Ihr Leben gleicht einem Film, ihre Kunst beamt uns in einen Kosmos bunter Obsessionen. Ausblick auf die Ausstellung von Yayoi Kusama in Köln.
Urknall mit PunktenYayoi Kusama im Museum Ludwig

Yayoi Kusama im Jahr 2017 bei der Arbeit an „My Eternal Soul“ (2009–2021)
Copyright: Yayoi Kusama/Courtesy of Ota Fine Arts, David Zwirner
Wäre das Leben Yayoi Kusamas ein Film, würde dieser nicht mit ihrer Geburt beginnen. Er begänne 63 Jahre später mit ihrer triumphalen Wiedergeburt als Künstlerin. Es wäre das Jahr 1993, der Ort der japanische Pavillon der Biennale von Venedig, und Kusama, eine zierliche Dame mit Pagenschnitt, trüge zum schwarz gepunkteten gelben Overall einen passenden spitz zulaufenden Zauberhut. Während sie die Huldigungen der Presse entgegennähme, wanderten ihre Augen unruhig umher. In einem stillen Augenblick stähle sich die lange vergessene und nun umso enthusiastischer gefeierte Künstlerin ins Innere des Pavillons davon und verschwände im dort aufgebauten Spiegelkabinett aus schwarz gepunkteten, gelben Räumen. Sie würde eins mit dem von ihr selbst geschaffenen, schier endlosen Universum – und machte für einen Moment ihren Frieden mit sich und mit der Welt.
Wäre Kusamas Leben ein Film, würde auf die erste Szene selbstverständlich eine Rückblende folgen, doch hätte der in Kusamas Autobiografie versunkene Drehbuchautor die Qual der Wahl. Sollte er in die Kindheit der 1929 geborenen Japanerin springen, zurück zu jenem Augenblick, in dem das Mädchen zum ersten Mal von beängstigenden Halluzinationen überfallen wurde? Oder ins New York der späten 50er Jahre, in dem Kusama, allein in ihrem Atelier, wie besessen und halb verhungert eine Leinwand nach der anderen mit sich endlos wiederholenden Kringeln bemalte?
Ich zeichnete ein Bild nach dem anderen. Dabei war ich nicht wirklich anwesend, ich war wie in einer anderen Welt
Beides waren Geburtsstunden einer Karriere, die Kusama in den Sixties zunächst zur Zeremonienmeisterin von Hippie-Happenings und Anti-Establishment-Sexorgien aufsteigen ließ. Als „Königin der Polka Dots“ schmückte sie Blumenkinder mit Punkten, während diese vor laufender Kamera kopulierten, flutete Galerieräume mit optischen, tendenziell halluzinogenen Reizen und vertrieb sündhaft teure Beischlafkleider für die Reichen und Aufgeschlossenen. Auch damit ließe sich das Publikum tiefer in den Strudel eines außergewöhnlichen Lebens ziehen – oder ins Kölner Museum Ludwig, das ab 14. März eine große Kusama-Werkschau zeigt.
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Ein Spielfilm fehlt noch im Rummel um die 96-jährige Künstlerin. In den letzten Jahren sind Dokus und Comics über Kusamas Leben erschienen, Journalisten und Kuratoren pilgerten in ihr Tokioter Atelier, in dem sie tagsüber arbeitet, bevor sie abends in die Psychiatrie, in der sie seit Jahrzehnten lebt, zurückkehrt; ihre Bilder werden zu Millionenpreisen gehandelt, sie gilt als aktuell „teuerste“ Künstlerin der Welt, und zuletzt stand in Basel ein junges Publikum blockweise Schlange, um durch die neusten Versionen ihrer Erlebnisräume zu flanieren. Kusamas Kunst ist fotogen und lädt zu Selfies ein. Aber vor allem illustrieren ihre Werke zentrale Themen unserer Gegenwart: das Verhältnis von Identität und Trauma sowie das Drama der Außenseiterin in einer männlich dominierten Welt.

Detail aus Yayoi Kusamas „Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe“ (2025)
Copyright: Yayoi Kusama/Courtesy of Ota Fine Arts
Als sich Yayoi Kusama im Jahr 1957 entschloss, ihre Heimat zu verlassen und in den USA neu anzufangen, wollte sie den Zwängen ihrer Familie und der japanischen Gesellschaft entfliehen. Inwiefern die traumatische Atmosphäre im Elternhaus zu jenem Erweckungserlebnis führte, das Kusama als Ursprung ihrer Bilder sieht, lässt sich kaum beurteilen: In ihrer Autobiografie schildert sie, wie die Blumen eines Feldes plötzlich lebendig wurden und sprechende Gesichter auf den Stängeln wippten. Solche Halluzinationen verfolgten sie fortan, und immer, wenn die Bilder wieder um sie tanzten, floh Kusama ins Haus und malte, was sie gesehen hatte. „Ich zeichnete ein Bild nach dem anderen. Dabei war ich nicht wirklich anwesend, ich war wie in einer anderen Welt.“
Die Kunst blieb Kusamas Zufluchtsort. Ihre Wahlheimat New York erschien ihr als „Hölle auf Erden“, vor der sie in ihr Atelier und in ihre Arbeit floh, in der sie aber auch erstaunlich gut „funktionierte“. Wenn sie nicht an ihren unendlichen Netzen aus kleinen, pastosen Malkringeln strickte, bildete sie geschäftliche Netzwerke, befreundete sich mit Malern und Kritikern und überfiel Galeristen mit frischen Arbeiten. In Avantgardekreisen hatte sie schnell Erfolg, sie wurde ausgestellt, gut besprochen, und, als sie um 1962 begann, Möbel mit ausgestopften Stoffphalli zu drapieren, konnte man diese neben Arbeiten von Andy Warhol und Claes Oldenburg sehen.
Für Kusama war ihre Kunst vor allem eine Form der Selbsttherapie
Heute sind Kusamas New Yorker Arbeiten durchweg moderne Klassiker, obwohl sie zu verschiedenen Kunstströmungen gehören. Mit ihren „Infinity Net“-Gemälden suchte sie einen neuen Nullpunkt der Malerei. Wie Lucio Fontana, Yves Klein oder die Zero-Künstler reduzierte sie das Malerische auf ein Mindestmaß und etablierte damit das Prinzip ihrer mit der Zen-Philosophie verwandten Kunst: durch ewige Wiederholung des Immergleichen zur Unendlichkeit. Man erkennt dieses Prinzip auf ihren von Phalli (oder riesigen Einzellern) überwucherten Pop-Objekten, in ihren von Lichtspielen erleuchteten Spiegelkabinetten, im See metallischer Kugeln, in dem sie sich im knallroten Körperanzug treiben ließ, und selbstredend in ihrem Markenzeichen, den Punkten, die sie seit Mitte der 60er Jahre auf Stoffe, Dinge und Menschen setzte. Selbst in ihrer politischen Phase, den Aktionen gegen Krieg und Sexualmoral, ging es um Entgrenzung, darum, in einer Gemeinschaft aufzugehen.
Bei alledem blieb Kusama stets abstinent. Sie hatte keinen Sex, umgab sich mit einer Leibgarde homosexueller Männer, nahm keine Drogen und aß, wenn überhaupt, ohne zu genießen. Für sie war Kunst vor allem eine Form der Selbsttherapie: Sie wälzte sich in Phallussymbolen, weil sie Angst vor intimer Nähe hatte, collagierte Kleider aus Makkaroni, weil ihr Essen und Trinken unheimlich erschienen, und schuf unendliche Welten, weil sie sich danach sehnte, sich in ihnen zu verlieren. Im Grunde versuchte sie, ihr kindliches Erweckungserlebnis, bei dem sie mit der Natur zu verschmelzen schien, zu wiederholen, und den anhaltenden Schrecken dieses Traumas zu bannen, indem sie ihn unter kontrollierten Bedingungen immer wieder heraufbeschwor.
Was uns bei Kusama fröhlich und ungezwungen erscheint, entstammt also dessen genauem Gegenteil. Im Jahr 1973, nach zahlreichen Ausstellungen in den USA und in Europa, aber auch nach zahlreichen psychischen Krisen, zog sich Kusama auf Erholungsurlaub nach Tokio zurück. Es wurden mehrere Jahre daraus, bis sie den Entschluss fasste, sich selbst in eine psychiatrische Klinik einzuweisen und ihrer künstlerischen Arbeit als Freigängerin nachzugehen. Sie erfand sich als Kunstfigur neu, mit roter Perücke und farblich passenden Punktekleidern, und schuf, zurückgezogen von der Welt, weiter Kunst: Variationen alter Werke wie ihre berühmten gepunkteten Riesenkürbisse und neue Werke, die, nimmt man indigene Maler und Außenseiterkünstler aus, einzigartig sind in ihrer Lust an farbiger Ornamentik.
Mit ihrer Obsession für Muster und Dekorationen kitzelt Kusama nicht nur die Schmucklust des Publikums, sie beantwortet auch die alte Frage, warum Menschen seit Urzeiten den scheinbar unwiderstehlichen Zwang verspüren, Alltagsgegenstände und Gebäude zu verzieren. Man kann von Kusama lernen, dass es dabei um eine grundlegende Sehnsucht nach Ordnung und Orientierung geht. Um einen kollektiven Wunsch, den Kusama zu verkörpern scheint.
„Yayoi Kusama“, Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, 14. März bis 2. August 2026. Eröffnung: Freitag, 13. März 2026, 19 Uhr
