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Querbeat-Sänger im Interview„In Köln leben wir in der Sahnetorte Deutschlands“

6 min
Jojo Berger von Querbeat

Jojo Berger von Querbeat

Querbeat spielt im Juni 2027 im Kölner Rheinenergie-Stadion. Ein Interview mit Sänger Jojo Berger über Risiko, Hoffnung und den 1. FC Köln. 

Querbeat hat gerade angekündigt, im Juni 2027 im Rheinenergie-Stadion spielen, in das mehr als 40.000 Menschen reinpassen. Wie ist die Gefühlslage?

Das ist schon groß für uns. Dementsprechend viele Gefühle habe ich dazu. Aber wir sind eine Gefühlsband, lassen Gefühle gerne zu und gehen auch sehr mit dem Kölner Motto, dass immer noch alles gut ausgegangen ist. Und musikalisch wissen wir, dass es eine sehr gute Party wird.

Aber das finanzielle Risiko tragen Sie trotzdem.

Das stimmt. Aber wir sind elf Leute in der Band, von denen andere als ich für die Finanzen zuständig sind (lacht). Ich habe sogar das Privileg zu sagen: Ich möchte die Vorverkaufszahlen erst einmal gar nicht sehen, weil ich ein Lied schreiben muss. Mit Excel-Listen kann ich auch nicht gut umgehen. Aber mal im Ernst: Wir wissen, dass wir musikalisch was draufhaben, aber es gehört trotzdem eine Prise Glück dazu, am Ende wirklich so viele Tickets abreißen zu dürfen im Stadion. Allerdings ist das Risiko Musiker-Dasein ja nicht neu für uns. Das begann mit Musikunterricht, dann kamen die ersten Gigs, wo alle selbst geschleppt und gebuckelt haben. Wir hatten immer schon unendlich viele Herausforderungen.

Hier gibt es das deutlich ausführlichere Gespräch mit Jojo Berger als Podcast - der Podcast Talk mit K ist aber auf allen gängigen Podcast-Plattformen abrufbar.

Wie hoch ist der Anteil glühender FC-Fans in der Band?

Wir sind ja fast alle gebürtige Bonner und trotzdem ist es so, dass man sich aus Bonn heraus für einen Verein entscheidet, der sehr naheliegend ist: der 1. FC Köln. Den Bonner SC gibt es auch…

…der ist aber nicht ganz so bedeutend.

Bei allem Respekt: Nein. Wir waren in Bonn damals auch eher Team Basketball. Mindestens 75 Prozent von Querbeat sind FC-Fans, der Rest mag vor allem den BVB. Zwischen den Vereinen gibt es ja sogar eine Freundschaft. Wir mögen beim Sport Vereine, die Haltung zeigen – die antirassistisch und antihomophob sind. Das ist beim 1. FC Köln definitiv der Fall und das macht ihn grundsympathisch, weil er seine Funktion in der Gesellschaft verstanden hat.

Wenn nur ein Spieler zu Ihrer Party kommen dürfte: Welcher wäre das?

Da bin ich jetzt ein bisschen parteiisch, weil ich guten Kontakt zu Timo Hübers habe, der leider gerade verletzt ist. Gute Besserung!

Wird das Stadionkonzert 2027 das einzige Konzert in der Region sein?

Ja. Wir werden auch unser „Randale und Freunde“-Festival in Bonn pausieren lassen, in diesem Jahr bereits. Wir wollen uns voll aufs Stadion konzentrieren und vorher Zeit für kreative Energie haben, neue Musik schreiben. Wir sind ja vor allem eine Band und nicht Veranstalter.

In den Karnevalssälen kommende Session wird man Querbeat aber sehen?

Klar. Aber das sind ja immer nur Kurzvisiten. Da legen wir uns manchmal mit Leuten an, wenn die sagen: Ich habe doch schon ein Konzert von euch im Gürzenich gesehen. Das sind nur 22 Minuten, das ist kein Konzert.

Wenn elf Bandmitglieder so viel Zeit miteinander verbringen und die Arbeit jenseits der Musik auch noch untereinander aufteilen: Wie bleibt man da überwiegend knatschlos in all den Jahren?

Tatsächlich kann man sich mit elf Leuten fast besser arrangieren und aus dem Weg gehen, weil ja nie alle gleichzeitig schlechte Laune haben. Bei elf Leuten findet sich immer ein Idiot, der den gleichen Plan hat wie man selbst: „Ich will spazieren gehen. Oh ja, ich auch.“ Das ist eine Chance, dicker Luft zu entfliehen, wenn sie mal da ist. Aber wir sind sehr wenig konfrontativ, wir kennen uns einfach zu gut. Wir werden seltenst noch mit einem Charakter-Moment überrascht. Und wenn wir streiten, dann nie um die großen Fragen, sondern nur um Kleinigkeiten: Wie groß soll der Flamingo auf dem Plakat sein? Oder: Flamingos sind doch gar nicht so haarig, das muss neu gemacht werden.

Sie sind auch abseits der Musik kreativ, entwickeln mit einem Freund zusammen Spiele, zuletzt das Brettspiel „Match me if you can“, das man in mehreren Ländern kaufen kann. Wie sind Sie denn da reingeraten?

Mit Julien (Gupta, Anm. der Redaktion) tobe ich mich kreativ aus, wenn ich meine Festplatte entleeren muss. Wir sind irgendwie in die Brettspielbranche gerutscht und machen jetzt so zwei bis drei Spiele pro Jahr. Das sind vor allem Kommunikationsspiele. Die Motivation dahinter ist bei mir die gleiche wie bei Musik: Ich will etwas schaffen, was im Wohnzimmer von Menschen stattfindet.

In einem Buch, das Ende März erscheint und das „Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen“ heißt, haben Sie neben Bestseller-Autoren wie Cornelia Funke oder Marc-Uwe Kling auch ein Kapitel beigesteuert. Was meinen Sie denn, wenn Sie Hoffnung sagen?

Ich habe mich gefragt, wie wir die PS Hoffnung in diesem Land wieder auf die Straße bringen. Das Wort Hoffnung ist ja ein großes Wort: Der Papst sagt es vor 300.000 Menschen vor dem Petersdom, Barack Obama auch – und gleichzeitig hofft man auf gutes Wetter. Hoffnung kann aber auch ein Prozess sein, eine Beobachtung und ein Gefühl in einem Moment. Ich kenne das von Konzerten, wenn wir einen besonderen Song spielen, der den Leuten Hoffnung gibt. Dann füllt sich der Saal dermaßen mit Aura, dass ich nachher rausgehe und sage: Ich steige in den Prozess Hoffnung wieder ein. In Köln fällt das auch leichter als anderswo. Der Taxifahrer, mit dem ich oft fahre, seit 47 Jahren in Deutschland und gebürtiger Iraner, sagte vorhin im Taxi zu mir: In Köln leben wir in der Sahnetorte Deutschlands.

Die Band Querbeat vorm Kölner Stadion

Die Band Querbeat vorm Kölner Stadion

Ein toller Satz.

Finde ich auch. Er hat mir auch schon von Rassismus-Erfahrungen erzählt und dann erklärt, dass man Menschen, die Dinge sagen, die unglücklich ausgedrückt haben, auch mal ihre Fehler vergeben muss. Wenn in Köln ein Mensch mit migrantischem Hintergrund so etwas sagt und sich so wohl fühlt hier, finde ich das einen total hoffnungsvollen Moment.

Wenn man auf Kriege und die Klimakrise schaut, fällt das mit der Hoffnung manchmal schwer.

Absolut. Hoffen auf eine bessere Welt kann darum auch nicht Warten auf eine bessere Welt sein. Man muss auch machen.

Als Querbeat in der vergangenen Session „Kein Kölsch für Nazis“ gespielt hat, waren sich die Jecken in allen Sälen lauthals mitsingend absolut einig – trotz mutmaßlich sehr diverser politischer Einstellungen. Wie erleben Sie diese Momente?

Man kann gar nicht hoch genug anrechnen, wie stabil der Karneval ist – auch der in den traditionellen Strukturen. Wie viele Sitzungspräsidenten immer wieder einstreuen:  Köln ist bunt und nicht braun. Diese Botschaften sind unfassbar wichtig, weil sie die Leute erreichen in Momenten, wo die Synapsen offen sind. In Köln haben wir eine super demokratische Basis in dieser Stadt. Hier wäre nicht möglich, was Trump da in Minnesota abgezogen hat mit seinen ICE-Agenten. Hier würden die Menschen in Massen auf die Straßen gehen und eine klare Grenze ziehen.

Auch die Menschen in Minnesota hätten vor einem Jahr niemals gedacht, dass so etwas in ihrer Stadt möglich wäre.

Das sollte uns auch absolut eine Warnung sein. In Deutschland versucht eine rechte Partei mit falschen Behauptungen die Emotionen von Menschen abzufangen, die ihre Grenze noch nicht gefunden haben. Ich denke auch viel über Einsamkeit nach: Menschen, die sich nicht austauschen können oder wollen, sind gefährdeter. Deswegen ist eine Stadt auch so gefordert, Räume zu schaffen, wo man hingehen kann und man selbst sein kann. Wir sagen bei unseren Konzerten oft: Tanzt und singt wie sonst nur in der Dusche. Singt schief, es ist scheißegal. Nur nicht allein im Algorithmus bleiben.

Querbeat feiert die Verkündung, dass die Band im Juni 2027 ein Konzert im Rhein-Energie-Stadion spielt mit spontanen Auftritten in Kölner Kneipen.

Querbeat feiert die Verkündung, dass die Band im Juni 2027 ein Konzert im Rhein-Energie-Stadion spielt mit spontanen Auftritten in Kölner Kneipen.

Der neue Querbeat-Song „Ehrenlos Ehrenfeld“ ist eine weitere schöne Hymne auf die Großstadt. Was drückt der Song für Sie aus?

Auf jeden Fall ganz viel Veedels-Liebe. Meine Lieblingszeile: Jeder Abend ist wie ein Lebenslauf. Das kann Köln so gut, dass man abends einfach losgeht, sich beim ersten Büdchen noch vorsichtig für ein Bier entscheidet und zack drei Stunden später mit zehn neuen Freunden die geilste Zeit hat. Und auf einmal hat man Sachen in seinem Lebenslauf neu drinstehen, die man vorher nie geplant hatte.

Querbeat hat den Barbarossaplatz national bekannt gemacht mit einem Hit, jetzt folgt Ehrenfeld?

Wir haben das neue Lied noch nicht auf Tour gespielt, aber ja, Ehrenfeld werden bald mehr Menschen kennen. Ich finde eh total spannend, auf Tour zu erfahren, was die Leute mit Köln verbinden. Die wissen, dass Köln nicht nur Karneval ist, sondern eine Marke für Liberalität und Offenheit. In Köln ist es so selbstverständlich, dass eine Million Leute zum CSD kommen und hier jeder mit jedem rummachen darf, wir denken da gar nicht drüber nach. Für alle anderen ist das aber etwas besonders und macht Köln supersympathisch.


Querbeat-Konzert im Stadion

Querbeat spielt am 12. Juni 2027 im RheinEnergie-Stadion Köln. Einlass voraussichtlich ab 17 Uhr, Beginn voraussichtlich ab 18 Uhr. Tickets gibt es unter www.querbeat-im-stadion.de.

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