Shakespeares Drama, das Vincenzo Bellini zu seiner Oper „I Capuleti e i Montecchi“ inspirierte, wurde in Köln mit namhafter Solisten-Besetzung konzertant aufgeführt.
Kölner PhilharmonieSängerische Ausnahmeleistung bei Bellinis „Romeo und Julia“-Oper

Sang in der Kölner Philharmonie als Giulietta hinreißend schön: Die dänisch-französische Sopranistin Elsa Dreisg. (Archivbild)
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An Shakespeare sollte man dabei nicht denken. Auch Vincenzo Bellini hat nicht an ihn gedacht, als er 1830 seine Oper „I Capuleti e i Montecchi“ komponierte. Erst auf den zweiten Blick erkennt man im Titel die Namen jener beiden verfeindeten Veroneser Familien, denen das tragische Liebespaar Romeo und Julia entstammte. Die italienische Romantik hatte – anders als die deutsche – Shakespeare noch nicht für sich entdeckt; Bellinis Librettist Felice Romani griff auf jene einheimischen Renaissance-Novellen zurück, denen auch der elisabethanische Dichter seine Kenntnis des Stoffs verdankte.
In der Philharmonie wurde die hierzulande nur selten gespielte Oper konzertant geboten, mit dem Hamburger Ensemble Resonanz unter Leitung des italienischen Originalklang-Experten Riccardo Minasi, der hier vor drei Jahren bereits Bellinis „Norma“ seinen Stempel aufgedrückt hatte. Auch diesmal machte Minasi eindrucksvoll deutlich, dass er die frühromantische Belcanto-Oper keineswegs nur als üppiges Solistenfutter ansieht, das von ein wenig schmückendem Beiwerk begleitet wird – so etwa ist ja der Ruf dieser Stücke.
Ein Klang wie zu Bellinis Zeiten
Tatsächlich staunte man nicht schlecht, was da so alles los war im Orchester, wie treffend etwa die verschiedenen Solo-Instrumente in den Arien-Vorspielen Stimmung und Kolorit erzeugten. Minasi ließ sie alle mit einer sängerisch freien Phrasierung spielen, verfolgte aber auch ganz dezidierte Rubato-Strategien, die Bellinis schier endlose Melodien sinnig gliederten und belebten. Wo es kriegerisch zur Sache geht, setzt der Komponist Becken und große Trumm zuweilen arg verschwenderisch ein; aber selbst aus diesen Momenten wusste Minasi kreatives Feuer zu schlagen: Da klang nichts plump oder massiv; da drang etwas Hitziges, Aggressives, plebejisch Plärrendes durch – und man glaubt gerne, dass es anno 1830 im venezianischen Teatro La Fenice ganz genauso aus dem Graben tönte.
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Anders als es der Titel suggeriert, vollzieht sich in Bellinis Oper keine Familientragödie. Außer Romeo und Julia (hier: Giulietta) treten lediglich drei weitere Personen auf, die gegenüber dem Liebespaar aber deutlich zurückstehen. Antonio Di Matteo gab Giuliettas Vater Capellio eine etwas steife, aber nicht unpassende Bass-Würde; geschmeidiger klang Nicolò Donini als Lorenzo (der hier nicht Mönch ist, sondern Arzt). Romeos Gegenspieler Tebaldo hat Bellini immerhin eine eigene Arie zugestanden, die der Tenor Amitai Pati mit Noblesse und exzellenter Stimmführung gestaltete. Wie wirkungsvoll auch der Chor in das Drama eingebunden ist, nimmt man erst wahr, wenn dessen Partie so präzise und schlagkräftig ausgeführt wird wie vom WDR Rundfunkchor.
Mezzosopranistin Kate Aldrich sang durchgehend mit viel Kraft und Druck
Letztlich aber gehört das Stück vor allem den beiden Liebenden, deren männlicher Part nicht ohne Grund als Hosenrolle gestaltet ist. Die amerikanische Mezzosopranistin Kate Aldrich schien dem Romeo indes jenes tenorale Testosteron wiedergeben zu wollen, das der Komponist ihm eigentlich entzogen hatte. Sie sang durchgehend mit viel Kraft und Druck, und zuweilen sorgte man sich, ob sie durchhalten würde – offenbar ist die erfahrene Sängerin solchen Belastungen aber gewachsen. Dass sie sich die traditionell eingelegten hohen Töne weitestgehend sparte, wäre zu verschmerzen gewesen; was man mehr vermisste, war das feinere Finish im Klang, besonders bei der herzzerreißenden Arie an der Grabstätte.
Giulietta wird üblicherweise mit leichteren Stimmen besetzt als jener, die Elsa Dreisig mittlerweile entwickelt hat. Die dänisch-französische Sopranistin sang so hinreißend schön, so beseelt und ausdrucksstark, dass die Emotionen der Figur aus jeder Note sprachen. Welche andere Sängerin, die bereits eine Strauss-„Salome“ hinter sich hat, könnte ein Piano in der Höhe mit dieser unfehlbaren technischen Sicherheit formen, Spitzentöne so weich aufblühen lassen, lange Phrasen so mühelos auf dem Atem führen? Der Beifall für diese sängerische Ausnahmeleistung war in der eher schwach besuchten Philharmonie denn auch entsprechend groß.

