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Kölnischer KunstvereinSchweinchenrosa ist die Farbe der Saison

4 min
Eine rosa Fläche mit Kritzeleien verdeckt eine Backsteinmauer.

„Schweine Steine Scherben (smoking)“ von Monika Baer, derzeit im Kölnischen Kunstverein ausgestellt.  

Die Malerin Monika Baer zeigt im Kölnischen Kunstverein neue Werke zwischen großer Illusionskunst und primitiver Kritzelei.

Die moderne Kunstgeschichte hat bekanntlich ein großes Herz und umarmt sogar, was der ahnungslose Bürger Kritzeleien nennt. Sie finden sich, als künstlerische Äußerungen eines vor sich hin dämmernden Geistes, bevorzugt auf Schmierzetteln und Klowänden, und wurden von den Surrealisten bereits vor Urzeiten zur „automatischen“, aus den Tiefen des kollektiven Unbewussten aufsteigenden Schrift geadelt. Selbst ein Kunsthistoriker wie Ernst Gombrich, eher in der Renaissance zu Hause, wusste das Kritzeln zu schätzen: Es reinige den Geist von störenden Gedanken und helfe so der Konzentration.

Aber was machen all die störenden Gedanken, nachdem der Geist sie zum Nebenausgang hinauskomplimentierte? Jetzt toben sie sich erst einmal im Kölnischen Kunstverein aus, wo die Malerin Monika Baer ihre jüngste Werkserie präsentiert. Sie trägt den Titel „Schweine Steine Scherben“ in Anlehnung an die legendäre deutsche Rockgruppe – den Ton hat Baer anscheinend durch das prominente Schweinchenrosa ihrer Großformate ersetzt – und besteht aus wirklichkeitsgetreu gemalten Backsteinmauern, über die jemand lavendelfarbige Stuckflatschen gezogen hat. In diese wiederum hat Baer unzählige, stilistisch und inhaltlich kaum vereinbare Kritzeleien gesetzt – „von gekonnt bis doof“, um Valérie Knoll, die Direktorin des Kunstvereins, zu zitieren.

Leinwände wie Schmierzettel, die von Hand zu Hand gehen

Gekonnt ist etwa ein Pferdefuß, wie man ihn früher an Kunstakademien zu zeichnen lernte; eher doof sind die pinkelnden Comicfiguren und ein nackter Hintern, in dem eine Schaufel zu stecken scheint. Wohl um die Surrealisten zu ehren, hat Baer auch Übernatürliches in die zähe Farbbrühe gefurcht: eine Blumenvase aus Gesichtern mit gebleckten Zähnen und herausgestreckter Zunge oder eine Mauer, aus der Flammen schlagen. Außerdem finden sich Zeichnungen von betenden Händen, Lebensbäumen und Menschen im Profil zwischen den verlässlich wiederkehrenden Toilettenfantasien.

Das Sammelsurium ist Programm. Monika Baer habe keine persönlichen Vorlieben ins Bild gesetzt, versichert Knoll, sondern eine anonyme Zufallssammlung simuliert. Ihre Leinwände sind also wie Schmierzettel, die von Hand zu Hand gehen, oder eben eine Mauer, vor der sich jemand eingeladen fühlte, sich auf ihr zu verewigen, und den anderen damit ein Beispiel gab. Allzu überraschend sind die Hinterlassenschaften dieses kollektiven Unbewussten zwar nicht; sie ähneln dem Traumkitsch, dem man den Surrealisten nachsagte. Aber es ist amüsant, sich über die aus der Halbdistanz kaum sichtbaren Kritzeleien zu beugen wie über die feinmalerischen Höchstleistungen des niederländischen Barocks.

Aus einem Armeemantel quillt das Futter wie menschliches Fleisch

Für dieses Spiel mit kunsthistorischen Traditionen wird die Professorin an der Frankfurter Städelschule international geschätzt – ihre Premiere hatten die „Schweine“-Bilder vergangenen Winter in der New Yorker Galerie Greene Naftali. Im Kölnischen Kunstverein werden die acht Großformate (davon drei, auf denen das Schweinchenrosa als „All-over“-Komposition das Mauerwerk komplett verdeckt) durch einige „Mantelbilder“ ergänzt, auf denen die Farbe nicht mehr ganz so frisch ist, die aber ähnlich schillern. Sie leihen sich ihren inoffiziellen Titel jeweils von einem russischen Armeemantel, den Baer so auf Mauersimse oder in Nischen drapiert, dass sein Futter nach außen quillt. Beim Mantel mit violettfarbenem Futter ist die zeithistorische Anspielung auf die menschliche Haut, den verletzlichen Leib, überdeutlich: Das weiche Innere wird hervorgeholt, die harte Hülle bietet keinen Schutz mehr.

Gemalt ist das mit einer handwerklichen Finesse, die sich auch bei den „Schweine“-Bildern zeigte. Bei diesen gehört der inszenierte Gegensatz zwischen „primitiven“ Kritzeleien und den beinahe fotorealistisch gemalten Mauerhintergründen zum kunsthistorischen Spiel. Um die Illusion zu steigern, setzt Baer auf ihnen sogar Grünspan in die Ritzen und Kratzer auf die Ziegel. Bei den „Mantelbildern“ legt sie ihr Können in den Faltenwurf der Mantelstoffe und die seidige Glätte des Innenfutters – und zitiert auf den Hintergründen die Flächigkeit der abstrakten Malerei.

Steht man vor einer dieser 2,40 Meter hohen Leinwände, kann man sich tatsächlich fragen, wo der Realismus einer „echten“ Mauer- oder Höhlennische endet und das Fleckige und Speckige eines expressiv-abstrakten Clyfford-Still-Gemäldes beginnt. Auf ihren „Mantelbildern“ scheint Baer die Gegensätze der modernen Kunstgeschichte besonders innig umarmen zu wollen, und weil ihr das offenbar nicht genügt, malt sie auch noch jeweils das Fragment eines antiken Mosaiks ins Bild hinein.

Verdutzt erkennt man, dass die bunten Steine nicht unter einer Tünche auftauchen, sondern auf die oberste Farbschicht des Mauerwerks gesetzt wurden. Da hat jemand das mit dem Kritzeln aber mächtig falsch, nämlich klassizistisch missverstanden.


„Monika Baer: Defection“, Kölnischer Kunstverein, Hahnenstr. 6, Köln, Di.-So. 11-18 Uhr, bis 3. Mai 2026.