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Johannes-Passion in der PhilharmonieMehr als Feiertagsverschönerung

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Das Denkmal für den Komponisten Johann Sebastian Bach steht nach seiner Restauration wieder an seinem Platz am Frauenplan.

Das Denkmal für den Komponisten Johann Sebastian Bach in Eisenach

Das Gürzenich-Orchester unter Andrea Marcon führte in der Kölner Philharmonie Bachs Johannes-Passion jenseits aller Routine auf.  

Zuletzt hatte das Gürzenich-Orchester Bachs Johannes-Passion vor neun Jahren gespielt, damals unter der Leitung von François-Xavier Roth. 2017 – das war vor Corona, vor dem Ukraine-Krieg, vor dem Iran-Krieg. Und so oder so eine andere Zeit, durchaus verschieden von der welthistorischen Rahmensituation, in die hinein die Gürzenich-Musiker das Werk am jüngsten Karfreitag in der Kölner Philharmonie platzierten – unter dem Dirigat des italienischen Alte-Musik-Experten Andrea Marcon. Hat das etwas für die Passion und ihre Hörer zu bedeuten? Nun ja, die Metapher mag fadenscheinig sein, sei hier aber trotzdem gewagt: Ein Karfreitag herrscht auch in der internationalen politischen Arena – und zwar ohne jede Aussicht auf ein erlösendes Ostern.

Tatsächlich mochte es dem einen oder anderen Hörer im ausverkauften Konzerthaus je nach dem schwergefallen sein, sich solcher Gedanken zu entschlagen – zumal dann, wenn sich die Aussage von Text und Musik mit jener existenziellen Eindringlichkeit vermittelt, wie es jetzt der Fall war. So ein Konzert wird dann einfach zu mehr als einer stimmungsvollen Feiertagsverschönerung. Dabei konnte im Stil wie in der technischen Performance einiges durchaus Kritik auf sich ziehen. Entscheidend ist aber, dass da keine vorösterliche Bach-Routine vom Band lief, sondern ein Drama von großer expressiver Dichte zu erleben war, dem darüber hinaus eine sehr eigene, kaum verwechselbare Handschrift eignete. Und das will etwas heißen angesichts der mit den dicken Lasuren einer langen Deutungsgeschichte zugedeckten Komposition.

La Cetra sang teilweise mit kaum zu toppender Brillanz

Um mit dem – schließlich die zentrale Rolle versehenden – Chor zu beginnen: Marcon hatte aus seinem Wirkungsort Basel das von ihm gegründete La Cetra-Vokalensemble mitgebracht, eine 16-köpfige Profi-Kammerformation, die am Ende der Aufführung noch durch die Vokalsolisten verstärkt wurde (und seinerseits, mit Pilatus und Petrus, ausgezeichnete Soliloquenten stellte). Sie sang nicht nur einfach „gut“ – wobei sich die einschlägigen Tugenden naheliegend zumal in den Turbae zur Geltung brachten: Da schmerzte die mordlustige Menge mit ätzendem chromatischem Gift, da entfaltete sich das „Bist du nicht seiner Jünger einer“ in einem faszinierend aufgesplitterten Raumklang, da kam ein Satz wie „Lasset uns den nicht zerteilen“ mit der kaum zu toppenden Brillanz eines entspannten Federns.

Größte Gestaltungsintensität hatte Marcon auf die Choräle verwandt. Ermöglicht durch langsame Grundtempi, entfaltete sich hier ein großer Reichtum in Dynamik und Binnenphrasierung, in den figurensprachlichen Details. Vielleicht geschah da auch des Guten manchmal zu viel, mitunter staute sich der Fluss nahe am Stillstand. Und der Dirigent liebt die Zurücknahme ins ganz Leise, wo der Klang dann auch mal etwas spirrlig wird – nicht wegen sängerischer Defizite, sondern ob der extremen „Deckelung“. Dank der gleichzahligen Gruppenbesetzung waren in den Fugen wie in den Chorälen Bachs herrliche Mittelstimmen genau zu hören. Der Chorsopran fiel etwas auseinander, die entschieden solistische Potenz der übrigens mit vernehmbarem Vibrato ausgestatteten Stimmen ließ die wünschenswerte Homogenität nicht immer zustande kommen.

Die Solisten-Palme gebührte dem Evangelisten Andrew Staples

Unterschiedliche Güte auf insgesamt gutem Basisniveau zeigten die Vokalsolisten. Die Palme dürfte dem Evangelisten Andrew Staples gebühren, der seinen Part mit einer sehr direkten szenischen Präsenz, dabei aber auch sachlich, ohne Übertreibungen oder Märchenonkel-Allüren, kurzum: sehr stilangemessen formulierte. Bei den übrigen Akteuren fielen unterschiedliche Schwächen auf: Während der Arien-Tenor Mirko Ludwig gelegentlich mit nervös attackierten Spitzen aufwartete, entgleiste Christian Wagners Jesus ärgerlich in salbungsvoll-sentimentale Manierismen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Die Sopranistin Shira Patchornik wartete mit einer etwas künstlich wirkenden Exaltation sowie schrill-metallischem Timbre auf, und die Mezzosopranistin Sara Mingardo gefiel am besten immerhin in ihrer großen „Es ist vollbracht“-Arie.

Ausgezeichnet wiederum präsentierte sich das abgespeckte und zugleich durch etliche Gäste bereicherte Gürzenich-Orchester. Marcon gelang es offensichtlich, im Traditionsorchester den Geist der historischen Aufführungspraxis effektiv wehen zu lassen. Gerade auch die Solisten – an Flöten, Oboen, Viola da Gamba – beherzigten hier eindrucksvoll die Tugenden barocker Klangrede in ihrer kernigen Körperhaftigkeit.