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BDA-Vorsitzender Erich Pössl„Köln ruht sich auf seiner Eins in Feiern aus“

6 min
Architekt und BDA-Vorsitzender Erich Pössl.

Architekt und BDA-Vorsitzender Erich Pössl. 

In unserer Serie „Mein Kulturmonat“ setzt sich der Architekt und BDA-Vorsitzende Erich Pössl unter anderem dafür ein, dass die Stadt Köln ihr Bestands-Potenzial besser nutzt.

Ich bin am Niederrhein aufgewachsen und Köln war für uns damals ein Magnet. Heute sitzen wir mit unserem Architekturbüro oben im Hansahochhaus - in den 70er Jahren sind wir immer hierhin zum Saturn gepilgert. Insofern bin ich auf diese Weise zurück zu meinen Wurzeln gekommen.

Als ich Ende der 1980er nach Köln gezogen bin, war ich als Fahrradfahrer noch eher ein Exot, und es war ziemlich schlimm, hier Rad zu fahren. Mittlerweile hat sich das ja komplett durchgesetzt.  Und auch bei den Radwegen hat sich in letzter Zeit zum Glück viel getan, zumindest in der Innenstadt. Trotzdem nimmt die Zahl der Autos nach wie vor zu – in Köln sind es inzwischen mehr als 500.000 - was irrsinnig ist. Ganz Köln würde in diese Autos passen - und die Hälfte wäre immer noch leer!

Ich habe selbst zwei Kinder, und ich finde es beschämend, was wir unseren Kindern an Lebensraum bieten. Kinder werden in irgendwelchen umzäunten Reservaten geparkt, auf Autorücksitzen transportiert oder in so drolligen Trupps mit Warnwesten uniformiert durch die Stadt geleitet wie die Außerirdischen. Sie haben keine kinderfreundliche Lebensumwelt - weswegen es nach wie vor das Ideal ist, sich in einem Einfamilienhaus so ein kleines Stückchen heile Welt für die Kinder auszuparzellieren.

Eine gesunde Stadt ist mindestens so wichtig wie eine schöne Stadt

Eigentlich sind wir mit unseren Erkenntnissen viel weiter - aber es passiert einfach nichts. Und im Vergleich mit dem westlichen und nördlichen Ausland ist Köln da Entwicklungsland. Mir geht es nicht nur um eine schöne Stadt, genauso wichtig ist mir das Thema gesunde Stadt. Lärm, zu schneller Verkehr, Vereinsamung, keine Begegnungsräume:  Unser städtischer Lebensraum einfach unwirtlich, zum Beispiel an den Kölner Ausfallstraßen.

Ich finde, es ist ein positives Zeichen, dass sich junge Leute den öffentlichen Raum zurückerobern. Im Agnesviertel zum Beispiel, am Sudermannplatz oder am Neusser Platz - da ist ja an schönen Abenden richtig was los. Vom Ebertplatz ganz zu schweigen. Das könnte an noch viel mehr Stellen in der Stadt passieren - für alle Bevölkerungsschichten, eben auch für die Kleinen oder für die Senioren. Denn wir haben ein Vereinzelungs-Problem in der Gesellschaft und ein großes Bedürfnis, sich zu begegnen. Dafür brauchen wir wohnungsnahe Freiräume. Die müssen gar nicht total toll gestaltet sein – es reicht schon, wenn es Sitzgelegenheiten gibt und nicht überall Autos rumstehen. Denn Köln hat ein großes Potenzial, eine Bevölkerung, die gesellig ist, die sich auch gerne draußen aufhält.

Natürlich sind in den vergangenen Jahrzehnten auch viele tolle Sachen gebaut worden – der Rheinboulevard, die Bildungslandschaft Altstadt-Nord und die Schaugewächshäuser im der Flora, die demnächst eröffnet werden sollen. Aber insgesamt hinkt die Stadt dem Transformationsbedarf hinterher. Das Clouth-Quartier in Nippes ist beispielsweise für mich städtebaulich ziemlich misslungen: Sehr asphaltlastig, mit Tiefgaragen noch in der letzten Ecke. Diese großflächige Form monofunktionaler Straßenräume - das wird in Zukunft hoffentlich anders gemacht. Allerdings gibt es jetzt den Bauturbo und es soll beispielsweise in Widdersdorf noch mehr gebaut werden – ohne Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Das jetzt offenbar wieder Bauen auf der grünen Wiese en vogue ist, finde ich sehr bedenklich. Insgesamt müssen wir mit dem städtischen Raum viel sorgsamer umgehen und ihn prioritär für die Menschen und für das Grün nutzen.

Wir haben schon so viel - wir müssen den Bestand jetzt nur noch behutsam sanieren
Erich Pössl

Die Stadt ist ja schon da – das ist ein Slogan für das Areal der Papierfabrik Zanders in Bergisch-Gladbach, der mir sehr gut gefällt. Denn wir haben schon so viel - wir müssen den Bestand jetzt nur noch behutsam sanieren. Und nur im Notfall abreißen. Das sollten wir uns in Köln gerade für das Rechtsrheinische zu Herzen nehmen, wo viel Industriebestand leider vor sich hingammelt. Das Otto-Langen-Quartier in Mülheim ist ein Beispiel. Dabei ist da so viel Potenzial für günstigen Wohnraum und auch Kultur! Genauso wie in Kalk, wo das Migrationsmuseum Selma auf dem Areal der Hallen Kalk geplant war - auch so ein ehemaliges Industriegelände.

Da gab es einen jahrelangen Prozess um dieses Gebiet – mit dem tollen Ergebnis, dass dort dieses Museum gebaut werden soll, vor allem mit Bundesmitteln. Und jetzt riskiert die Stadt Köln alles einzustampfen, was da an bürgerschaftlichem Engagement und Partizipation gelaufen ist und auch an Arbeit von der Stadt. In einer Kurzschlussreaktion wegen Sparzwängen. Dabei gibt es ja die Substanz! Gerade dann hat man doch die Möglichkeit, Dinge noch einfacher zu machen, wenn gespart werden muss. Wenn es beispielsweise 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche gibt – vielleicht muss davon ja nicht alles beheizt sein? Mit guten Konzepten lässt sich viel Geld sparen.

Kölner Industriebestand, der vor sich hingammelt: Das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste gehört zum Otto-Langen-Quartier.

Kölner Industriebestand, der vor sich hingammelt: Das Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste gehört zum Otto-Langen-Quartier.

Doch in Köln wird leider entweder abgerissen oder ganz perfekt saniert. Dazwischen gibt es nichts. Wie bei der Oper - wahrscheinlich hätte man die ganz schlicht mit einem viel niedrigerem Standard als Kulturzentrum sanieren können, als städtebaulicher Ankerpunkt. Und anderswo eine neue Oper für die Hälfte des Geldes hinbauen können. Und gleichzeitig wird ein Gebäude wie das Hölderlin-Gymnasium in Mülheim einfach abgerissen, das nicht unter Denkmalschutz steht, aber ein erhaltenswertes Gebäude aus der Kaiserzeit ist. Genau wie jetzt beim Agrippabad, wo plötzlich angeblich alles nicht mehr funktionieren soll, was vor 20 Jahren eingebaut wurde. Ich vermute ehrlich gesagt, dass da ein Gutachter morgens zehn Normen gefrühstückt hat. Ein Bestandsbau kann jedoch nie alle heutigen Regeln erfüllen.

Ähnlich war das ja auch bei der Stadtbibliothek, wo plötzlich statische Mängel aufgebauscht wurden. Solche Gebäude werden viel zu schnell vorauseilend verurteilt, damit man sich bloß nicht mit dem Altbaubestand auseinandersetzen muss und die Mühe scheut, zu sanieren. Das ist allerdings nicht nur ein Kölner Problem.

Und die Verwaltung versteckt sich hinter dem Überlastungsmantra, das sich mit jeder Wiederholung mehr und mehr wie ein Geständnis des Nichtwollens anhört. Dabei brauchen wir einen öffentlichen Bauherrn, der Projekte umsetzen kann. Damit auch mal wieder Museen eröffnet werden. Im Moment werden ja nur welche geschlossen.

Der Dom, der Rhein, die besonders lebensbejahende Bevölkerung - das alles lässt unsere Stadt als unkaputtbar erscheinen. Köln konnte seine Identität über die Zerstörung des Krieges retten und über die fast so schlimmen Zerstörungen in der Zeit danach. Meine Befürchtung ist -gerade auch für Olympia in Köln-, dass man mit einer Eins in Feiern hochzufrieden ist - und sich in allen anderen Fächern mit Vier minus durchwurschtelt. Dabei bieten sich auf vielen Gebieten beste Chancen für die Zukunft unserer Stadt, mit ihrem riesigen Potenzial an kreativen Köpfen und ehrenamtlich Engagierten.


Persönliche Kulturtipps für den Mai

Das CircusDanceFestival vom 16. bis 31. Mai findet nicht nur auf dem Festivalgelände am Rhein statt, sondern auch im Öffentlichen Raum, in U-Bahnstationen, an Tischtennisplatten, Plätzen und Parks. Das finde ich ein tolles Konzept.

Das Museum für Angewandte Kunst widmet dem international einflussreichen Architekten, Theoretiker und Professor Oswald Mathias Ungers (1926 bis 2007) anlässlich seines 100. Geburtstags ab dem 22. Mai die Ausstellung „Architektur als Idee“. Dazu gibt es auch am Montag, 18. Mai, ein Montagsgespräch des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) im Domforum.

Ich finde den Eberplatz als Raum spannend mit der Zwischennutzung und dieser skurrilen Mischung aus afrikanischem Restaurant, Copyshop und den Kunstgalerien.Dass dort so viel Kultur einfach draußen stattfindet, finde ich großartig. Im Mai sind drei Ausstellungen zu sehen und am 21. gibt es ein Mitsing-Konzert. unser-ebertplatz.koeln

Erich Pössl wurde 1959 in Geldern geboren und studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er gründete 1996 in Köln das Büro „Nebel Pössl Architekten“ und ist seit 2024 Vorstandsvorsitzender des Kölner Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA).