Sieben, acht oder zwölf Stunden im Theater: Warum setzen deutsche Bühnen auf Marathon-Stücke und was fasziniert das Publikum?
Acht Stunden im TheaterWarum Bühnen auf Marathon-Stücke setzen und was daran reizt

Das Theatertreffen beginnt am Freitag. (Archivbild)
Copyright: Jens Kalaene/dpa
Sieben, acht oder sogar zwölf Stunden im Theatersessel: Deutsche Bühnen setzen auf Marathon-Abende. Was steckt hinter dem Trend zur Überlänge und was macht die Faszination aus?
Was lässt sich in acht Stunden erledigen? Man kann einen Arbeitstag absolvieren, mit dem Zug die Bundesrepublik durchqueren – oder eine Vorstellung besuchen. Deutsche Bühnen setzen immer wieder auf solche Marathonabende, wie die dpa berichtet. Ein aktuelles Beispiel ist das Theatertreffen in Berlin, wo die Münchner Kammerspiele «Wallenstein. Ein Schlachtfest in sieben Gängen» mit einer Spieldauer von sieben Stunden präsentieren.
Das mag zunächst lang erscheinen, doch es gibt noch ausgedehntere Vorstellungen. Die Berliner Volksbühne wird demnächst «Peer Gynt» wiederaufführen. Die Premiere dieses Stücks dauerte acht Stunden und hätte nach 02.00 Uhr weitergehen können, wenn das Ensemble nicht die Arbeitszeitregelungen hätte beachten müssen.
Werden Theaterstücke tendenziell länger?
Die Reaktionen des Publikums waren gespalten. «Ich hoffe, es ist vorbei», sagte ein Besucher nach mehr als sechs Stunden. Eine andere Zuschauerin empfand den Abend hingegen als phänomenal. Was ist die Anziehungskraft von extrem langen Theateraufführungen in einer Ära, in der viele ihr Smartphone kaum aus der Hand legen? Und zeigt sich eine generelle Tendenz zu längeren Spielzeiten?
Beim Deutschen Bühnenverein wird hierzu keine Statistik geführt. «Mit Blick auf die vergangenen Jahre zeigt sich, dass es immer mal wieder sehr lange Inszenierungen gab», informiert eine Sprecherin. Sie nennt als Beispiele Luk Percevals «Schlachten» bei den Salzburger Festspielen 1999 (zwölf Stunden) sowie «Die Brüder Karamasow» am Schauspielhaus in Bochum 2023 (sieben Stunden).
«Während und kurz nach der Pandemie haben die Bühnen überwiegend Aufführungen ohne Pausen angeboten, so dass die Spieldauer deutlich kürzer ausgefallen ist», führt die Sprecherin aus.
Eine vergleichbare Entwicklung hat Nora Hertlein-Hull, die Leiterin des Berliner Theatertreffens, festgestellt. Ihre erste Begegnung mit einer sehr langen Aufführung hatte sie 2007 bei den Wiener Festwochen. Dort trug die New Yorker Gruppe Elevator Repair Service den Roman «Der große Gatsby» vor, indem sie das gesamte Buch in sieben Stunden auf der Bühne las.
Die Faszination des Theater-Marathons
«Ich bin da hineingestolpert», schildert Hertlein-Hull. Dieses Erlebnis habe sie aber vollkommen fasziniert. Sie begegne solchen Veranstaltungen meist mit einer sportlichen Einstellung. «Also man richtet sich dann auch ein und sagt: "Okay, ich gehe jetzt einen Tag ins Theater. Ich packe mir ein Brot ein"», so Hertlein-Hull.
«Und dann ist es ja auch eine eigene Freude an solchen langen Aufführungen, dass man sich dem unterwirft und sagt: "Das ist jetzt ein Marathon, den mache ich jetzt mit und ich schaue mal, was es mit mir macht."» Es bereite ihr Vergnügen, dabei die eigene Reaktion zu beobachten. Was geschieht mit einem selbst nach fünfeinhalb Stunden? Wie verändert die Dauer die persönliche Wahrnehmung?
Man benötige die Offenheit, sich auf einen derartigen Abend einzulassen. «Man wird dann belohnt», ist Hertlein-Hull überzeugt. «Dieses Durchhalten hat einen Befriedigungsfaktor. Das Publikum jubelt ja meistens am Ende einer Marathonaufführung. Die, die noch da sind, sind so stolz auf sich und empfinden dann auch Euphorie. "Wir haben das jetzt gemeinsam durchgemacht." Das hat noch mal so ein extra erhabenes Moment.»
Nach der Pandemie wagen Bühnen wieder mehr
Beim Theatertreffen, einem der zentralen Bühnenfestivals, lädt eine Jury jährlich die zehn «bemerkenswertesten» Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum nach Berlin ein. Das Festival dauert vom 1. bis 17. Mai. Viele Eintrittskarten waren schnell vergriffen, auch für die «Wallenstein»-Vorstellung. «Also die Länge scheint niemanden abzuhalten», stellt Hertlein-Hull fest. Ihr Rat: Zuvor etwas essen. Es gibt auch eine Gastronomie, da für die sieben Stunden drei Pausen vorgesehen sind.
Nach der Pandemie sei zu beobachten gewesen, dass das Theatererlebnis «vernetflixt» wurde. Ihrer Wahrnehmung nach wurden zunächst Stücke auf die Bühne gebracht, die sehr zugänglich und kürzer waren. Man musste ein Programm entwickeln, das mit der Unterhaltung auf dem heimischen Sofa konkurrieren konnte.
«Das durfte vielleicht auch nicht zu anstrengend sein oder nicht zu fordernd. So konnte man die Leute dann auch wieder zurückgewinnen. Und jetzt kann man vielleicht wieder ein bisschen mehr Experimente wagen.» Inzwischen trauten sich die Theater wieder, aufwendige Live-Events zu planen.
Zumutung und Geschenk für das Publikum
«Ich würde das verorten mit der Geburt des sogenannten Regietheaters in den 70er, 80er Jahren. Eben dort, wo der kreative Zugriff einer Regieperson an Bedeutung gewinnt», erklärt Hertlein-Hull. Das Theater habe sich von seiner reinen Unterhaltungs- und Bildungsrolle gelöst und einen eigenen ästhetischen sowie gesellschaftlichen Ausdruck entwickelt, der mehr Zeit beanspruchte. Als Beispiele nennt sie Regiegrößen von Peter Stein bis Frank Castorf. Robert Wilsons «Einstein on the Beach» von 1976 erstreckte sich ebenfalls über vier bis fünf Stunden.
«Dem Zuschauer etwas zumuten wollen - dieses Gefühl schwingt da auch mit. Weil es ist ja eine Zumutung, von jemandem sechs Lebensstunden zu erwarten im Theater», erläutert Hertlein-Hull. «Ich habe wirklich großen Respekt und eine große Liebe zu dem Publikum, das sich dem unterwerfen möchte, das auf so etwas Lust hat. Es ist wirklich ein Geschenk, dass man von jemandem diese Lebenszeit bekommt, um diese Art von Kunst präsentieren zu dürfen.» (dpa/bearbeitet durch Gemini 2.5 Pro)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.
