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Neuer Roman von Navid KermaniTiefenbohrungen in unsere Gegenwart

4 min
Navid Kermani am Kölner Ebertplatz.

Navid Kermani am Kölner Ebertplatz. 

In Navid Kermanis Roman kristallisieren sich die vielfältigen Konflikte und aufgeheizten Debatten unserer Zeit im Erzählkosmos des „Sommer 24“.

Was macht die Zeit mit dem Erzählen? Wie nah kommt man heran an unsere unübersichtliche Gegenwart? Und wozu noch Geschichten schreiben in schweren Zeiten, inmitten von Kriegen, Klimawandel, Korrektheitsimperativen? Eine virtuose Antwort darauf gibt Navid Kermani. Immer wieder, in Romanen, Reden und Essays, hat er sich ebenso geschickt wie umsichtig darauf verstanden, die Umwälzungen unserer Gegenwart in privaten Schilderungen sichtbar zu machen und persönliche Erlebnisse im polykritischen Weltgeschehen zu spiegeln.

Kermanis neues Buch markiert im Titel „Sommer 24“ eine Abbruchkante der Gegenwart. Über zwei Jahre liegt der Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zurück, fast ein Jahr ist der Terrorangriff der Hamas auf Israel her. Doch Kermani geht es nicht um eine Reportage, sondern ums Erzählen von Zeit. „Sommer 24“ ist ein Roman. Der Ich-Erzähler, dem es um seine Sicht auf die Welt und die Menschen zu tun ist, ist nicht identisch mit dem Autor, aber gewiss wahlverwandt. Autofiktional heißt es da gerne, ein anderes Wort für die Selbstermächtigung, dank derer ein Erzähler die eigene Fantasie mit ebenso viel Recht ins Werk setzen kann wie Selbsterlebtes und Gehörtes. Zeitgeschichte in Storylines sozusagen.

„Sommer 24“ beginnt im Stil der Novellen Kleists. Von „einigen Begebenheiten der letzten Monate“ möchte der Erzähler berichten, der sich, zur Vorbereitung einer Rede, mit den Werken Thomas Manns ans Mittelmeer zurückgezogen hat. Es sind vor allem drei Figuren, die diesen Begebenheiten das verleihen, was sie so erzählenswert macht: die ungewöhnliche Lebensgeschichte, die ambivalente Ausstrahlung und das Verwobensein mit aktuellen politischen, religiösen und kulturellen Diskursen. Darin bekommt der Erzähler, bekommen wir mehr über unsere Zeit im Allgemeinen und den Sommer 2024 im Besonderen mit, als uns lieb sein mag. Es sind Tiefenbohrungen in unvertrautem Gelände, jenseits der Grundmelodie der Empörung und des Schulterzuckens der Mitte, fernab von Imperativen des guten Willens. Es sind, kurz gesagt, Depeschen aus der Agentur einer erzählenden Vernunft.

Depeschen aus der Agentur einer erzählenden Vernunft

Die erste Figur ist Rudolf, ein insolvent gewordener, durch einen Sturz ans Bett gefesselte jüdischer Galerist in München, Sohn von Holocaust-Überlebenden, der kurz vor seinem Freitod noch einmal den Erzähler empfängt. Der wiederum ist hochgradig irritiert von Rudolfs radikalem Wandel vom liberalen Demokraten zum AfD-Sympathisanten, zum Apologeten Putins, Orbáns und Trumps und zum Feind von Reproduktionsmedizin und tradierter Geschlechterordnung. Was ist da passiert, fragt er sich, und stößt, statt auf Erklärungen, auf Verwicklungen von Religion und Politik. Ein Gott fehlt, den man anklagen kann, jedes Freund-Feind-Denken bleibt unterkomplex.

Zweiter Stichwortgeber ist Olaf, ein linkssozialisierter Freund aus Jugendtagen, der zum Klimaaktivisten und Empörungs-Multiplikator geworden ist. Mit ihm reist der Erzähler zur Hochzeit von Olafs Tochter auf die griechische Insel Hydra. Und hier erlebt er eine mehrtägige Feier interkultureller Nähe zwischen Senegalesen und Europäern, Muslimen und Christen, Einheimischen und Gästen. Eine Nähe, die Differenzen aushält und friedlich austrägt, statt die Gräben zu vertiefen oder zuzuschütten.

Genau an dieser Stelle, zwischen Verdrängen und Eskalieren, ereignet sich die dritte Geschichte, die Kermani seinem erzählenden Ich aufbürdet. Es ist die Geschichte von Julia, einer labilen jungen Frau, die ihm vor 25 Jahren in einer Kölner Kneipe, unvermittelt und ungefragt, von ihrer Vergewaltigung berichtet hat. Daraus hat der Erzähler eine Episode in einem seiner Bücher gemacht, fiktionalisiert natürlich, aber eben diese Erzählung bringt dann, Jahre später, Julia dazu, ihn in einem aufgeregten Brief zu beschuldigen: Damit habe er, der Schriftsteller, sie ein „zweites Mal vergewaltigt“.

Die Wirkung dieser Verleumdung ist gewaltig, auch auf den Leser. Der Erzähler besucht Julia in der geschlossenen Abteilung einer bayerischen Psychiatrie, er bittet um Entschuldigung, er versucht zu erklären, dass es sein Metier ist, Einbildungskraft und Verfremdung zu verwenden. Aber nichts davon scheint anzukommen, auch nicht bei den Ärzten und bei der Partnerin des Erzählers. Es bleiben Irritationen – und ein Unbehagen am Imperativ des Einander Verstehens.

Im Kosmos dieses „Sommers 24“ kreisen auch Bilder aus dem globalen Zeitgeschehen: unterernährte Frühgeburten in deutschen Inkubatoren in einem äthiopischen Krankenhaus, das Schicksal der inhaftierten Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi im Iran, ein (wie sich später herausstellt: von Colm Toíbín schön erfundener) Brief von Michael Mann an seinen gefühlstauben Vater. Weltpolitik und persönliche Begegnungen kommen so auf eine unerhörte Weise zusammen, in einem empathischen und zugleich zu sich selbst auf Distanz gehenden Stil, der an Kleist und an Thomas Mann erinnert. In deren Geist macht Navid Kermanis Erzählen auf kernprägnante, wahrhaftige und wundersame Weise etwas mit der Zeit, in der wir gerade leben.


Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, ist habilitierter Orientalist, lebt als freier Schriftsteller in Köln und wurde unter anderem mit dem Kleist-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die beiden lit.Cologne-Veranstaltungen mit ihm sind schon ausverkauft, am 22. März ist er mit seinem neuen Roman im Foyer des Schauspielhauses Bonn zu erleben.

„Sommer 24“, Carl Hanser Verlag, 160 Seiten, 23 Euro