Auf 18 Seiten analysiert das städtische Rechnungsprüfungsamt die Probleme bei den Bühnen. Es werden spannende Details offenbart.
„Schwerwiegende Probleme“Interner Bericht nennt Ursachen für Kölner Bühnen-Debakel

Bei einer Probe am 11. Februar 2026 spielte das Gürzenich-Orchester testweise erstmals seit 2012 wieder am Offenbachplatz. Die Bühnen sollen im September wieder öffnen.
Copyright: Bühnen Köln, Jann Höfer
„Mehrere strukturelle Mängel“, „unklare Zuständigkeiten“, die zeitweise zu „keinen belastbaren Entscheidungen“ geführt haben, und „keine eindeutigen zielorientierten Abläufe“ bei der Terminplanung: Eine neue, interne Analyse des städtischen Rechnungsprüfungsamtes (RPA) zur Bühnen-Sanierung am Offenbachplatz listet Ursachen auf, die das Großbauprojekt zu einer 14-Jahres-Baustelle mit Kosten von rund 1,465 Milliarden Euro haben werden lassen.
Allein die Kosten für Darlehen, um den Bau zu bezahlen, betragen demnach 524,71 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Sanierung der Mülheimer Brücke, ohne die Zinskosten, soll 498,2 Millionen Euro kosten, sie ist Stand jetzt also rund 25 Millionen Euro günstiger. Beanstandungen, wie in anderen Prüfberichten schon mal üblich, verteilte das RPA in dem Bericht aber nicht.
Am 19./20. September sollen Oper, Schauspiel, Kleines Haus und Kinderoper eröffnen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem 18-Seiten-Bericht des RPA.
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Warum legt das RPA jetzt seine Prüfung vor?
Der Stadtrat hatte das RPA-Gutachten im Oktober 2024 gefordert, als die reinen Planungs- und Baukosten erneut gestiegen waren, dieses Mal auf die aktuell noch gültigen 798,6 Millionen Euro. Die Analyse soll generell zeigen, warum die Sanierung mehrfach länger dauerte, immer mehr kostete und wer verantwortlich ist. Einen ersten Zwischenbericht hatte das RPA im März 2025 vorgelegt, es rügte die Vergabe „ohne ordnungsgemäßes Verfahren“ von Planungsleistungen über 145 Millionen Euro. Nun folgte der zweite Teil.
Was sind die Erkenntnisse?
Dass von Anfang ab 2012 ziemlich viel schief lief, angesichts einer Sanierung, die in rund drei Jahren beendet sein sollte. Etwa die Terminplanung: Ihr fehlten Details und eindeutige „zeit- und/oder zielorientierte Abläufe“, somit „konnte das Instrument der Terminplanung nicht zu Überwachungs- und Steuerungszwecken dienen“.
Wegen der „fehlenden Terminvorgaben“ teilten „diverse“ Baufirmen schon im Frühjahr 2015 mit, „dass sie keinen terminlichen Rahmen für ihre Leistungserbringung mehr hätten“ – nur ein halbes Jahr vor der geplanten Eröffnung am 7. November.

Das Richtfest der Bühnen-Baustelle im Juni 2014
Copyright: Stefan Worring
Auch wann was fertig war und die Dokumentation dieser Arbeiten war „problematisch“. Der Blick aufs große Ganze fehlte. „Zusammenhängende Vorgänge konnten nicht oder nur schwer als Ganzes erfasst und nachverfolgt werden.“ Oder: „Gegensteuerungsmaßnahmen bei Terminverzügen sind nicht erkennbar“ und „terminplanerische Vorleistungen anderer fachlich Beteiligter fehlen“.
Das alles hat massive Auswirkungen: „Die Defizite zu Beginn der Maßnahme hatten großen Einfluss auf das Projekt. Es wurden keine geeigneten Maßnahmen zur Behebung der Probleme ergriffen.“
Zur Erinnerung: Der damalige Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) geht während des Richtfests im Juni 2104 noch von einer pünktlichen Fertigstellung aus, sagt: „Das ist etwas ganz Besonderes, ein Wunderwerk der Organisation.“ Und Opernchefin Birgit Meyer sagte: „Diese Baustelle hat Flügel.“
Aber die Stadt beschleunigte wegen der Probleme die Bauarbeiten doch im Winter 2014, um die Eröffnung doch noch hinzubekommen?
Ja, doch das war Unsinn und auch das war auch klar, so lassen sich die Aussagen des RPA verstehen. Bei diesen „sehr kostenintensiven Beschleunigungsmaßnahmen“ war „absehbar, dass deren Wirkung bereits bei Abschluss der Vereinbarungen ausgeschlossen werden konnte, weil die entsprechenden Voraussetzungen nicht vorlagen“.
Laut RPA rückt den Planer der Technischen Gebäudeausrüstung (TGA) in den Fokus: Die Firma Deerns kümmerte sich um die TGA, also etwa die Strom-, oder Wasserleitungen. Sie entzog sich laut RPA ihrer „Leistungspflicht“, das habe ein Gutachter bestätigt.
2016 wurde das Projekt neu aufgestellt. Wurde es danach nicht besser?
Ja, aber es blieben Probleme. Die Stadt hatte Deerns im November 2015 fristlos gekündigt, die Firma sei „wesentlich verantwortlich für das Scheitern der Wiedereröffnung“. Im Mai 2016 übernahm der frühere Baudezernent Bernd Streitberger. Im RPA-Bericht heißt es rückblickend über Zuständigkeiten, Dokumentation und Terminplansystematik: „Gleichwohl kam es im weiteren Projektverlauf vereinzelt erneut zu schwerwiegenden Problemen in diesen Bereichen.“

Der frühere Sanierungschef Bernd Streitberger
Copyright: Max Grönert
2021 startete die Baustelle mehr oder weniger neu, basierend auf den neuen Plänen. Aus den alten Fehlern von 2012 hatten die Bühnen aber gelernt?
Geht so. Im RPA-Bericht heißt es: „Im weiteren Projektverlauf sind zum Teil die gleichen Themen/Fehler feststellbar, die es zu Beginn gab. Zusammenfassend: Terminpläne bilden den Planungsablauf nicht mehr ab, Vorgänge werden gekürzt, Leistungsphasen parallel ausgeführt, erforderliche Vorleistungen fehlen.“
Und warum verzögerte sich allgemein der Baufortschritt immer wieder?
Das RPA stellt fest, „dass aufgrund diverser Planungsdefizite umfangreiche Rückbauten erfolgen mussten, Unvorhergesehenes auftrat und ausführende Unternehmen teilweise mit zu geringer Personaldecke agierten“.

April 2025: Bei einem Rundgang über die Opern-Baustelle erläutern Baudezernent Markus Greitemann (rechts) und Projektleiter Jürgen Marc Volm den Fortschritt am Offenbachplatz.
Copyright: Alexander Schwaiger
Warum lief es besser, als Streitberger 2024 aufhörte und Projektleiter Jürgen Marc Volm und Baudezernent Markus Greitemann übernahmen?
In diesem Punkt liest sich der Bericht ein Stück weit wie eine Verteidigung von Ex-Sanierungschef Streitberger, der mit 75 Jahren aus gesundheitlichen Gründen im Sommer 2024 aufhörte. Das neue Duo habe „gänzlich andere Voraussetzungen vorgefunden“ als Streitberger. Die Planung war abgeschlossen, die Rückbauten absolviert, ein „normales Abarbeiten war möglich“, das „entschärfte räumliche und terminliche Zwänge“.
Kann die Stadt Schadenersatz von Firmen verlangen?
Um das zu beurteilen, fehlen dem RPA die nötigen Unterlagen. Allerdings: Um diese Ansprüche geltend zu machen, müsste die Stadt laut der Prüfer rechtssicher beweisen können, dass an der Verschiebung der Fertigstellung fremde Firmen schuld sind und die Bühnen keine Mitschuld haben.
Gibt es auffällige Aussagen zu den Kosten?
Ja, vor allem zu den Zinsen für die Darlehen, die die Bühnen aufgenommen haben, um den Bau zu finanzieren. Demnach belaufen sich allein diese Kosten mit Stand 2024 auf mehr als eine halbe Milliarde Euro – und zwar auf 524,710 Millionen Euro, davon 446,71 Millionen Euro nach der Fertigstellung bis 2026 und 78 Millionen Euro während des Baus.
Was ist daran besonders?
Für einige Jahre hatten die Verantwortlichen diese Zinskosten transparent dargestellt – damit war Schluss als Greitemann und Volm im Sommer 2024 übernahmen. Die letzte bekannte Summe waren 371 Millionen Euro für die langfristigen Zinsen.
Rechnet man die Zinsen zu den Baukosten und den Kosten für Interimsspielstätten (141,1 Millionen Euro) dazu, ist die Sanierung ein Projekt, das deutlich mehr als eine Milliarde Euro kostet, der öffentliche Druck ist noch größer. Lässt man es, liegt es knapp darunter. Auch bei anderen Bauprojekten verzichtet die Stadt darauf.
Gab es nicht schon mal eine Untersuchung?
Ja. 2017 hatten die Anwälte der Kanzlei Hecker Werner Himmelreich (HWH) eine Analyse präsentiert (wir berichteten). Vereinfacht gesagt war das Ergebnis: Die Stadt trifft kaum Schuld, die beauftragten Firmen sind schuld.
Doch die Stadt bezahlte die Kanzlei seit Jahren als Berater für die Bühnen-Sanierung – trotzdem sollten die Anwälte als selbst involvierte Beteiligte eine neutrale Untersuchung abliefern. Einen Interessenskonflikt sah die Verwaltung nicht, verwies darauf, dass der RPA dem Auftrag für die Kanzlei einstimmig zugestimmt hatte.
Wie ist der aktuelle Sachstand auf der Baustelle?
Seit Ende des Jahres sind die Gebäude baulich fertiggestellt, bis Ende Juni finden die sogenannten Wirkprinzipprüfungen statt. Dabei testen Experten, ob etwa im Brandfall die sicherheitsrelevanten Anlagen zusammenspielen, etwa die Brandmeldeanlage und die Lüftung. Projektleiter Volm spricht mit Blick auf den Terminplan von einer „anspruchsvollen, aber lösbaren Aufgabe“. Danach folgen die Abnahmen durch die Behörden und die Umzüge der Sparten.
