 eine Frau „oben ohne“, drapiert zwischen Knoblauchknollen und durch eine Brust mit einem Betonpfeiler gepfählt. „Das Ding ist total sexistisch“, kommentierte eine Besucherin am Zoch und stand damit nicht allein.
Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde 2009 schon im Vorfeld notdürftig verhüllt – als Reaktion auf Proteste, da auch die Kanzlerin barbusig auf Reise geschickt werden sollte. Jacques Tilly, Wagendesigner für den bissigen Rosenmontagszug Düsseldorf, hatte für die Entschärfung wenig Verständnis.
Skandalwagen blieben Teil des Zugs
Leichte Veränderungen erfuhren die umstrittenen Wagen auch 1976. Mit dem Zusatz „Schwarze Schafe“ wollte das Festkomitee Missverständnissen vorbeugen. Forderungen, die beiden Skandalwagen aus dem Verkehr zu ziehen, blieben hingegen erfolglos. „Wenn wir das täten, wäre es ein Anfang“, zitierte der „Kölner Stadt-Anzeiger“ das Festkomitee: „Dann kämen nächstens vielleicht Politiker, Prostituierte, die Stadt Köln oder eine Versicherung und würden ähnliches fordern.“ Für Oberbürgermeister John van Nes Ziegler gehörte es zur Tradition des Fastelovends, dass nicht nur die Obrigkeit, sondern auch der Bürger sich selbst auf die Schippe nehme.
Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren wegen Volksverhetzung ein. Dem Karnevalisten müsse „in den Grenzen der Narrenfreiheit überlassen bleiben, den Betrachter durch Denkanstöße zu veranlassen, sich mit den Ursachen der Missbrauchsmöglichkeiten und deren Folgen auseinanderzusetzen“.
Heute würden sich die Narren wohl weniger Freiheiten herausnehmen. „Unsere Persiflagen sollen zum Nachdenken und zu Gesprächen anregen, sie sollen aber ganz sicher nicht beleidigen oder diskriminieren“, so Festkomitee-Sprecherin Tanja Holthaus: „Der Karneval ist immer auch ein Kind des jeweiligen Zeitgeistes, und der hat sich den vergangenen 50 Jahren natürlich stark gewandelt.“ Die Aufgabe des Jecken sei es aber nach wie vor, „der Gesellschaft und der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten“.

