Abo

Fußball und SoziologieHartmut Rosa und Christian Streich diskutieren auf der lit.Cologne über die Spielräume des Lebens

3 min
Hartmut Rosa (l.) und Christian Streich bei der lit.Cologne

Hartmut Rosa (l.) und Christian Streich bei der lit.Cologne

Wenn ein Fußballphilosoph auf einen Resonanztheoretiker trifft: Christian Streich und Hartmut Rosa beschäftigten sich mit den Lehren des Spiels – und was davon im Alltag übrig bleibt

Nach dem Rheinderby zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach dürfte sich wohl so manches Gespräch am Samstag in den Kneipen und Wohnzimmern Kölns um Fußball gedreht haben. Wer bei der lit.Cologne zu Gast war, durfte nahtlos daran anknüpfen – oder zumindest anderen dabei lauschen.  

Denn Hartmut Rosa und Christian Streich widmeten sich der Frage, was Fußball und das Leben wohl gemein haben. Wenige andere wären für dieses Gespräch besser geeignet gewesen. Streich prägte als Trainer über mehr als zehn Jahre den SC Freiburg, er gilt als „Fußballphilosoph“, der nicht nur am Spielfeldrand, sondern auch in gesellschaftlichen Debatten entflammen kann. Hartmut Rosa ist Autor, in erster Linie aber Soziologe. Er lehrt als Professor an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, leitet in Erfurt das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien. Und: Er ist Fußballfan. Einer, der sich, wie so viele andere, über die Sinnhaftigkeit des Videoassistenten (VAR) den Kopf zerbrochen hat. Es sei der Ausgangspunkt von seinem neuesten Buch „Situation und Konstellation“ gewesen, erzählt Rosa.

Denn der Videobeweis bremse die energetische Entladung, die „kollektive Efferveszens“ im Stadion aus. Davon berichtet auch Streich: „Man jubelt nicht mehr ungebremst, weil die Freude jederzeit zurückgenommen werden kann – und wer sich zu früh freut, fällt tiefer.“ Spielräume verschwinden, das ist Rosas These, für die er viele weitere Beispiele findet.

„Durch technisierte Lösungen wird uns simuliert, dass das Spiel, das Leben, unser Alltag besser werden soll. Aber ganz entscheidende Dinge gehen dabei verloren“, sagt er. Die passende Fußball-Anekdote wiederum liefert Streich. Seit der Datifizierung gehe jungen Spielern die eigene Urteilskraft abhanden. Sie vertrauen den Statistiken über Ballposition oder Raumkontrolle mehr, als sich selbst oder dem Trainer. Doch Zweikämpfe seien komplexe Situationen voller Kommunikation und taktischer Absprache. Rosas Diagnose dazu passt: Wir bewegen uns „weg vom Handeln in Situationen, hin zum Vollziehen in Programmen“, sagt der Soziologe. Das beobachte er eben nicht nur beim Fußball, sondern auch im Arbeitskontext oder selbst beim Kaffeekochen, wo Kapseln den Filterkaffe und die Entscheidungsmacht über die richtige Pulvermenge abgelöst haben.

Auch politisch wird es. Auf die Frage, was ein Land, das sich scheinbar im Abstiegskampf befindet, von einem Bundesliga-Coach lernen kann, der schon einmal ab- und wieder aufgestiegen ist, bleibt eine konkrete Antwort aus. Nur zu vollziehen sei zumindest nicht die Lösung. Aber etwas anderes zeigt sich: Das Leben versteht man nicht unbedingt, indem man es wie ein Fußballspiel behandelt. Aber manchmal versteht man am Spiel – und an einem guten Gespräch darüber – etwas Entscheidendes über das Leben.