Flucht aus der digitalen Welt: Immer mehr Menschen finden in Töpfer-Werkstätten eine Auszeit, in der sie kreativ werden und etwas mit den Händen schaffen.
Trend aus den 70ernSülz ist zum Töpfer-Hotspot von Köln avanciert

Clara Quintero und Zaky Hakimi in ihrem Café Maltastisch.
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In Sülz sind sie in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden geschossen: Ateliers, Werkstätten und Cafés haben eröffnet, in denen sich Menschen zum Töpfern treffen oder um Keramik zu bemalen. Greta zum Beispiel, die 23-Jährige möchte ihren Perfektionismus loswerden, raus aus dem Kopf und der ewigen Fehlersuche, stattdessen mit den Händen rein in den Ton. Die junge Frau hat gerade ihr erstes juristisches Staatsexamen bestanden und knetet nun einen Tonklumpen, um daraus ein Gefäß zu formen, das nicht makellos sein muss, sondern anders sein darf, ganz individuell. Sie töpfert heute mit drei anderen Frauen im Keramikatelier von Isa Benkert an der Berrenrather Straße.
Benkerts Atelier ist eine von zahlreichen Anlaufstellen für Töpfer- und Keramikfans, die in Sülz ihre Türen geöffnet haben. „Irma und Heidi“ waren die Pionierinnen. Sie eröffneten 2021 unter diesen ihren Spitznamen ihre Keramikwerkstatt an der Zülpicher Straße 257, wo sie mit einer Töpferscheibe Unikate herstellen und verkaufen. Mittlerweile wird an etlichen Ort im Viertel Ton geformt und Keramik bemalt: Bei Isa Benkert, bei „A Mano“, im Café Maltastisch an der Berrenrather und in der Filiale des Pottery Art Cafés.
Töpfern und Keramik sind in - Selber machen oder kaufen
Töpfern und Keramik-Arbeiten sind ein Mega-Trend. Zum einen ist Keramikgeschirr gerade sowieso angesagt. Die Handarbeit mit dem erdigen feuchten Material ist aber dank der Do-it-Yourself- und der Selfcare-Trendwellen omnipräsent in Werkstätten, der Kunst und in den Social Media-Plattformen. Youtube und Tiktok sind voll mit „Pottery-Videos“. Die New York Times schrieb vor einigen Jahren: „Pottery is the new pilates.“ Und Sülz ist ein Töpferhotspot in Köln.

Bei Isa Benkert wird getöpfert und geplaudert.
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Für Greta und ihre Mittöpferinnen an der Berrenrather Straße hat Töpfern tatsächlich einen ähnlichen Effekt wie Pilates: Die konzentrierte Handarbeit helfe beim Entspannen, sagt die 34-jährige Lisa. Kursleiterin Isa Benkert sieht ein grundsätzliches Töpfer-Motiv: „Ich glaube die Menschen möchten wieder mehr Selbstwirksamkeit erfahren“, sagt Benkert. „Der Ton in der Hand beruhigt. Das Gruppengefühl verbindet.“ Man probiere gemeinsam die Techniken aus und spreche darüber.
Zwei Wochen trocknen, bevor Tongefäße in den Ofen kommen
Meist beginnt die Formensuche mit einem ersten Loch im Tonklumpen. Bei der „Pitching“ genannten Technik tastet man sich per Daumendruck dann an die gewünschte Form heran. Manchmal rollen die Töpferschülerinnen auch Platten aus und bauen daraus ein Gefäß. Benkert hat fortlaufende und Schnupperkurse im Angebot. Ein bisschen Zeit ist allerdings nötig, um eine glänzende Schale, Vase oder Tasse mit nach Hause nehmen zu können: Die frisch geformten Objekte müssen ein bis zwei Wochen trocknen, bevor sie gebrannt werden können. Danach werden sie mit bunten Farben bemalt- und noch einmal in den Ofen geschoben, um als glänzend glasierte Einzelstücke wieder herauszukommen

Der Töpferladen A Mano ist an der Sülzburgstraße.
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In Malou Althens Töpferstudio „A Mano“ an der Sülzburgstraße, Ecke Lechenicher Straße töpfern am späten Nachmittag vier Frauen ebenfalls zum Entspannen. Die 43-jährige Hwa-Youn etwa genießt vor allem die Auszeit vom Bildschirm. Das ist laut Althen ein wichtiger Grund für den Töpfer-Trend: „Selbst etwas mit den Händen zu schaffen, ermöglicht eine Flucht aus der digitalen Welt“, sagt sie. Wie tief ihre Kundinnen – Männer töpfern eher seltener – in das Handwerk eintauchen möchten, sei sehr unterschiedlich. Auch sie bietet Schnupper- und fortlaufende Kurse an und lehrt unterschiedliche Techniken. Neben der Daumendruck- und der Plattentechnik gibt es auch die Wulsttechnik, bei der Tonwülste übereinander zu einem Gefäß aufgetürmt werden. „Die Technik ist zeitaufwendig, aber die Resultate sind sehr lebendig“, schildert Althen. Manche Kundinnen würden viel Arbeit in ein bestimmtes Objekt, wie etwa eine Vase, investieren. Andere würden aber auch in die Serienproduktion gehen und ein ganzes Geschirr töpfern.

Das Maltastisch an der Berrenrather Straße lädt Gäste zum Kaffee trinken und Keramik-Bemalen.
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Im Café Maltastisch an der Berrenrather Straße 220 geht es eher um Farbe als um Ton. In den Regalen steht ein Sammelsurium an vorgebrannter Rohkeramik, bereit für einen bunten Anstrich. An den Tischen wird bei Kaffee und Kuchen nicht getöpfert, sondern gemalt, auf Teller, Tassen, Schalen, Figuren und andere Formen. Clara Quintero und Zaky Hakimi haben das Café vor einigen Monaten eröffnet, als Treffpunkt und Freiraum für Gestaltung. Quintero ist systemischer Coach mit Schwerpunkt Kunsttherapie und veranstaltet dort auch Gestaltungsworkshops. „Mit Töpfern habe ich nicht so viel am Hut“, sagt sie, „aber ich male selbst.“ Und so fand sie Gefallen am Keramikbemalen, als sie darauf stieß. Wer das bei ihr und Hakimi lernen möchte, kann online einen Platz im Café buchen und sich dann auf der fertigen Keramik mit Farbe austoben. „Man muss gar nicht großartig malen können oder kreativ sein“, betont Quintero.
Bei Maltastisch stehen neben vielen Farben Schwämme, Stempel und Schablonen bereit, auch Zahnbürsten, um Farbspritzer aufzutragen, Gegenstände zum Kratzen. Mit Wasser, Seife und Farbe können sie auch per Blubbertechnik ein schmuckes Blasenmuster auftragen. So können die Kunden und Kundinnen auf den Keramikgegenstände relativ einfach eindrucksvolle farbige Muster kreieren, selbstverständlich aber auch mit dem Pinsel malen. Wenn der Anstrich fertig ist, versehen Quintero und Hakimi sie mit einer transparenten Glasur und brennen sie noch einmal im Ofen. Sie sind dann fertig glasiert und spülmaschinenfest. Auch das Maltastisch-Team hat die Erfahrung gemacht: Ihre Kundschaft suche eine Auszeit vom hektischen Alltag – und zumeist ein gemeinsames Erlebnis: Freunde und Familien buchen oft gemeinsam Plätze.
