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MigrationsmuseumWie die Stadt Köln gleich drei Museen begräbt

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Werbung hängt vor dem Kulturzentrum am Neumarkt.

Hier soll das Selma hinein: das Kölner Kulturzentrum am Neumarkt.

Kann Köln Museum? Ein Überblick anlässlich der umstrittenen Pläne zum Migrationsmuseum Selma.

Warum nur ein Museum beschädigen, wenn man auf einen Streich auch drei erledigen kann? Unter dieser Devise scheint das Krisenmanagement der Stadt in Sachen Selma, dem geplanten Migrationsmuseum, zu stehen. Selma sollte ein Leuchtturmprojekt für das rechtsrheinische Köln werden – ist der Politik am ausersehenen Standort, den sanierungsbedürftigen Hallen Kalk, nun aber zu teuer und zu wenig kalkulierbar geworden. Stattdessen soll das Migrationsmuseum ins Kulturzentrum am Neumarkt ziehen, gemeinsame Heimat von Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) und Museum Schnütgen, und zwar in dessen Sonderausstellungsbereich.

Offenbar sieht das Kulturdezernat diese Fläche als Verfügungsmasse an. Im November 2024 wollte Dezernent Stefan Charles bereits das Interim des Römisch-Germanischen Museums dorthin verlegen; nach massiven Protesten sah er davon wieder ab. Schon damals wurde betont, dass der Sonderausstellungsbereich kein Luxus für RJM und Schnütgen darstellt, sondern integraler und lebenswichtiger Bestandteil der Museen ist.

Zwar betont auch in Köln jeder Museumsdirektor oft und gerne, der größte Schatz seines Hauses sei die eigene Sammlung. Zugleich ist es eine Binsenweisheit, dass sich für diesen Schatz am besten mit attraktiven Sonderausstellungen werben lässt – sofern man nicht der Louvre, das Rijksmuseum oder Guggenheim Bilbao ist. Nach den Plänen des Kulturdezernats müssten sich im Kulturzentrum zukünftig drei Museen die kleine Sonderausstellungsfläche im zweiten Geschoss teilen. Diese wird vom RJM bereits für Kabinettausstellungen genutzt und ist selbst dafür nur leidlich geeignet.

Die Auslastung von RJM und Schnütgen könnte besser sein

Was man dort mit Sicherheit nicht zeigen kann, sind Ausstellungen wie „Amazonia“, die 80.000 Besucher ins RJM lockte, oder eine international beachtete Schau wie „Resist“. Ebenso wenig könnte das Museum Schnütgen dort Ausstellungen wie „Arnt der Bilderschneider“ oder zu den Heiligen Drei Königen präsentieren, mit denen es Kölns Blütezeit, das Mittelalter, immer wieder auf exzellente Weise in Erinnerung ruft.

Die Befürworter der Drei-Museen-in-einem-Haus-Lösung erhoffen sich durch das Selma eine Belebung des Kulturzentrums. Tatsächlich könnten die Auslastungszahlen von RJM und Schnütgen besser sein, und zweifellos gibt es konzeptionelle Überschneidungen zwischen einem Migrationsmuseum und dem RJM, einem Museum für die Kulturen der Welt. Aber das Leuchtturmprojekt Selma wird in der Notlösung am Neumarkt viel von seiner Strahlkraft einbüßen. Und was passiert, wenn der Reiz des Neuen verflogen ist und der Eröffnungseffekt, wie schon beim RJM nach dem Umzug ins Kulturzentrum zu beobachten war, keine zusätzlichen Besucher mehr ins Haus zieht? Dann bleiben drei Museen, die von der Stadt auf Bestandspflege reduziert wurden und sich gegenseitig blockieren. Am Ende droht das Selma zum Sargdeckel für das Kulturzentrum zu werden.

Laut Kulturdezernat soll das Selma nach Möglichkeit nur vorübergehend ins Kulturzentrum ziehen; die Zwischenlösung würde der Stadt demnach die nötige Zeit verschaffen, um einen geeigneten Standort zu finden. Das klingt nach Wunschdenken, gerade in Köln, der Stadt der endlosen Interims. Derzeit steht in den Sternen, wann das Stadtmuseum zurück ins Zeughaus ziehen kann oder eine angemessene neue Heimat findet; auch das Interim des Römisch-Germanischen Museums zieht sich hin. Und wer glaubt, dass in einigen Jahren das Geld da ist, das jetzt für die Sanierung der Kalker Hallen fehlt?

Auch das Museum Ludwig wird demnächst zum Problem

Vielleicht könnte das Kulturzentrum auch ohne große Sonderausstellungen funktionieren – nämlich als „dritter Ort“, mit vielen kleinen Veranstaltungen, die helfen, die fehlenden großen Sonderausstellungen zu kompensieren. Allerdings sind dafür weder die Museen RJM und Schnütgen gerüstet noch ist das Kulturzentrum als „dritter Ort“ gebaut. Dieses wurde als klassisches Doppelmuseum mit integriertem Veranstaltungssaal der Volkshochschule konzipiert.

Klaus Piehler von der RJM-Museumsgesellschaft hat daran erinnert, dass die Sonderausstellungsfläche des Kulturzentrums auch als Ersatz für die abgerissene Kunsthalle dienen sollte – und damit allen Kölner Museen offensteht. Der Bedarf dafür ist vorhanden, denn sowohl das Römisch-Germanische als auch das Stadtmuseum verfügen aktuell über keine eigenen Sonderausstellungsflächen. Auch anderswo ist die Lage nicht viel besser: Das Museum für Angewandte Kunst harrt tapfer in einer Dauerbaustelle aus; das Wallraf muss demnächst für eine Sanierung schließen; im NS-Dokumentationszentrum soll es während der Umgestaltung der Dauerausstellung immerhin bei temporären Schließungen einzelner Bereiche bleiben.

Kann Köln Museum? Diese Frage wird sich spätestens ab 2030 mit Nachdruck stellen. Dann steht die Sanierung des bedeutendsten Kölner Schatzhauses an: des Museum Ludwig. Derzeit weiß niemand, ob die Bauarbeiten bei laufendem Betrieb oder mit kurzfristigen Schließzeiten durchgeführt werden können. Im schlimmsten, durchaus wahrscheinlichen Fall müssen Ludwig und die angeschlossene Philharmonie über mehrere Jahre hinweg ins Interim. Und während die Philharmonie-Intendantin aktuell immerhin darauf hoffen darf, dass das blaue Musical-Zelt dann noch steht, müsste für das Ludwig eine große Lösung her. Wie die aussehen könnte? Henriette Reker hatte die Frage „depriorisiert“. Aber eher früher als später kehrt sie mit Macht zurück.