Kritiker attestieren OB Torsten Burmester, machtbewusst und dominant zu agieren. Im Rat sprechen viele von „Aufbruchstimmung“.
100 Tage im AmtDer starke Mann im Kölner Rathaus

Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester mit Bauhelm und Warnweste auf der Baustelle des neuen Kölner Radstadions
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Torsten Burmester war der Kandidat in Turnschuhen, auf den Wahlplakaten der Kölner SPD der „Macher mit Herz“, der Mann, der sein Wahlkampf-Büro in Köln-Kalk hatte und Menschen beim Ausfüllen ihrer Wohngeld-Anträge half. Er tourte mit dem Fahrrad durch die Stadt und schob Veedels-Schichten, um den Bürgerinnen und Bürgern nah zu kommen. Und jetzt, nach 100 Tagen im Amt als Kölner Oberbürgermeister? Trägt Burmester seltener Turnschuhe. Dafür Bauhelm und Gummistiefel, Regenjacke und Laubbläser oder auch Jeans und Wollpulli. Er füttert tagtäglich und mit erstaunlicher Energie die im Wahlkampf begonnene Erzählung vom nahbaren Stadtchef, der die Ärmel hochkrempelt und anpackt.
Das kommt gut an, es ist kaum etwas Negatives zu hören über diesen neuen Kölner OB. Burmesters Vorgängerin Henriette Reker war auf der Zielgeraden ihrer zehn Jahre im Amt sichtlich die Puste ausgegangen, diese Schwäche nährte in Köln eine große Sehnsucht nach Veränderung. Nun wirbelt der neue OB durch die Stadt wie ein frischer Wind nach einer drückenden Hitzeperiode. Er steht öffentlichkeitswirksam in Gummistiefeln auf der Baustelle des neuen Radstadions, untermauert mit einem Laubbläser in der Hand sein Vorhaben, Köln sauberer zu machen und erklärt den Menschen im Pantaleonsviertel im Wollpulli, warum ein Suchthilfezentrum genau hier und jetzt gebaut werden muss.

In Jeans und Pullover erklärt Torsten Burmester bei der Infoveranstaltung zum geplanten Suchthilfezentrum am Perlengraben das Vorhaben der Stadt.
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Burmesters Partei hat sich sehr paritätische Regeln auferlegt, Listenplätze etwa werden in der SPD zwingend abwechselnd an Männer und Frauen vergeben und die Parteiführung in Köln haben mit Claudia Walther und Andre Schirmer eine Frau und ein Mann gemeinsam inne. Mit dem Klischee des starken Mannes den eigenen Spitzenkandidaten zu bewerben, scheint da etwas antiquiert. Aber es hat den Weg ins Rathaus geebnet. In der Stichwahl setzte sich Burmester auch, vielleicht sogar vornehmlich deshalb gegen die Grünen-Kandidatin Berivan Aymaz durch, weil die Kölner CDU sich für ihn ausgesprochen hatte.
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Nun sitzt Burmester zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite die Grünen, die nach wie vor die stärkste Fraktion im Kölner Stadtrat stellen. Und auf der anderen Seite die CDU, der er seit der Stichwahl eine gehörige Portion Loyalität entgegenbringt. Weil Grüne und CDU untereinander aber nicht mehr gut können nach zehn gemeinsamen Bündnisjahren, gelang es Burmester nicht, ein großes Dreier-Ratsbündnis zu schmieden. Also agiert der Stadtrat jetzt mit wechselnden Mehrheiten und einem meinungsstarken OB.

Bei seiner Aktionswoche „Ordnung und Sauberkeit in den Veedeln“ lässt sich Torsten Burmester den Umgang mit einem Laubbläser zeigen.
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Aktuell ist dieses Vorgehen ein Erfolg für Burmester. Viele Ratsmitglieder sprechen von einer „Aufbruchstimmung“. Sie hätten das Gefühl, etwas bewirken, vorankommen, verändern zu können. Weil die Stimmen jeder Fraktion wichtig werden können, fühlen sich die meisten beteiligt. Und selbst die Grünen, obwohl in der Stichwahl mit ihrer Kandidatin unterlegen, scheinen der zupackenden Art des neuen Stadtoberhauptes etwas abgewinnen zu können. Bislang haben sie alle wichtigen Beschlüsse mitgetragen.
Die Kölner CDU hat mit ihrer Unterstützung in der Stichwahl Burmesters Loyalität erobert
Burmester tut sich weder als begnadeter Redner hervor, noch als jemand, der es allen rechtmachen will. Das führt dann schon mal zu irritierenden Situationen: Beim Neujahrsempfang attestierte der OB den Grünen, gute Ideen zu haben. Er merkte aber auch süffisant an, dass sie bei der Umsetzung manchmal Unterstützung benötigten. Bei seinem Auftritt bei der Prinzenproklamation im Januar, für den Burmester in Karnevalskreisen viel Lob erntete, ließ er keinen Zweifel an seiner Haltung zur CDU: „Sogar Schwarz wählt Rot, bevor es Grün wird. Und ich will das in mich gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen.“ Ein Satz, der im Saal Applaus auslöste, aber im Foyer und vor allem bei den Grünen durchaus kritisch diskutiert wurde.
Nachhaltig verärgert hat Burmester aber wohl noch niemanden. Mit ihm dagegen dürften es sich die Linken verscherzt haben, als sie sich vor der Stichwahl gegen Burmester und für Aymaz aussprachen. Das würde zur Wahrnehmung vereinzelter Ratsmitglieder passen, Burmester erwarte „Gefolgschaft“ für sein „Projekt Köln“. Ziehe jemand nicht mit, könne das der OB auch schon mal persönlich nehmen und die Geduld verlieren. Burmester hat es eilig, er will sich beweisen, will Köln im Positiven verändern. Das führe allerdings auch dazu, dass er oft reflexartig und impulsiv reagiere, heißt es im Rathaus. Andere attestieren ihm, machtbewusst und dominant zu sein. „Wer seinen Vorstellungen, wo es lang gehen soll, nicht entspricht, wird als unkonstruktiv abgestempelt“, sagt ein Ratsmitglied.
Kölns Ob Torsten Burmester wird als professionell und locker im Umgang gelobt
Doch auch in ihm politisch weniger wohlgesonnenen Lagern wird Burmesters Professionalität gelobt. Er verstehe es, sowohl die Verwaltung zu führen, als auch den Rat hinter sich zu bringen. Er sei lockerer im Umgang als seine Vorgängerin, heißt es von Verwaltungsangestellten, wenn auch manchmal etwas brüsk. Mitreißend zu sein, müsse er noch lernen. Burmester scheue sich nicht, auch die schwierigen Themen wie das Suchthilfezentrum anzugehen, sagt ein Ratsmitglied. Immer wieder wird dem OB „Tatkraft“ bescheinigt.
Der starke Mann, der anpackt und sich durchsetzt, kann dem Vernehmen nach aber auch zuhören und Fehler eingestehen. Allerdings in begrenztem Rahmen. Habe er einen Entschluss gefasst und sei überzeugt von dessen Richtigkeit, hinterfrage man das besser nicht länger, heißt es auch über Burmester. In Anspielung auf seine politischen Anfänge als persönlicher Referent des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, der auch nicht unbedingt für einen Mangel an männlichem Dominanz-Gebaren bekannt ist, wird Burmester mitunter eine gewisse Neigung zur „Basta-Politik“ nachgesagt. Er entscheidet, wo es langgeht.
Burmesters Wirken als Basta-OB wird dabei nicht zwangsläufig als Makel wahrgenommen. Er bekommt auch viel Zuspruch. Dass Köln zur Leading City der Olympiabewerbung der Region geworden ist, wird ihm und seiner unbedingten Unterstützung der Bewerbung zugeschrieben. Er war Vorstandschef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), hat also beste Kontakte in den Sport. Entsprechendes gilt für ihn, den ehemaligen Abteilungsleiter im NRW-Wirtschaftsministerium, und die Unternehmen in Köln. Der erste Beweis: Er hat die Kölner Wirtschaft zusammengetrommelt und dazu gebracht, Gelder locker zu machen, um vor dem Ratsbürgerentscheid am 19. April gemeinsam für Olympia zu werben.
100 Tage sind keine lange Zeit. Sie reichen für einen ersten Eindruck, mehr nicht. Burmester ist für fünf Jahre zum Kölner Oberbürgermeister gewählt worden und hat sich vorgenommen, zehn Jahre zu bleiben. „Köln hat viele Probleme – und alle sind drängend“, hat er am Tag nach seiner Wahl gesagt, und dass er zeigen wolle, dass er sich engagiert kümmert. Der erste Eindruck vom neuen OB ist vornehmlich positiv in der Stadt. Ein Ratsmitglied hat es so formuliert: „Er wirbelt viel Staub auf.“

