Beim Philharmonie-Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester ersetzt Jukka-Pekka Saraste seinen erkrankten Kollegen Lionel Bringuier.
Pianist Alexander Malofeev in KölnJederzeit unfehlbar sicher

Alexander Malofeev
Copyright: Liudmila Malofeeva
„Die Wahrheit ist, dass sich jeder Russe jahrzehntelang schuldig fühlen wird wegen dieser schrecklichen und blutigen Entscheidung, die keiner von uns beeinflussen oder vorhersehen konnte.“ Nach diesem deutlichen Statement zum Angriffskrieg in der Ukraine, 2022 auf Facebook gepostet, zog der junge Pianist Alexander Malofeev die logische Konsequenz und verließ sein Heimatland. Seither lebt er in Berlin.
Malofeevs Karriere, die zuvor in Russland hoffnungsvoll gestartet war - unter anderem mit einem Sieg beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb für junge Musiker - hat dieser Bruch keineswegs geschadet. Er spielt mit internationalen Spitzenorchestern und ist regelmäßig auf den großen Konzert- und Festspielpoden zu Gast. Vor wenigen Wochen erschien sein erstes Soloalbum („Forgotten Melodies“) bei der Deutschen Grammophon.
Verbindung von wuchtiger Deklamation und kapriziöser Eleganz
Beim WDR Sinfonieorchester debütierte der 24-Jährige nun mit dem zweiten Klavierkonzert g-Moll von Camille Saint-Saëns. Dieses einstmals äußerst beliebte Stück war irgendwann aus der Mode gekommen, erlebt derzeit aber wieder einen Boom - kein Wunder, denn mit seiner Verbindung von wuchtiger Deklamation und kapriziöser Eleganz, von neobarockem Faltenwurf und glitzernder Perlage nimmt es unter den romantischen Virtuosenkonzerten schon eine Sonderstellung ein.
Dabei mag auch viel ironische Maskerade im Spiel sein, aber Malofeev nahm das Stück in seiner Rhetorik ebenso ernst, wie er sich der Funktionslust rauschender Arpeggien und rasanter Skalen überließ. Den dunkel dräuenden, wie eine Improvisation wirkenden Eingang trieb er mit weitem Atem voran, gestisch frei auch da, wo das einsetzende Orchester der Musik Maß und Fesseln anlegen möchte. Das Seitenthema in seinen synkopisch verschleierten Rhythmen war bei Malofeev eine zögernde, tastende Frage, ein Vorgriff auf Alexander Skrjabin und die Klavierkunst der russischen Dekadenz-Epoche.
Im furiosen Tarantella-Finale wiederum ließ es der Russe nicht an virtuoser Entfesselung fehlen - und war zugleich jederzeit unfehlbar si-cher in den unangenehmen Sprüngen der linken Hand. Das Publikum ließ sich durch diese Darstellung begreiflicherweise von den Sitzen reißen und wurde mit einer etwas seichten, aber sehr delikat geformten Sibelius-Zugabe („Die Fichte“) belohnt. Dieser Griff ins finnische Salon-Repertoire war vielleicht ein freundlicher Gruß an den Dirigenten Jukka-Pekka Saraste, der kurzfristig für seinen erkrankten Kollegen Lionel Bringuier eingesprungen war. Aus dessen avisiertem Programm hatte Saraste neben dem Saint-Saëns-Konzert auch die Uraufführung eines Orchesterstücks des amerikanischen Komponisten Geoffrey Gordon übernommen: „TITUS“ bezieht sich auf Shakespeares Drama „Titus Andronicus“, dessen kalte Brutalität sich in Gordons Klangsprache sinnig abbildet. Das im Material eher konservative, effektvoll orchestrierte Stück kennt aber kaum Zwischentöne, bietet neben jähen Akzenten und Eruptionen kaum greifbare thematische Gedanken, die seine Spieldauer von etwa 15 Minuten rechtfertigen würden.
Von 2010 bis 2019 stand Jukka-Pekka Saraste dem WDR Sinfonieorchester als Chefdirigent vor. Und als der Finne nach der Pause den Einsatz zu Beethovens siebter Sinfonie gab, war er sofort wieder da, der frei durchschwingende, hochelastische Musizierstil, den man von ihm kennt. Sarastes Klangwelt ist nicht etwa nordisch dunkel, sondern aufklärerisch hell. Sie kommt stets von der Bewegung her, ist zielorientiert, bündig raffend (vor allem im ausgesprochen zügig genommenen zweiten Satz), frei von Pathos und Schwere. Es war schön, diesen Klang wieder einmal in Köln zu hören.

