Die Photographische Sammlung in Köln zeigt rheinische „Lebensräume“, aufgenommen von Gregor Schneider, Boris Becker und anderen.
„Lebensräume“ in KölnDas Scheußlich-Schöne als zweite Heimat

Blick auf den Kölner Dom: Unbetitelte Aufnahme von Paul Avis, zu sehen in der Photographischen Sammlung Köln
Copyright: Paul Avis
In Deutz geht die Sonne für immer auf, wenn auch nur an der Fassade der Aurora-Mühle. Wie eine Nebelwand hängt das Fabrikgebäude über dem Rheinufer, stadtbildprägend in seiner pompösen Mythenseligkeit. Lange schlich Paul Avis mit seiner Kamera um die außer Dienst gestellte und für Außenstehende verschlossene Morgenröte. Dann öffnete sich ihm eine Tür. „Manchmal war sie auf, manchmal zu“, schreibt er zu seinen Bildern aus dem Inneren der Aurora. „Ich habe nie verstanden, warum.“
Als beruflicher Bildersammler hat Avis das Wunder nicht hinterfragt, sondern die unverhoffte Gelegenheit genutzt. Seine Aufnahmen zeigen einen verlorenen Ort, in dem der Mensch seltsame Spuren hinterlassen hat: abweisende Apparaturen, Pin-up-Mädchen, eine Riesenrutsche oder Adern aus Stahlleitungen. Auch moderne Industrieruinen haben ihre Romantik: Auf einem Bild wirft die strahlende Sonne aus der linken Bildecke lange Schatten in einen kahlen Raum; im umlaufenden Fensterband sind die perfekt gerahmten Domspitzen zu sehen.
Köln wirkt wie eine sarkastische Falle für seine Bewohner
Die Morgenröte im Kölner Osten umreißt einen der 14 „Lebensräume“, von denen die gleichnamige Ausstellung in der Kölner Photographischen Sammlung erzählt. Hinter dem Titel verbirgt sich ein Passepartout-Begriff, der von Claudia Schubert, der Kuratorin, auf Nordrhein-Westfalen eingegrenzt wird – und auf die ikonischen Qualitäten der rheinländischen Ruinenlandschaft. Die Brachen des Tagebaus gehören ebenso zu den fotogenen „Lebensräumen“ der Ausstellung wie die verwitterten Utopien des sozialen Wohnungsbaus oder die schäbigen Ecken Kölns. Einer Idylle am nächsten kommt Kathrin Esser in ihrer Bilderserie aus dem Hürtgenwald. Aber das Grün, das sie zeigt, bedeckt die Erinnerung an eine der blutigsten Schlachten auf deutschem Boden.
Auch in Köln prägen die Wunden des Krieges den besonderen Charme der Stadt – gemeinsam mit den Schrecken des Wiederaufbaus. Bei Frank Dömer ist Köln ein Lebensraum ohne Menschen, ein sich selbst genügendes Sammelsurium aus nackten Brandschutzwänden, tristen Unterführungen oder von Blechlawinen durchzogenen Straßenzügen. Dömer macht seine Bilder bevorzugt am Sonntagmorgen, wenn die Stadt noch schläft und wie eine sarkastische Falle für ihre Bewohner wirkt.

Alexander Lackmann: „Ulvi“, aus der Serie „Ganz ehrlich!“, 2022
Copyright: Alexander Lackmann
In eben diese Falle tappt man auch bei Boris Becker, der das ehemalige Kölner Eisstadion als Hintergrund dreier Werbeplakate inszeniert und bereits 1995 ein Symbolbild für die autogerechte Stadt Köln geschaffen hat: Ein Parkhaus ist derart eng in den Bildrahmen gequetscht, dass dem Leben nur die Existenz am Rande bleibt. Gerhard Winkler hat wenigstens die Güte, die Scheußlichkeiten von Baustellen, Parkplätzen oder des einbetonierten Doms nach Sitte alter Nostalgie-Postkarten zu kolorieren.
Schön ist es anderswo, das braucht man dem urbanen Rheinländer nicht erst zu sagen. Trotzdem sind Städte wie Köln und Dortmund eine Heimat für Millionen, und um diese schwer zu erklärende Bindung zwischen Menschen und Räumen geht es in der Ausstellung. Melina Lehmacher hat junge Frauen in Chorweiler porträtiert und diese Bilder in Köln zwischen Aufnahmen von Brücken, Durch- und Übergängen gehängt. Die Symbolik des Lebenswegs ist vielleicht etwas dick aufgetragen. Aber auch die Gesichter sagen: Chorweiler ist ein Aufbruch, keine Sackgasse.
In urbanen Lebensräumen treffen individuelle Ziele auf kollektive Wege
In urbanen Lebensräumen treffen individuelle Ziele auf kollektive Wege, eine Konstellation wie gemacht für die vergleichende Serienfotografie. Alexander Lackmann zeigt die Menschen in seiner Porträtreihe „Ganz ehrlich!“ im immer gleichen Format und in ähnlichen Arrangements. Als Kaninchen seiner Versuchsanordnung dient ihm sein Bekanntenkreis, dessen Mitglieder er auf gemeinsamen Spaziergängen ablichtet; wie sie posieren, überlässt er ihnen. Im Idealfall nimmt ein junger Mann dann die Haltung eines Wanderers auf Gemälden des 19. Jahrhunderts ein oder ein anderer steht mit einem Hund in seinen Armen stramm.
Der prominenteste Teilnehmer der Ausstellung, Gregor Schneider, richtet den typologischen Blick hingegen auf die Bautypen in den sterbenden Dörfern von Garzweiler. Der versteinerte Traum vom Glück wurde in ihnen buchstäblich weggebaggert, steht jedoch dank staatlich finanzierter Umsiedlungen wieder auf. Schneider zeigt sehr schön, wie die Geister der Einfamilienhäuser, lauter Bauten, wie für Turit Fröbes „Abreißkalender“ und Bausünden-Fibeln geschaffen, jetzt andere Orte heimsuchen. In Serie ergeben sie eine entvölkerte Idylle aus dem Prospekt.
Aber es geht auch versöhnlicher. Nach seinem Umzug nach Köln sammelte der US-Fotograf Jeffrey Ladd Bilder für sein Buch „The Awful German Language“ und legte sich ein Vokabular skurriler Eindrücke an: ein Polizist, der scheinbar einen Schwan bewacht; zwei hechelnde Höllenhunde auf einem Wanderweg; eine Veranda, die sich mit kunstvoll geformten Pflanzen gegen ein weites ödes Feld abschirmt. Im Blick des Zugereisten wirkt der rheinische Lebensraum wie ein exotisches Versprechen. Ein Narr, wer sein Glück woanders sucht.
„Lebensräume – Zeitgenössische Perspektiven aus Nordrhein-Westfalen“, Photographische Sammlung der SK Stiftung Kultur, Im Mediapark 7, Köln, Do.–Di. 14–19 Uhr, 13. März bis 12. Juli 2026. Der Katalog zur Ausstellung kostet 29 Euro.

