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Josef HaubrichSammeln für eine Zukunft ohne Nazis

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Josef Haubrich schaut leicht schielend in die Kamera.

Josef Haubrich im Jahr 1956 auf einem Porträt des Kölner Fotografen Chargesheimer

Seine Sammlung bildet den klassischen Kern des Museum Ludwig. Über Leben und Leiden des großen Kölner Mäzens Josef Haubrich.

„Ich habe mich der modernen Kunst verschworen“, behauptete Josef Haubrich bereits 1913, noch unter dem halbwegs frischen Eindruck der „folgenschweren Offenbarung“, die ihm im Jahr zuvor mit der Sonderbundausstellung in Köln erschienen war. Allerdings dauerte es noch einige Jahre, bis sich der Rechtsanwalt aus gutem Kölner Hause tatsächlich unter die Verschwörer mischte und sein bescheidenes Vermögen in Bilder ausgewiesener Bürgerschrecks wie Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner oder Oskar Kokoschka investierte. In den wilden Zwanzigern wurde Haubrich zum Mäzen des deutschen Expressionismus – vielleicht auch, weil die Sonderbund-Moderne mit ihren Picassos und van Goghs seine finanziellen Möglichkeiten überstieg.

Im Rheinland gehörte Haubrich zu den maßgeblichen Förderern einer Moderne, die in den 1920er Jahren nicht nur Nazis mit Argwohn und teils Abscheu verfolgten. Er ließ sich mit der Ehefrau von Anton Räderscheidt porträtieren, versorgte die Mitglieder der Kölner Progressiven mit Aufträgen, kaufte die brüchigen Figuren Wilhelm Lehmbrucks und Kirchners spitz zulaufende „Fünf Frauen auf der Straße“. Zu seinen Favoriten gehörten Marc Chagall, Max Ernst, Erich Heckel, Alexej von Jawlensky, Paula Modersohn-Becker und Emil Nolde – heute lauter Klassiker der Moderne. Als Haubrich 1923 seine Heimatstadt erstmals mit seiner Kunst beschenken wollte, lehnte deren Oberbürgermeister Konrad Adenauer jedoch unfreundlich dankend ab.

Sein Geschenk verstand Haubrich als Botschaft an die Kölner Bürger

Haubrich ließ sich davon nicht beirren und kaufte weiter, was ihm gefiel – auch nach 1933, als sein Geschmack als „entartet“ galt. Jetzt sammelte er mit dem erklärten Ziel, die moderne Kunst für eine hoffentlich bald anbrechende bessere Zukunft zu bewahren. Wie die verfemten Künstler seiner Sammlung wurde auch Haubrich selbst während der NS-Jahre verfolgt: Er war mit Alice Gottschalk, einer Jüdin, verheiratet, und wurde deshalb gesellschaftlich geschnitten und als Anwalt von allen öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen. Bei Hausbesuchen der Gestapo fiel seine Sammlung unangenehm auf.

Die bessere Zeit war für Haubrich gleich nach Kriegsende gekommen. Am 17. April 1946 stiftete er Köln mehrere Hundert Gemälde und Zeichnungen, die in die von den Nazis geplünderte Sammlung des Wallraf-Richartz-Museums eingingen. Seine Schenkung verstand Haubrich als Botschaft an die demoralisierte Kölner Bürgerschaft; die Kunst sollte ein Sinnbild dafür sein, dass die Nazis nicht alles zerstört hatten, wofür die deutsche Kulturnation zuvor gestanden hatte. Es war überdies ein Geschenk an eine Stadt, die seine jüdische Ehefrau 1944 in den Suizid getrieben hatte.

Sicherlich kann niemand behaupten, die Stadt Köln habe Josef Haubrich, ihren 1889 nahe der Hohen Pforte geborenen und 1961 in Bad Münstereifel verstorbenen Ehrenbürger, jemals vergessen. Aber der Mann, der seiner Heimatstadt zum kulturellen Neubeginn nach dem Krieg verhalf, stand später lange im Schatten Peter Ludwigs. Also jenes Sammlers, der dafür sorgte, dass Haubrichs Schenkung im Bauch des nach ihm, Ludwig, benannten Museums verschwand. Unter den großen Kunstmäzenen Kölns, neben Wallraf und Ludwig, steht Haubrich als einziger ohne eigenes Museum da. Eine große Bühne erhielten Haubrichs Klassiker der Moderne erst wieder unter Kasper König, als dieser im Jahr 2000 die Direktion des Museum Ludwig übernahm.

2016 verlieh die Stadt Köln Haubrich die Jabach-Medaille posthum – ein Novum in der Geschichte dieser für Kunstsammler und Mäzene reservierten Auszeichnung, die dem Geehrten allerdings mehr als angemessen ist. Haubrich war nicht nur ein großzügiger Stifter, sondern auch einer der Architekten des kulturellen Wiederaufbaus in Köln. Gemeinsam mit Leopold Reidemeister, dem ersten Direktor des Wallraf nach dem Krieg, erwarb Haubrich weitere moderne Werke für die Sammlung und brachte den Neubau des zerstörten Museums auf den Weg. Vor allem war Haubrich aber ein Beispiel für moralische Standhaftigkeit im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Einige Werke aus der Haubrich-Sammlung wurden zu Restitutionsfällen

An diesem Vermächtnis ändert auch nichts, dass Haubrich während der NS-Zeit einige Kunstwerke erwarb, von denen sich jüdische Sammler und Händler unter dem Druck der Verfolgung trennen mussten. Mehrere Zeichnungen kaufte Haubrich bei Hildebrand Gurlitt, einem Kunsthändler von Hitlers Gnaden und Begründer der zu trauriger Berühmtheit gelangten Gurlitt-Sammlung. Anderes bei Alex Vömel, einem Kunsthändler, der die Galerie des aus Deutschland geflohenen Alfred Flechtheim unter nie vollständig geklärten, aber eher dubiosen Umständen weiterführte. Aber dies waren im NS-Staat im Grunde die einzigen Quellen, um „entartete“ Kunst legal erwerben zu können – und so vor der möglichen Zerstörung zu bewahren.

Einige Werke aus der Haubrich-Sammlung wurden zu Restitutionsfällen. 2013 gab die Stadt Köln nach einer entsprechenden Empfehlung der Limbach-Kommission Oskar Kokoschkas „Bildnis Tilla Durieux“ an die Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim zurück. Bei elf Werken aus der Grafischen Sammlung einigte man sich mit den Nachkommen der Verfolgten: Papierarbeiten von Künstlern wie Kirchner, Heckel, Modersohn-Becker, Barlach und Aristide Maillol konnten im Museum Ludwig bleiben. 

In den vergangenen Jahren wurde Josef Haubrich gelegentlich vorgeworfen, er habe mit NS-Funktionären wie dem Wallraf-Direktor Otto H. Förster gekungelt und sich an der Not jüdischer Kunstsammler bereichert. Doch ging es ihm wohl vor allem darum, seinen geliebten Expressionisten eine sichere Zuflucht bieten zu können und sich vorzugaukeln, dass die Nazis wenigstens in seinem Zuhause keine Macht ausübten. Es war ein Trugschluss, wie wir nicht erst heute wissen. Und doch gibt es keinen Anlass, daran zu zweifeln, was in den Entnazifizierungsakten der US-Armee über Haubrich steht: „perfectly o.k.“