Am Karnevalsfreitag gab Helge Schneider das erste von drei Philharmoniekonzerten. Auch mit 70 hat er sein inneres Kind noch nicht verloren.
Kölner PhilharmonieWie Helge Schneider sein Publikum zur Schnappatmung treibt

13.02.2026, Köln: Helge Schneider gibt seine Karnevalskonzerte in der Philharmonie.
Copyright: Arton Krasniqi
Das nächste Lied, konférenciert Helge Schneider, habe er für einen Elektrikerlehrling geschrieben. Es folgt, man hätte es sich denken können, „Gefunkt“. Ein frühes Stück, zu finden auf dem Beinahe-Debütalbum „Seine größten Erfolge“, einer Aneinanderreihung von Schlagerparodien, vom Carpendale’schen Intimgenuschel über frankofone Chansons und Wiener Heurigenliedern, bis zum rechthaberischen Protestsong.
Damals zog der Mülheimer noch als „Singende Herrentorte“ über Deutschlands Kleinkunstbühnen, aber es waren weniger die parodistischen Inhalte als deren forcierte Ungelenkheit, die sein Publikum zu Lachkrämpfen reizten.
So einen absoluten, auf nichts als sich selbst verweisenden Blödsinn hatte man hierzulande noch nicht erleben dürfen, oder wenigstens nicht mehr seit den frühen Tagen der Dada-Bewegung. Schneider hatte sich selbst die Erlaubnis dazu erteilt, und jetzt teilte er diese neu gewonnene Freiheit mit einer stetig wachsenden Fangemeinde, brachte ihr, ohne weitere pädagogische Absichten, bei, wie man endlich aufhört, Sinn zu machen. Oder, wie er das damals ausdrückte: „lernen, lernen, popernen“.
Alles zum Thema Bläck Fööss
- Kölner Philharmonie Wie Helge Schneider sein Publikum zur Schnappatmung treibt
- Unfall an Weiberfastnacht Sängerin Marita Köllner nach Bühnen-Sturz in Klinik
- Karneval im Gefängnis So feiern die Frauen in der JVA Köln-Ossendorf
- Rathaussturm Karnevalistinnen stürmen Burscheider „Ersatzrathaus“
- Weibersturm Schlebusch Besser ein Kölsch in der Hand als Kaffee zum alten Preis
- „Aber dat mäht nix“ Marita Köllner stürzt während Jubelmoment auf der Bühne am Alter Markt
- Kuckelkorn verabschiedet Bläck Fööss und NRW-Justizminister bei Karnevalssitzung in der JVA Ossendorf
Man kommt ihm nicht auf die Schliche
Bald darauf konnte Schneider die Krücke der Parodie wegwerfen, er war jetzt sein eigenes Genre und ist es bis heute geblieben, immer gleich, immer neu. Einer, von dem man schon alles zu wissen, von dem man jede Routine zu kennen glaubt – und dem man trotzdem nicht auf die Schliche kommt.
Es ist Karnevalsfreitag, wir sind noch ganz am Anfang des ersten von drei Konzerten, mit denen Schneider an den tollen Tagen die Philharmonie ausverkauft. Als Alternative zum allgemeinen Frohsinn, oder als Fortsetzung desselben. Eine seit Jahrzehnten gepflegte Tradition.
„Du gehst auf mich zu“, singt Schneider, kurzatmig wie ein übergewichtiger Elvis-Imitator, „und mir schlottern gleich die Knie, es hat gefunkt bei mir!“ Früher hat er zu dieser Ruhr-Version von Rock'n'Roll noch die E-Gitarre gespielt und dazu den Entengang von Chuck Berry imitiert.

Helge Schneider lädt uns in seine Spielkindwelt ein.
Copyright: Arton Krasniqi
Heute hampelt er ganz unrockig zur federleichten Jazz-Begleitung von Gitarrist Sandro Giampietro, Kontrabassist Leo Richartz und Peter Thoms, dem 85-jährigen Schlagzeuger, den Schneider, der mittlerweile selbst die 70 überschritten hat, schon vor knapp 40 Jahren wegen seines fortgeschrittenen Alters piesackte.
Helge hampelt und nimmt sich selbst beim Buchstaben, imitiert nach jeder Zeile ein albernes Kurzschlussgeräusch, pzzz, brrsch, knnck, schüttelt die Glieder, rauft sich die langen Haare. Es hat gefunkt und die Funken sprühen die Terrassen der Philharmonie herauf, bis sich das Gelächter über die unforcierte Albernheit bis zur obersten Reihe fortgesetzt hat.
Bei seinen Auftritten heute denke er oft an seine Zeit als Spielkind zurück. Erzählt Schneider in „The Klimperclown“, der autobiografischen TV-Doku, die er sich vergangenen Sommer zu seinem runden Geburtstag gegönnt hat.
Als Helge Schneider mit Duke Ellington bowlen war
Und wie ein Spielkind bewegt er sich über die Philharmonie-Bühne, greift sich eine Mundharmonika, bläst einmal hinein: „Gruß von Bob Dylan“, schreibt mit dem Finger „Sau“ in die Staubschicht des Konzertflügels, verstellt den Klavierschemel, übt sich in verschiedenen „funny walks“, denkt sich Münchhausiaden aus, wie die Geschichte in der er Duke Ellington in Berlin im Bus trifft und mit dem Jazz-Giganten bowlen geht: Ellington habe immer Alle Neune geworfen, mit zwei Kugeln gleichzeitig, er selbst habe vergessen, dass man beim Bowling die Schuhe wechseln muss und keine Socken getragen.
Oder er widerspricht sich noch im selben Satz, schwärmt ausführlich von seiner Zeit im schönen Rio de Janeiro, „wo ich leider noch nie war“, treibt ein Ereignis durch sämtliche Jahreszeiten, nur um am Ende völlig den Faden zu verlieren. Oder schleicht sich hinters Schlagzeug, um den unbeeindruckbaren Peter Thoms zu erschrecken.

Helge Schneider mit Band: Kontrabassist Leo Richartz, Schlagzeuger Peter Thoms und Gitarrist Sandro Giampietro.
Copyright: Arton Krasniqi
Kurz, Helge spielt für sich, weltvergessen. Lässt Texte vertrudeln, vergisst, beim Saxofon ins Mundstück zu blasen, bratzt dafür in die Panflöte, dass es klingt, als hätte sich ein Fettberg im Abflussrohr gelöst. Er projiziert nicht nach außen, ins Parkett, sondern lädt das Publikum in seine Kinderwelt ein. Wir dürfen mitspielen, für eine Zeit jedenfalls. „Firlefanz“ nennt er das, und katalogisiert im gleichnamigen Lied, was das sein könnte: „Zeig einer Polizistin deinen nackten Arsch“; „Geh mit einer Antilope in den Zoo“; vor allem: „Geh nicht zur Schule, bleib einfach dumm“.
Er selbst habe das Gymnasium mit 13 verlassen, merkt Schneider an anderer Stelle an, dann habe er jahrelang gar nichts gemacht, außer darauf zu warten, dass er endlich in der Philharmonie auftreten darf: „Und hier bin ich!“
Mühelosigkeit ist das Ideal. Oder besser gesagt eine Virtuosität, die ständig durchscheint, sich aber nie zu erkennen gibt. Wunderbar luftig spielen die Musiker, von denen Helge behauptet, sie als Findelkinder am Wegesrand aufgelesen, und mit Kontrabass oder Gitarre in den Kinderhort geschickt zu haben.
Für musikalische Angeberei hat der Multiinstrumentalist denn auch nur Spott übrig, besonders schön, wenn er ein Bongo-Solo verschleppt, dabei immer wieder ostentativ den Ellbogen aufs Fell presst, so wie das Perkussionisten tun, um die Tonhöhe zu variieren, bis schließlich beide Ellbogen im Dauereinsatz sind. Gekonnt ist gekonnt, nur Töne hört man dabei natürlich nicht mehr. Bei einer Frau, weiter oben im Block E, löst diese Aktion unkontrolliertes Aufjauchzen bis zur Schnappatmung aus – man weiß vorher eben nie, wann die Macht des Unsinns einen erwischt.
Der philharmonische Abend endet, nach zweieinhalb Stunden und dem vom fiependen Akkordeon begleiteten Lob des „Supersexy Käsebrot“, wie so oft an der Klais-Orgel. Helge stimmt „Mer losse d’r Dom en Kölle“ an, zum unironischen Mitsingen, unterbrochen vom zirzensischen „Einzug der Gladiatoren“ und einem Kirchenchoral. Warum? Weil es die Bläck Fööss so vorgeben haben: „Dat hät doch keine Senn!“

