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Bernhard Paul und sein TraumWie mit Roncalli die Poesie in die Manege zog

7 min
Circus Roncalli wird 50 Jahre alt (Archivbild).

Circus Roncalli wird 50 Jahre alt (Archivbild).

Was  sich vor 50 Jahren erstmals in der Manege abspielte, hat die Zirkuswelt nachhaltig verändert: Roncalli-Gründer Paul blickt zurück.

Was die Augen eines Kindes 1952 zum ersten Mal sehen, ist so viel mehr als ein Zirkus. Für den fünfjährigen Bernhard ist es eine kleine Stadt, die da für drei Tage in Niederösterreich gastiert. Dazu 20 Elefanten, 200 Pferde, viel Akrobatik, Abenteuer, Exotik. Mit seinem älteren Bruder beginnt er, den Zirkus Krone in Miniaturform nachzubauen. Zu Weihnachten wünscht er sich eine Laubsäge. Aus Holzkisten, Sardinendosen, Fahrradspeichen, und was sich sonst noch eignet, entsteht ein Kunstwerk.

Bernhard Paul sitzt im Esszimmer seines Hauses im Winterquartier des Circus Roncalli in Köln-Mülheim, als er an jenem sonnigen Märztag aus seiner Kindheit erzählt. Die Dächer der Wohnwagen hätten sie aus gebogenen Schuhkartondecken zurechtgeschnitten. „Aber die Räder waren das große Problem.“ Als der 78-Jährige daraufhin ausführlich schildert, wie ein schwarzer Gummischlauch die Lösung war, samt eines Besenstiels, den die Brüder zuvor mit Butter „geschmeidig“ gemacht hatten, mutiert das als Interview gestartete Gespräch zum Monolog.

Circus Roncalli feiert 50-jähriges Bestehen in Köln

Es ist wohl jene Detailverliebtheit, die das Lebenswerk des Bernhard Paul ausmacht. Was ihn fasziniert, möchte er in Perfektion vollenden. Das Ergebnis sieht man seit nunmehr 50 Jahren. Am 10. April startet das Jubiläums-Programm des Circus Roncalli auf dem Kölner Neumarkt.

Bernhard Paul ist Erfinder und Chef des Circus Roncalli

Bernhard Paul ist Erfinder und Chef des Circus Roncalli

Paul hat einen Zirkus geschaffen, der die Branche gleich mehrfach neu erfunden hat. Mit Roncalli zog die Poesie in die Manege. Als Paul Mitte der 70er anfing, jagte bei den Kollegen eine Sensation die nächste. Die leisen, sanften Zwischentöne fehlten in der Zirkuswelt. „Immer nur höher, weiter und immer mehr – die Zuschauer fanden das langweilig. Und dann war da plötzlich dieser Zirkus, der auf Kommunikation, auf Kontakt aus war“, sagt der Schweizer Künstler Pic in einem Interview für das Buch „Die Roncallis. Zirkusgespräche“ von Dominik Baur, das anlässlich des 50-jährigen Jubiläums erschienen ist.

Pic als Pierrot Lunaire: Die Seifenblasen des Schweizer Pic standen sinnbildlich für die Poesie des Roncalli-Zirkus.

Clown Pic als die Figur Pierrot Lunaire: Die Seifenblasen des Schweizer Richard Hirzel standen sinnbildlich für die Poesie des Roncalli-Zirkus. Mit dieser Nummer wurde er weltberühmt.

Bei der Kölner Premiere am 4. Juni 1980 auf dem Neumarkt verzauberte Pic das Publikum mit seinen Seifenblasen. Es zählten auch die Kleinigkeiten, sagt Pic. Bis heute werden die Zuschauer schon beim Einlass von den Artisten empfangen, machen Späße, drücken Erwachsenen wie Kindern rote Farbtupfer auf die Nase. Auch die Ästhetik spielt eine Rolle. Paul hat ein Faible für Schnörkel und das Spielerische, wie sich auch in seinem Haus in Mülheim zeigt. Dunkle, geschwungene Holzmöbel dominieren, Antiquitäten und andere gesammelte Kuriosa aus der Zirkuswelt haben ihren Platz.

Circus Roncalli
Foto: Archiv Bernhard Paul / Roncalli

Alte Holzwagen restaurierte Bernhard Paul für seinen Circus Roncalli.

Während andere Direktoren auf Container und Sattelschlepper umschwenkten, restaurierte Paul lieber alte Holzwagen, dekorierte sie, benutzte Blattgold für die Schrift. „Bei Bernhard muss alles ein bisschen glänzen und funkeln. Er liebt den schönen Schein, das Dekorative“, sagte die 2025 verstorbene Maria Lucas im Gespräch mit Baur. Die von Spanien nach Köln eingewanderte Schneiderin fertigte die Kostüme für die Premiere 1980 und stattete den Zirkus bis zuletzt mit handgemachten Kunstwerken aus. Sie waren auch 1986 beim Gastspiel in Moskau, 1992 in Sevilla und 2023 in New York zu sehen. Aufwändige, überbordende Kopfbedeckungen waren ihr Markenzeichen.

Aurora Berini in einem Schmetterlings-Kostüm der verstorbenen Kölner Schneiderin Maria Lucas. Lucas schneiderte die Kostüme für die Premiere und bis zuletzt.

Aurora Berini in einem Schmetterlings-Kostüm der verstorbenen Kölner Schneiderin Maria Lucas. Lucas schneiderte die Kostüme für die Premiere und bis zuletzt.

Doch das Verhältnis zwischen der Spanierin und Paul war wechselhaft. Lucas sagte: „Wir hatten öfter tierischen Krach miteinander.“  Nach der Kölner Premiere sprachen sie jahrelang nicht miteinander. Genialität und Besessenheit lägen nah beieinander, sagte Lucas, die Paul bewunderte. Als sie starb, bezeichnete Paul sie als „Wegbegleiterin der ersten Stunde“. Als Hommage an seine verstorbene Freundin ist im aktuellen Gastspiel eine Nummer Maria Lucas gewidmet.

Der Circus Roncalli setzt auf Hologramme statt echte Tiere - Pferde Vorstellung des Cirkus Roncalli am Freitag 18.10.2019 in Muenchen Bayern Deutschland *** the Circus Roncalli sets at Holograms instead of Real Animals Horses presentation of Cirkus Roncalli on Friday 18 10 2019 in Munich Bavaria Germany

Der Circus Roncalli setzt auf Hologramme statt echte Tiere - Pferde Vorstellung des Cirkus Roncalli am Freitag 18.10.2019 in Muenchen Bayern Deutschland *** the Circus Roncalli sets at Holograms instead of Real Animals Horses presentation of Cirkus Roncalli on Friday 18 10 2019 in Munich Bavaria Germany

Bernhard Paul denkt die Zukunft gleich mit. 2018 setzte er neue Maßstäbe, als er gänzlich auf Tiere verzichtete. „Die anderen Zirkusse wollten mich töten“, sagt der Roncalli-Chef sinnbildlich. Auch diese Entscheidung erforderte Mut, an dem es dem Österreicher Zeit seines Lebens offenbar nie gefehlt hat.

Raubtier-Dompteur René Strickler mit seinen Raubtieren. Die gibt es bei Roncalli allerdings seit Mitte der 90er-Jahre nicht mehr zu sehen. Die letzten Tiere waren Pferde und Hunde. Seit 2018 verzichtet Roncalli gänzlich auf Tiere.

Raubtier-Dompteur René Strickler mit seinen Raubtieren. Die gibt es bei Roncalli allerdings seit Mitte der 90er-Jahre nicht mehr zu sehen. Die letzten Tiere waren Pferde und Hunde. Seit 2018 verzichtet Roncalli gänzlich auf Tiere.

Mitte der 1970er Jahre kündigte Paul seinen Job als Art Director bei einem Nachrichtenmagazin und arbeitete später bei einer Werbeagentur. Auch das machte ihn nicht glücklich. „Ich wollte Zirkus. Ich habe als Kind Zirkus gesehen und bin ihm verfallen.“ Die Welturaufführung des Circus Roncalli fand am 18. Mai 1976 auf dem Bonner Hofgarten statt. „Die größte Poesie des Universums“ war Titel und Programm zugleich und wurde gefeiert. Allerdings zerstritten sich schon bald die Gründer Paul und der österreichische Liedermacher André Heller. Sehr zum Ärgernis von Paul nahm man den Zirkus in der Anfangszeit vor allem als Hellers Projekt wahr. Bei einem Gastspiel in München kam es zum Bruch, es sollen auch Fäuste geflogen sein.

Circus Roncalli
Foto: Archiv Bernhard Paul / Roncalli

Die Anfänge von Roncalli, hier auf den Uni-Wiesen in Köln.

Paul kam dann abgewrackt nach Köln. Hochverschuldet, aber „nicht pleite, wie alle immer sagen“, so Paul. Nach einer mühseligen Tournee durch österreichische Kleinstädte sollte sein Zirkus samt Wagen, Chapiteau und Sitztribüne versteigert werden. In Köln mietete er sich eine Halle auf dem Stollwerckgelände, eine Zwischenlösung bis zu dessen Abriss. Von der kreativen Atmosphäre in der Südstadt und der brodelnden Atmosphäre im linken Chaos profitierte Paul auch. Akteure wie Ingo Kümmel, Galerist der pulsierenden Kölner Kunstszene, half mit Kontakten. „Beim Böll muss man frühstücken“, erfuhr Paul – gemeint ist Clemens Bölls „Chlodwigeck“, die gute Stube, wo Wolfgang Niedecken, Klaus der Geiger oder Jürgen Zeltinger ein und ausgingen.

Doch abgesehen hatte es Paul von Anfang an auf das Grundstück in Mülheim, auf dem der Circus Williams sein Winterquartier unterhielt. Eine Luftaufnahme davon war auf einem Programmheft abgedruckt, das Paul als Kind bei einem Besuch des Circus Williams stolz erworben hatte. Nachdem sein Bruder und er das Modell des Circus Krone vollendet hatten, baute Paul auch den Zirkus Williams nach, der ihn beeindruckt hatte.

18.03.2026: Winterquartier von Roncalli in Mülheim. Foto: Martina Goyert

Das Winterquartier von Roncalli in Mülheim war einst Heimat des Circus Williams.

Als Paul Ende der 1970er Jahre die Chefin Carola Williams erstmals aufsuchte, hatte diese das Grundstück in Mülheim zu seinem Bedauern soeben an einen „berüchtigten Immobilienhai“ verkauft. Wenigstens ein paar Holzwagen konnte er noch ergattern.

Doch Paul ließ nicht locker. Als der Unternehmer Schulden hatte, bot er sich direkt an und kaufte das heutige „Winterquartier“ doch. Seit Jahren nun schon träumt Paul, auf dem benachbarten Gelände ein Zirkusmuseum zu eröffnen. Er sammelt nicht nur Kostüme der berühmtesten Clowns, historische Zirkus-Dokumente und -Gegenstände: Auch Gitarren von Rockgrößen, ein Originalkostüm von Marlene Dietrich und weitere Preziosen befinden sich in seinem Besitz.

Dass der Satz „Zirkus ist sein Leben“ bei Bernhard Paul nicht einfach so dahergesagt wird, zeigt sich an vielen Randgeschichten: 1985 wurde der Film „Rivalen der Manege“ im Circus Williams gedreht. „Das war so ein toller, romantischer Film, aber auch mit viel Spannung und Action“, erinnert sich Paul. Viele Leute, die in dem Film dabei waren, haben später für das Roncalli gearbeitet.

Langjährige Beziehungen gab es vor allem zu weltberühmten Clowns. Francesco Caroli blieb zwölf Jahre, bis ein Jahr vor seinem Tod im Alter von 81 Jahren, bei Roncalli. Seine Begrüßung: „Kommen Sie rein, lassen Sie Ihren Kummer draußen. Werden Sie wieder Kind“, ist bis heute das heimliche Motto des Zirkus. Seit 2005 verkörpert Fulgenci Mestres als Gensi die Rolle des Weißclowns.

Bernhard Paul als Clown Zippo

Als Clown Zippo tritt Bernhard Paul nichtg mehr auf.

Ein Clown hingegen wird nicht mehr zu sehen sein: Bernhard Paul selbst.  „Ich bin Zirkusdirektor geworden, um Clown zu sein“, sagte er mal – und Zippo war jahrelang sein Alter Ego in der Manege. Doch ein Comeback wird es auch im Jubiläumsjahr nicht geben. „Ich habe die Lust am Clownspielen verloren, weil Fumagalli, den ich als Clown erfunden und aufgebaut habe, alle meine über die Jahre entwickelten Nummern mitgenommen und sie als seine ausgegeben hat. Ich habe ein Leben gebraucht, um das zu erarbeiten.“ Dass ihm sein geistiges Eigentum entwendet wurde, schmerzt ihn immer noch spürbar.

Doch es gibt auch die Versöhnungen. Wie mit Maria Lucas zum Beispiel, der er bis zuletzt verbunden war. Auch mit Heller vertrug er sich wieder. 1992 eröffneten sie das Berliner Varieté Wintergarten.

24.03.2026 Köln. Pressekonferenz  zur Ausstellung „Liebe zur Nostalgie – Mut zur Innovation: 50 Jahre Roncalli“ über den Roncalli-Zirkus in der Kreissparkasse Köln. Die Ausstellung bietet einen exklusiven Rückblick auf die bewegte Geschichte des Circus-Theaters. Foto: Alexander Schwaiger

Familie Paul: Liliana, Bernhard, Lili, Vivian, Adrian.

Roncalli entwickelte sich mit den Jahren zu einem Entertainment-Unternehmen mit inzwischen 250 festen Mitarbeitern, in dem der Zirkus nur ein Standbein von vielen ist. „Hätten wir nur einen Wanderzirkus, wäre es ganz schwer“, sagt Paul. 1997 eröffnete das Theater Roncalli’s Apollo Varieté in Düsseldorf, das sein Sohn Adrian leitet. Seit 2004 veranstaltet der Zirkus im Berliner Tempodrom von Dezember bis Januar eine Weihnachtsshow. Inzwischen gibt es vier Weihnachtszirkusse und drei Roncalli-Weihnachtsmärkte sowie eine Eventagentur. Längst sind seine Kinder Adrian, Vivian und Lili Paul in Leitungsfunktionen und bestimmen den Lauf des Zirkus mit.

Um die Zukunft von Roncalli ist dem Gründer nicht bange. Gerade in einem zunehmend digitalisierten Alltag mit Smartphone und KI brauche es Orte, wo Menschen in eine andere Welt voller Fantasie und Poesie entfliehen können. Es ist die, von der Bernhard Paul schon als Fünfjähriger geträumt hat.