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Kommentar

Wie viel Haltung braucht Kultur?
Der Schatten der Politik

Ein Kommentar von
5 min
Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle.

Wird scharf kritisiert: Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle.

Statt über die Filme der Berlinale wird über die politische Gesinnung der Festivalleitung debattiert - ein Phänomen, unter dem die Kultur allgemein leidet.

Nur kurz vorweg: Ich verurteile den Terrorangriff der Hamas auf Israel. Und die Art und Weise, wie Israel gegen Palästina Krieg geführt hat, auch. Ist die Reihenfolge jetzt schon eine Wertung? Egal, weiter im Text: Den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verurteile ich auch und stelle mich hinter die Protestierenden im Iran. Die Klimakrise sollten wir – nebenbei bemerkt – auch nicht vergessen.

Das alles meine ich eigentlich tatsächlich so. Aber trotzdem sind es hohle Phrasen, die niemandem etwas bringen: keine Unterstützung für irgendjemand und ganz sicher keinen Weltfrieden. Bekundungen wie diese sind bequem und haben ein bisschen was von einem moralischen Beipackzettel: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage.“ Man erklärt sich aller Krisen und Probleme dieser Welt bewusst und solidarisiert sich mit Opfern und Unterdrückten – nur um sich nicht angreifbar zu machen.

Und tatsächlich werden Kulturschaffende angegriffen, stehen zunehmend unter moralischem Druck, genau solche Phrasen zum Besten zu geben. Egal ob sie Opern singen, Filme drehen oder Ausstellungen organisieren: Stets sollen sie sich positionieren. Tun sie es nicht, geraten sie – wie gerade Berlinale-Chefin Tricia Tuttle und Jury-Präsident Wim Wenders – unter öffentlichen Beschuss.

Seit der Eröffnung des Festivals gibt es heftige Diskussionen. Leider nicht über die Filme, sondern darüber, wie sich die Filmschaffenden politisch äußern – oder eben nicht. Jury-Präsident Wenders hatte bei einer Pressekonferenz gesagt, er sehe Filmschaffende als ein Gegengewicht zur Politik. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy sagte daraufhin ihre Teilnahme ab. Und nun werfen Dutzende Filmschaffende der Berlinale in einem Offenen Brief „institutionelles Schweigen zum Völkermord an den Palästinensern“ vor, sogar von „Zensur“ ist die Rede.

Das Phänomen hat nur indirekt etwas mit der Berlinale zu tun – es ist spätestens seit dem Ukraine-Krieg bei vielen Kulturveranstaltungen zu beobachten und wird vom Krieg im Nahen Osten weiter befeuert. Katalysator sind die sozialen Medien, wo die Hysterie schnell hochkocht und komplizierte Debatten gerne auf einfache Formeln gebracht werden: Freund oder Feind? Wer sich weigert, dieser simplen Logik zu folgen, riskiert einen Shitstorm. Oder zumindest, wieder ausgeladen zu werden – von Konzerten, Festivals, Ausstellungen.

Es geht nicht um Künstler, die sich Arm in Arm mit Putin fotografieren lassen und die russische Rolle im Ukraine-Krieg verklären. Um ausgeladen zu werden, kann es sogar schon reichen, sich gar nicht zu äußern. Wie bei dem israelischen Dirigenten Lahav Shani, der unlängst von einem Musikfestival in Belgien ausgeladen wurde. Begründung: Man sehe sich „nicht in der Lage, für die nötige Klarheit über seine Haltung dem genozidalen Regime in Tel Aviv gegenüber zu sorgen“.

Das Recht zu schweigen ist gefährdet, nicht das Recht zu sprechen

Es ist absurd: Die Klage, man dürfe gar nichts mehr sagen, ist superpopulär. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Das Recht zu schweigen ist gefährdet, nicht das Recht zu sprechen. Denn es gibt eine Inflation an dezidierten Meinungen, darunter auch die extremsten und abwegigsten – die sozialen Medien sind voll davon. Gleichzeitig wird es für Kulturschaffende immer schwieriger, nichts zu sagen. Sich nicht auf die eine oder die andere Seite zu schlagen. Einfach zu singen, zu tanzen, Romane zu schreiben oder Filme zu drehen. Und die Werke für sich sprechen zu lassen. Denn darum geht es doch bei Kunst: Dinge auszudrücken, die sich mit Sprache allein nicht ausdrücken lassen. Und schon gar nicht mit verkürzten politischen Slogans.

Was auf keinen Fall bedeutet, dass Kultur unpolitisch ist oder sein sollte. Das ist übrigens auch die Berlinale nicht, dort laufen viele politische Filme, auch über Palästina. Aber diese Werke sollen nicht mehr für sich sprechen, für sich stehen dürfen, wenn es nach den Verfassern des Offenen Briefs geht. Sondern gerahmt werden von öffentlichen Bekenntnissen der Festival-Leitung. Dabei sind die Festivalfilme in ihrer Vielfalt vermutlich vielmehr ein Abbild der realen, äußerst vertrackten politischen Lage als es solche Bekenntnisse sein könnten.

Hätte die Berlinale-Leitung im Vorfeld ein paar wohlmeinende allgemeine Sätze zu den politischen Krisen unserer Zeit formuliert, anstatt sich komplett raus zu halten - es hätte ein bisschen Druck von den Künstlern und Künstlerinnen nehmen können. An der scharfen Kritik am Festival selbst hätte das aber wohl nichts geändert, schließlich hat sich noch immer ein Lager gefunden, dem man es nicht recht machen kann.

Am Eröffnungsabend der Berlinale hat sich Schauspielerin Jasmin Tabatabai mit Protest-Plakaten gegen das Regime im Iran auf dem Roten Teppich fotografieren lassen. Weil sie eine wichtige Botschaft hat. Aber die hat nicht automatisch jeder, der in der medialen Öffentlichkeit steht. Welchen Mehrwert hat es, den Schauspieler einer Familienkomödie mit der gleichen Selbstverständlichkeit nach seiner Fitness-Routine wie nach seiner Haltung zum Nahost-Konflikt zu befragen? Warum erwarten wir ausgerechnet von Dirigenten oder Popsängerinnen Antworten, die selbst Experten schwerfallen?

Gerade jetzt, wo die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet, sind kulturelle Räume wichtig, in denen Menschen jeglicher politischer Couleur zusammenkommen können. In denen Debatten stattfinden können, ohne dass das Ergebnis vorher schon feststeht. Räume wie ein Filmfestival zum Beispiel. Gemeinschaft zu stiften, ist eine wichtige Funktion von Kultur - und die ist tatsächlich zutiefst politisch.