Die beiden Tenöre Christoph und Julian Prégardien präsentierten mit dem Freiburger Barockorchester ein versiertes Vater-Sohn-Programm.
Christoph und Julian Prégardien in der PhilharmonieDramatische Kraft und Gespür für das Lied

Julian und Christoph Prégardien
Copyright: Marco Borggreve
Gesangsdynastien sind erstaunlich selten. Christoph Prégardien und sein Sohn Julian sind eine solche. Es fallen einem eigentlich nur noch Brigitte Fassbender und ihr Vater Willi Domgraf-Fassbender ein, bei denen Elternteil und Kind auf demselben künstlerischen Level agieren. Die Prégardiens haben am Montag in der Philharmonie zusammen mit dem Freiburger Barockorchester unter Leitung des Hammerflügelspielers Kristian Bezuidenhout ein ausgeklügeltes Programm zur Vater-Sohn-Thematik präsentiert. Da gab es Stücke, bei denen man das Gemeinsame und das Unterschiedliche dieser beiden Sängerpersönlichkeiten heraushören konnte, da wurde mit Mozart und seinem Sohn Franz Xaver ein prominentes Beispiel aus der Musikgeschichte in Erinnerung gerufen, und es gab Auszüge aus der wohl bekanntesten Vater-Sohn-Oper, Mozarts „Idomeneo“.
Vater und Sohn, Lied und Oper
In dieser Oper verspricht der kretische König Idomeneo Neptun, den ersten Menschen zu opfern, dem er nach seiner Rettung aus Seenot begegnet, und das ist sein Sohn Idamante. Diese Begegnungsszene und die spätere Opferszene gestalteten Vater und Sohn Prégardien mit drängendem Ausdruck, sprachnaher Deklamation und opernhaftem Impetus, vor allem in den orchesterbegleiteten Rezitativen. Ursprünglich war die Rolle des Idamante eine Kastratenrolle und erst in der zweiten Fassung für Tenor umgearbeitet. Bemerkenswert in Köln war, wie sehr sich die Stimmen der Prégardiens ähnelten – beide sind lyrische Tenöre mit dunkler baritonaler Einfärbung. Vater und Sohn in dieser Weise im stimmlichen Einklang hätten ein interessantes dramaturgisches Potenzial für eine Opernaufführung des „Idomeneo“. Julian Prégardien hat sicher mehr dramatische Kraft als sein Vater, was er in der Konzertarie „Aura, che intorno spiri“ (KV 431) herausstellen konnte. Bei „Ho mille lorvo intorno“ („Tausende Gespenster umgeben mich“) werden regelrechte Forte-Attacken gefordert, die er auch lieferte.
Demgegenüber zeigte Christoph Prégardien erneut seine überragenden Qualitäten als Liedsänger. Den zweiten Teil des Abends begann er mit einer kleinen Liedersammlung, darunter echte Trouvaillen eines gewissen Nicolaus von Krufft, der im Hauptberuf Sekretär von Fürst Metternich war. Dazu einige unbekannte Lieder von Beethoven. Krufft kann sich auf diesem Feld neben Beethoven durchaus behaupten, aber nur, wenn er wie in Christoph Prégardien einen Anwalt findet, der aus einer Miniatur mit sparsamer Klavierbegleitung wie „Der Abend“ auf Worte von Schiller durch kunstvolle semantische Vokalfärbungen und fein changierenden Ausdrucksvaleurs ein vielschichtiges Gebilde macht – und das bei völlig ausgeglichenen Stimmregistern und noblem Timbre eines Sängers, der gerade die 70 überschritten hat.
Alles zum Thema Kölner Philharmonie
- „Große Anerkennung“ Kölner Komponist York Höller für sein Lebenswerk ausgezeichnet
- Christoph und Julian Prégardien in der Philharmonie Dramatische Kraft und Gespür für das Lied
- Lahav Shani in Köln Konzert mit Münchner Philharmonikern verläuft ohne Proteste
- Kölner Philharmonie Renner des Repertoires von Grieg und Mussorgsky
- Bowies Musik, Bowies Leidenschaft Die Hommage mit Alexander Scheer geht auf Tour
- Tenöre Christoph und Julian Prégardien „Wir begegnen uns auf Augenhöhe“
Mozart-Sohn Franz Xaver mit eigenem Stil
Der Mozart-Sohn Franz Xaver, der im Todesjahr 1791 geboren wurde, machte Karriere als Pianist. Bei seinen Kompositionen stand auf dem Titelblatt „W. A. Mozart Sohn“. Dabei zeigt er etwa in seinem C-Dur Klavierkonzert von 1808 einen durchaus eigenständigen Stil. Das Adagio daraus spielten Bezuidenhout und das Freiburger Barockorchester wie einen musikalischen Kommentar zur ersten Szene aus „Idomeneo“. Im Orchester tönten düstere Klangflächen und mitunter auch schnarrende Basstöne aus den Fagotten, die zu dem regentropfartigen Rieseln aus dem historischen Hammerflügel einen interessanten Gegensatz bildeten.
Seinen großen Auftritt hatte das Orchester freilich am Schluss mit Mozarts Haffner-Sinfonie (KV 385), in gemeinsamer Leitung von Konzertmeister Gottfried von der Goltz und Bezuidenhout, der auch in der Sinfonie immer wieder Klavier spielte. Durch die kleine Besetzung mit historischen Instrumenten und die gespannt pulsierende Artikulation bei durchweg zügigen Tempi, konnte man das Stück z.B. im Andante des 2. Satz völlig neu erleben. Man hörte keine melodiösen Girlanden, sondern einander abwechselnde Klangschichten, die wie rhetorische Ausrufe wirkten. Mozart war plötzlich ein Komponist, der vorwegnahm, was mehr als 100 Jahre später jemand wie Mahler zum Prinzip erhob.

