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„Allegro Pastell“-Autor Leif Randt„Die 2020er sind ein großes Ärgernis“

8 min
Frankfurt/Main, Hessen, Deutschland, 15.10.2025: Messe: Frankfurter Buchmesse 2025: Leif Randt *** Frankfurt Main, Hesse, Germany, 15 10 2025 Frankfurt Book Fair 2025 Leif Randt Copyright: xdtsxNachrichtenagenturx dts_89534

Der deutsche Autor Leif Randt, dessen Kultbuch „Allegro Pastell“ jetzt verfilmt wurde.

Autor Leif Randt über die Verfilmung seines Bestsellers „Allegro Pastell“, die jetzt in den Kinos anläuft, und die Sehnsucht nach einer besseren Zeit.

Leif Randt, wird ein liebgewonnenes Buch verfilmt, geht man als Leser mit einer gewissen Besorgnis ins Kino. Dort läuft jetzt die Adaption Ihres Romans „Allegro Pastell“ unter der Regie von Anna Roller. Wie nervös waren sie als Autor?

Leif Randt: Ich glaube, es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen, wenn die Anfrage nach einer Verfilmung kommt: Entweder sagt man, ihr habt freie Hand, macht das, ich bin raus – und kann sich später performativ darüber beklagen, das sei ja nicht die eigene Version. Oder man bringt sich ein. Unter Prosaautoren ist die Variante, dass man sich beklagt, typischer. Ich habe mich dafür entschieden, mitzumachen, weil ich mit dem Produzenten sehr schnell ein gutes Verhältnis hatte und wir beim gemeinsamen Spazieren in so einen Brainstorm hineingeraten sind. Also dachte ich, dann kann ich es auch gleich selbst schreiben, weil ich sowieso Lust auf Drehbuch habe, generell. Dabei ist es aber schon etwas sonderbar, den Stoff, den man bereits geschrieben hat, noch mal neu aufzuziehen. Das Drehbuch war ja trotzdem ein komplett neuer Text, der Roman hat nicht viele Dialoge, und Prosadialoge sind anders als solche, die Schauspieler später sprechen sollen. Ich musste auch einige Figuren, die man im Roman nur aus der Perspektive der Hauptfiguren wahrnimmt, neu entwickeln, um sie sprechen zu lassen.

Ist es nicht eher ungewöhnlich, dass man einen Romanautor ohne Filmerfahrung bittet, das Drehbuch selbst zu schreiben?

Es ist schon ein eigenes Handwerk, ein eigener Beruf, keine Frage. In der Praxis stellte ich fest, dass es auch eine andere Art zu denken ist. Alles, was du schreibst, ist in erster Linie Arbeitsmaterial für das Filmteam, das daraus dann im Idealfall die Magic macht.

Sie müssen als Autor die Kontrolle abgeben. Ein schmerzhafter Prozess?

Ich fand es nicht schmerzhaft. Ich war viel eher gespannt, was daraus wird, und habe mich darauf gefreut. Ich glaube auch, man kann sich den Film anschauen und trotzdem noch anschließend den Roman lesen und seine eigenen Bilder dazu kreieren. Auch weil sich die Figuren im Film ein bisschen verändert haben und viele Orte und Szenen aus dem Roman nicht vorkommen.

Einiges fiel erst der finalen Schnittfassung zum Opfer. Existiert in Ihrem Kopf so etwas wie ein „Author's Cut“ des Films?

Darüber habe ich gestern lange nachgedacht, als ich den Film zum ersten Mal seit der Berlinale wieder gesehen habe. Ich würde mir zumindest wünschen, dass die rausgeschnittenen Szenen, die teilweise visuell bombastisch waren, zugänglich gemacht werden, manche würden auch als Clips gut funktionieren. Auch viele Dialoge sind kürzer als im Drehbuch, es fielen teils lustige Momente weg. Es macht aber absolut Sinn, wie der Film verdichtet wurde, er ist seine stringenteste Version. Und es ist dann auch mal gut mit Tanja und Jerome. Ich habe die allerersten Skizzen des Romans schon 2017 geschrieben, vor neun Jahren.

Wenige Tage nach dem Erscheinen von „Allegro Pastell“ kam der erste Lockdown. Das Buch hat dadurch, dass die Leute es in einem Ausnahmezustand gelesen haben, eine extreme Aufladung erfahren.
Leif Randt

Neun Jahre sind eine lange Zeit. Und eigentlich konnte der Roman gleich nach seinem Erscheinen als historischer Roman gelesen werden.

Ja, wenige Tage nach seinem Erscheinen kam der erste Lockdown. Die Zeit davor wirkte plötzlich unendlich weit weg, ein völlig anderes Lebensgefühl. Das Buch hat dadurch, dass die Leute es in einem Ausnahmezustand gelesen haben, eine extreme Aufladung erfahren. Dazu kam diese Figur der vorauseilenden Wehmut, die ich dem Text als Motto vorangestellt habe. Ich hatte vage antizipiert, dass das Leben, so wie es jetzt ist, sowohl biografisch als auch gesellschaftlich in Deutschland und in Mitteleuropa, wahrscheinlich nicht mehr lange so bleiben kann. Damals hatte ich das gedanklich eher auf den Klimawandel und dessen immer ernstere Folgen bezogen. Und dann kommt ein Virus, das um die Welt geht und alles runterfährt – eine sehr Science-Fiction-hafte, plakative Angelegenheit. Das passte gruselig gut.

Dabei hatten Sie mit „Planet Magnon“ zuvor einen Science-Fiction-Roman veröffentlicht und just, als Sie mit „Allegro Pastell“ in den Alltag zurückkehren wollen ...

… wird die Realität überlebensgroß, genau. Hätte man die heutigen Vorgänge in der internationalen Geopolitik im Jahr 2012 in einer Serie gesehen, hätte man das als ein bisschen zu dick aufgetragen, zu unrealistisch, empfunden.

Jetzt muss die Wehmut nicht mehr vorauseilen, jetzt ist sie übermächtig.

Die Gefahr der Nostalgie ist durch die vielen Einschnitte seit 2020 größer geworden. Wir leben in einer Realität, in der es viele Antagonisten gibt, in der alles angezählt scheint und in Zweifel gezogen wird. Es ist schon sehr unbehaglich. Mein Leben lang hatte ich gesagt: Es war nie besser als jetzt gerade. Das kann man jetzt nicht mehr halten. Wobei es eine Beobachtung gibt, die mich optimistisch stimmt: Das Leben jenseits des Blicks auf die Nachrichten und den Bildschirm ist meistens ganz schön. Zumindest in meiner Realität geht der meiste Stress vom Diskurs im Internet aus und nicht vom Zwischenmenschlichen. Und so geht es, glaube ich, vielen Leuten: Man blickt pessimistisch in die Welt, aber erlebt im analogen Alltag gar nicht so viele schlimme Dinge. Bei Umfragen erhält man oft das Ergebnis: Die Prognose für das Land oder die Gesellschaft ist pessimistisch, die für das eigene Leben positiv. Man denkt, man selbst kommt klar, aber alle anderen werden nicht klarkommen. Diese Diskrepanz ist widersinnig, aber nachvollziehbar.

Der Film „Allegro Pastell“ kommt am 16.04.2026 in die deutschen Kinos.

Sylvaine Faligant (l.) als Tanja Arnheim und Jannis Niewöhner als Jerome Daimler in einer Szene des Films "Allegro Pastell".

Meine 18-jährige Tochter geht jetzt auf 2016er-Partys, die heißen wirklich so, und es läuft die Musik von vor zehn Jahren, als die Welt angeblich noch vergleichsweise idyllisch war.

Auch für mich war 2016 ein gutes Jahr. Ich war erstmals in Japan, diese Erfahrung hat sich in meiner Biografie tief eingeschrieben. Ich habe mich für das Internet und Social Media geöffnet, habe die Story-Funktion bei Snapchat entdeckt und gedacht: Das ist eine interessante Art zu erzählen. Und die damals immer größer werdende Cloud-Rap-Musik hat mich emotionalisiert und total abgeholt in ihrer Flucht nach vorn – wir geben uns den Süchten hin, sei es Handysucht, sei es die Affinität zu Drogen. Das Nihilistische daran hat mir eine positive Energie gegeben. Das war vielleicht das letzte Mal, dass ich von einer sehr jungen Popkultur mitgerissen wurde. Ich kann mich aber auch daran erinnern, wie Leute in meinem Umfeld, als 2016 endete, sagten: Zum Glück ist dieses furchtbare Jahr vorbei. Es war das Jahr, in dem die erste Trump-Regierung gewählt wurde, es war das Jahr des Brexit, es war eigentlich der Beginn der Düsterkeit. Aber die 2020er-Jahre sind ein noch viel größeres Ärgernis, das muss man sagen.

Kann man sagen, dass das vergleichsweise sorgenfreie, privilegierte Leben der „Allegro Pastell“-Figuren im Rückblick aus den dunklen 2020ern noch abstoßender wirkt?

Ich denke, ja. Aber das Buch hat diesen Lebensstil nicht glorifiziert, sondern leicht überhöht ausgestellt, ohne völlig unrealistisch zu werden. Und der Film tut das auch. Ich glaubte zuerst, ich hätte etwas Fröhliches geschrieben, weil ich selbst beim Schreiben eine gute Zeit hatte. Als ich den Roman dann zum ersten Mal in der Druckfahne las, dachte ich: Man kann das Leben dieser Figuren auch als sehr deprimierend empfinden. Aber es ist ja eigentlich ganz gut, dass so viele verschiedene Leseweisen darin angelegt sind.

Ich hatte eher den Eindruck einer ernsthaften Heiterkeit. Und ich hatte mich damals gefreut, einen so genauen Einblick in eine mir eher fremde Generation zu bekommen: die Millennials.

Ich glaube, so ein Generationengefühl bildet sich heraus, wenn man an der Schwelle zum 30. Lebensjahr steht. Dann hat man zehn Jahre Erwachsensein hinter sich und man sieht viel klarer, was typisch war an dem, was man gesagt, gedacht und getan hat, was sich zuvor individuell anfühlte und nicht wie typisch für eine Generation oder Gruppe. Für mich war der erste Moment, als ich dachte: Wow, ich und meine besten Freunde sind gar keine so ausgesprochenen Individuen, als mir meine Mutter, die Wirtschaft an einer Berufsschule unterrichtet hat, Anfang der 2000er die Sinus-Milieus vorgestellt hat ...

Zumindest in meiner Realität geht der meiste Stress vom Diskurs im Internet aus und nicht vom Zwischenmenschlichen.
Leif Randt

… ein sozialwissenschaftliches Modell zur Beschreibung der Gesellschaft, mit dem das deutsche Sinus-Institut Menschen nach ihren Werten, Lebensstilen und Alltagseinstellungen einteilt.

In der Broschüre zu den Sinus-Milieus gab es den Konsumenten-Cluster „Postmodernist“. Ich habe dessen Eigenschaften durchgelesen, und gedacht: Das sind doch wir. Es gibt also einen Begriff für unsere Art, die Welt zu sehen und zu konsumieren. Ein Vorgeschmack auf diese extreme Fixierung auf Generationen, die sich seit 2020 noch viel mehr im gesamtgesellschaftlichen Diskurs verselbstständigt hat. Leute, die nach Orientierung suchen, nutzen diese Generationenschubladen als Option, sich zu identifizieren. Aber es ist ja auch was dran.

In Ihrem aktuellen Roman, „Let's Talk About Feelings“, sind die Figuren mit Ihnen gealtert. Es geht nun um Erfahrungen, die man macht, wenn man auf die 40 zugeht. Bleibt man als Autor seiner Generation, seinem Erfahrungsausschnitt verhaftet? Sollte man es vielleicht sogar, weil …

… man darüber am besten sprechen kann? Da verfolgt man fast schon so eine Idee von Identitätspolitik: Ich darf nur über weiße heterosexuelle Männer schreiben …

… eines gewissen Alters!

Was diesen Diskurs angeht, ist man gerade über dem Zenit. Ich würde eher sagen: Man darf alles, wenn es gelingt. Man muss nur kritisch genug draufschauen. In einer Besprechung zum „Allegro Pastell“-Film stand, es sei schon ein Wagnis, dass da jemand behauptet, er könne gleichberechtigt über eine männliche und eine weibliche Figur schreiben. Ich meine, da wird es irgendwann eng, mit dem, was man noch schreiben kann und darf. Da droht man als Autor in eine Art Meme-Starre zu verfallen, völlig festgelegt auf eine Perspektive. Ich vermute, dass es in meinem Schreiben immer Stellvertreter-Figuren geben wird, die sich in meiner Lebensphase befinden. Aber die müssen nicht unbedingt im Zentrum stehen.

Der Protagonist von „Let's Talk About Feelings“ verliebt sich in eine Regisseurin, reist zu Premieren ihres neuen Werks mit. Haben Sie da schon Ihre Erfahrung mit dem „Allegro Pastell“-Film antizipiert? Momentan touren Sie zusammen mit Anna Roller durch deutsche Großstadtkinos

„Let's Talk About Feelings“ ist total geprägt davon, dass ich vorher und teilweise noch währenddessen das Drehbuch zu „Allegro Pastell“ geschrieben habe – diese Freude, Figuren zu entwickeln und filmische Szenen zu schreiben. Da machte es Sinn, gleich noch eine Filmpremiere auf der Berlinale zu imaginieren, von der ich damals noch nicht wusste, dass sie mit „Allegro Pastell“ so ähnlich stattfinden würde. Ich hatte Spaß, mich da reinzudenken.

Und wie verhält sich die Erfahrung zu dem Imaginierten?

Die tatsächliche Berlinale-Premiere war glamouröser und festlicher als in „Let's Talk About Feelings“ beschrieben. Das hat sich viel toller angefühlt, als ich vorher gedacht hätte. Ich hatte erst kurz zuvor realisiert, dass das eine große Sache ist, war dann zwei, drei Tage sehr nervös und habe diese Nervosität gerade noch rechtzeitig in Vorfreude umgemünzt. Und dann war es einfach ein schöner Tag, der 14. Februar, Valentinstag. Vormittags Interviews gegeben, dann zur Premiere gefahren, und abends auf die Premierenparty – one for the books.

Ihre neue Filmerfahrung war für Sie letztlich also eine positive?

Ja, das kann ich jetzt schon sagen. Egal, wie lange sich der Film im Kino hält und wie viel Publikum er emotional erreicht. Ich bin dankbar für die vielen Leute, die ich kennengelernt habe – aus dem Filmteam und der Produktion, die Regisseurin, den Cast. Ich habe auch fürs Schreiben viel mitgenommen und auf jeden Fall Lust, in beiden Bereichen weiterzumachen.