In der neuen Reihe „Lokalrunde“ des Literaturhauses stellen jeweils zwei Kölner Autoren oder Autorinnen ihre Neuerscheinungen vor.
30 Jahre Literaturhaus KölnJubiläum mit einem regionalen Akzent

Modernes Licht an altem Gemäuer: das Kölner Literaturhaus
Copyright: Alexander Roll
Großmutter Hertha, Mutter Ellen und Tochter Dora erzählen von Krieg und Nachkrieg rund um das Kloster Knechtsteden. Derweil macht sich der Privatdetektiv Emil Nerz in Buenos Aires auf die Suche nach einem verschollenen Kafka-Manuskript. Und im Süden Indiens reden sechs Dichterinnen und Dichter über Poesie und streunende Hunde. Was die drei Geschichten verbindet, die frisch auf dem Buchmarkt gelandet sind? Die Spur führt nach Köln.
Köln ist ein Zentrum des literarischen Schreibens in Deutschland. Und in Nordrhein-Westfalen sogar das Epizentrum. Ja, auch im Ruhrgebiet oder in Münster wird gedichtet. Doch die Zahl der Autorinnen und Autoren, die mit ihren Texten von Köln aus an die Öffentlichkeit treten, wird nirgendwo sonst zwischen Rhein und Weser erreicht. In diesem Zusammenhang sprechen auch die Einreichungen für Literaturpreise und Stipendien eine deutliche Sprache.
Viele Faktoren entfalten hier ihre beflügelnde Wirkung. Von der Kunsthochschule für Medien, an der es eine einschlägige Ausbildung gibt, über den Schreibraum, in den man sich günstig einmieten kann, bis zum Zusammenschluss in der „Literaturszene Köln“. Und das sind nur einige der Kraftzentren. Dass die sommerliche Lesebühne „Nimm Platz!“ auf dem Neumarkt künftig nicht mehr dazugehört, weil die Stadt ihre geringen Mittel anders einsetzen will, passt leider nicht ins positive Gesamtbild. Dabei diente diese Initiative sowohl der Kunst als auch dem sozialen Brennpunkt.
Seit 30 Jahren sorgt auch das Literaturhaus Köln für Rückenwind. Da ist es naheliegend, wenn diese Institution ihr Jubiläum mit einem regionalen Akzent feiert. So bereichert jetzt eine „Lokalrunde“ das Programm. Im Mittelpunkt: Autorinnen und Autoren, die in Köln und der Region zuhause sind. Ihre Neuerscheinungen gibt es fortan allmonatlich im Doppelpack.
Die April-Lesung bestreiten Ute Wegmann mit „Alles soll sehr weiß sein“ und Bastian Schneider mit „Umschreibung“. Im Mai folgen Thomas Empl mit „Pariah Dogs“ und Lisa Roy mit dem Roman „Alles ist Gold“, der erst in vier Wochen erscheint. Schließlich stehen im Juni die Auftritte von Thea Mantwill mit „Gescheiterte Sterne“ und Enno Stahl mit „Menschmaschinen“ auf dem Programm. Die ersten drei Titel stellen wir auf dieser Seite vor.
Dies noch zum Auftakt: der ist schon mal verheißungsvoll. Aufgrund der großen Nachfrage wurde die Veranstaltung vom Literaturhaus in die nahegelegene Karl-Rahner-Akademie verlegt – und ist auch schon ausverkauft.
Ute Wegmann: „Alles soll sehr weiß sein“
Drei Frauen, drei Generationen, eine Familie! Diese Lebensläufe schildert Ute Wegmann in ihrem Roman „Alles soll sehr weiß sein“ auf eindrucksvolle Weise. Es ist ein Wechselgesang von Zeitzeuginnen. „Man schwieg, aus Angst“, sagt Großmutter Hertha über die Nazi-Zeit. „Ich wollte einfach alles vergessen“, erklärt ihre Tochter Ellen, die bei Kriegsausbruch vier Jahre alt war. „Ich frage und warte und frage und warte“, stellt schließlich „Kriegsenkelin“ Dora fest.
Mit dem Trio erleben wir den Zweiten Weltkrieg, die Befreiung vom Nationalsozialismus, das westdeutsche „Wirtschaftswunder“, die 68er-Proteste, ein wenig auch den „deutschen Herbst“ und den Fall der Mauer. All diese Großereignisse drängen sich in den Alltag der selbstbewussten Frauen. Der wird nicht allein bestimmt von der Hausarbeit, sondern auch vom Gelderwerb. So arbeitet die Großmutter in der Wäscherei eines Lazaretts, das im aufgehobenen Kloster Knechtsteden für Soldaten mit Kopfverletzungen eingerichtet worden ist. Da können die Laken gar nicht weiß genug sein.
Tatsächlich herrscht auf dem Buchmarkt kein Mangel an Familiengeschichten, die in der NS-Zeit wurzeln. Mit gutem Grund. Diesem Mosaik fügt Ute Wegmann einen feinen Stein hinzu. Der Roman ist behutsam im Zugriff, facettenreich in der Ausgestaltung und fair in der Abwägung. Ein attraktiver Blick in die deutsche Alltagsgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Bastian Schneider:„Umschreibung“
Eigentlich ist es ganz einfach: Der Privatdetektiv Emil Nerz wird im Franz-Kafka-Jahr 2024 beauftragt, einen angeblich verschollenen Text des Schriftstellers ausfindig zu machen: „Kafkas Lippenstift“. Doch tatsächlich ist alles viel komplizierter. Denn Bastian Schneider liebt die literarische Verrätselung. Das hat er zuletzt in seinem Roman „Das Loch in der Innentasche meines Mantels“ vor Augen geführt. Nun lässt er in „Umschreibung“ erneut die Literatur-Korken knallen. Mit Wortwitz und Spielwitz. Da mischen sich Vergangenheit und Gegenwart, Fakes und Fakten. Das Ganze: ein Genre-Mix aus Abenteuerroman, Fanfiction, Literaturliteratur und Science-Fiction.
Emil Nerz führt die Suche nach dem Manuskript bis in die Verließe der Nationalbibliothek von Buenos Aires. Bald ist gewiss, dass sich hinter dem Auftrag für den Detektiv eine weltumspannende Problematik auftut. Der Erzähler selbst deutet es frühzeitig an: „Sollte ich der Umschreibung zum Opfer fallen, so will ich hier eines festhalten: Ich, Emil Nerz, bin der letzte Zeuge der alten Weltordnung.“
Was es mit der „Umschreibung“ im Detail auf sich hat, bei der man an Kafkas „Verwandlung“ denken könnte, darf hier nicht verraten werden. Denn aus der allmählichen Aufdeckung dieser totalitären Gehirnwäsche zieht der Roman seine Spannung. Ein Vexierspiel um die Macht und das Wort.
Thomas Empl: „Pariah Dogs“
Das Wort „Sangam“ bedeutet im Sanskrit „zusammenkommen“. So steht es auf der Homepage der Autorenresidenz „Sangam House“ in Bangalore. Thomas Empl war dort vor mehr als einem Jahr zu Gast. Nun legt er eine so schmale wie schöne Erzählung über seine Wochen in Südindien vor: „Pariah Dogs“. Mag sich der Titel zunächst auf die Straßenhunde vor Ort beziehen, so darf man überdies an die internationale Zufallsgemeinschaft im Sangam House denken.
Wenn die Autorinnen und Autoren nicht schreiben, reden sie über Gott und die Welt. Und so wie die „crazy writers“ im Tuktuk in wilder Ausflugsfahrt auf ihren Sitzbänken hin- und hergeschoben werden, geht es auch für die Leserinnen und Leser quer durch den Themengarten. Das bietet Reize zuhauf. Das große Plus der Prosa (die merkwürdigerweise als Novelle bezeichnet wird): Thomas Empl schaut genau hin. Er protzt nicht mit uns exotisch anmutenden Fundstücken, sondern ist ein behutsamer Sammler der Augenblicke.
Der „quartalseinsame Mensch“ gibt einiges preis. Auch sein Bewerbungsschreiben an die Kunsthochschule für Medien in Köln von 2017: „Mein Münchner Kino wurde verkauft, ein Wahnsinniger ist mitsamt Frau und Kleinkind in meine WG gezogen, ich arbeite mit meiner Exfreundin zusammen und werde vom Wanderdichter Josef verfolgt. Bitte nehmen Sie mich.“ Welche Hochschule könnte da schon Nein sagen!
Die Lokalrunden: Ute Wegmann und Bastian Schneider am 14. April, 19 Uhr, Karl Rahner-Akademie, Jabachstraße 4–8, Moderation: Sabine Küchler und Martin Mittelmeier (ausverkauft). Es folgen Thomas Empl und Lisa Roy am 21. Mai und Thea Mantwill und Enno Stahl am 8. Juni, jeweils im Literaturhaus.
Die Bücher: Ute Wegmann: „Alles soll sehr weiß sein“, Maro, 248 Seiten, 24 Euro. Bastian Schneider: „Umschreibung“, Sonderzahl, 132 Seiten, 24 Euro. Thomas Empl: „Pariah Dogs“, Parasitenpresse, 110 Seiten, 14 Euro.
