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Entrümpler in KölnWas von einem Leben übrig bleibt

7 min
Zwei Männer stehen vor einem vollgestellten Transporter.

Die Entrümpler Daniel Westendorf und Serbo Bajramovic beim Einsatz in einer Wohnung in Köln-Nippes.

Zwischen Möbeln, Fotos und kleinen Alltagszetteln zeigt sich, wie viel eine Wohnung über einen Menschen erzählt und wie still diese Geschichten enden.

In einer Wohnung in Köln-Nippes räumt Daniel Westendorf gegen acht Uhr morgens die letzten Lebensmittel aus dem Kühlschrank. Ein Glas Gewürzgurken, dazu aus dem Schrank daneben noch eine Flasche Öl und Backpapier. Jetzt sind alle Schränke der gelben Küche leer. Und das bleiben sie auch. Die ältere Frau, die hier seit Jahrzehnten im zweiten Stock mit zwei Balkonen gelebt hat, ist ausgezogen. Ins Seniorenheim.

Westendorf und seine beiden Kollegen von der Firma Von den Roten, Giuseppe Sardelli und Serbo Bajramovic, entrümpeln Wohnungen. Einer von ihnen wird die Küche heute noch abbauen, sie kommt zum Wertstoffhof.

Um acht Uhr stapeln sich bereits viele blaue Säcke auf dem Teppich im Flur. Wer an der offenen Wohnungstür vorbeigeht, sieht auf den ersten Blick nur Sack über Sack. Die Zeit scheint in der Wohnung seit Weihnachten stehen geblieben zu sein. Auf den Fensterbänken stehen einige Weihnachtsmänner neben vertrockneten Pflanzen. Eine rote Kugel ist unters Bett gerollt. Serbo Bajramovic bückt sich, hebt sie auf und packt sie ebenfalls in einen blauen Sack.

Blick in eine Küche und einen Flur mit vielen blauen Säcken.

Blaue Säcke füllen den Flur: Das Team Von den Roten sortiert und verpackt, was zurückgeblieben ist.

Die Firma Von den Roten hat 16 Mitarbeiter. Sie übernehmen nicht nur Haushaltsauflösungen, sondern auch Tatortreinigungen, Rückbauarbeiten und Asbestentfernungen. Sie erledigen alles, was nötig ist, damit eine Immobilie wieder bewohnbar wird. Tapeten ab, Teppich raus, Möbel verkaufen, wenn möglich, den Rest entsorgen. Nicht am Straßenrand, sondern fachgerecht. Seit neun Jahren.

Westendorf, Sardelli und Bajramovic arbeiten seit gut fünf Jahren als Team zusammen. Sie tragen Möbel und Elektrogeräte nach draußen, entsorgen Post, Flaschen, Geschirr. Sie verräumen ein Leben. Und kümmern sich um das, was davon übrigbleibt. Jahre, Jahrzehnte zusammengetragen – innerhalb von zwei Wochen nach der ersten Besichtigung ist alles erledigt. Manchmal dauert es auch anderthalb Monate, je nach Verfügbarkeit der Mitarbeiter und Gegebenheiten vor Ort. Bei einem ganzen Haus länger als bei einer Wohnung. „Eine Woche ungefähr bei einem Einfamilienhaus“, sagt Sardelli, während er Bettwäsche aus dem Schrank im Flur holt. Sie ist ordentlich gefaltet, wie aus der Mangel direkt verstaut und nie wieder benutzt. Eine Jacke hängt noch an der Garderobe darunter. Alles wandert in den Sack.

Zwischen Bürokratie und Trauer

Oft kommen die drei Männer, wenn jemand verstorben ist. Oder wenn Menschen ins Altersheim ziehen, wie an diesem Morgen in Nippes. Mal beauftragen Angehörige, mal Betreuer, mal die Stadt. Die Personen, die in den Wohnungen gelebt haben, kennen die Entrümpler meistens nicht. Sie betreten oft als Letzte Räume, in denen Menschen über Jahre gelebt haben.

Eine Fensterbank mit vertrockneten Blumen und Weihnachtsdekoration.

Die Schneemänner und eingetrocknete Pflanzen auf der Fensterbank erzählen von der Zeit vor dem Auszug.

Für die gut 80 Quadratmeter hier werden sie wohl einen Tag brauchen. Vor dem Haus gibt es eine Halteverbotszone. Die Genehmigung dafür braucht rund drei Wochen. Trotzdem stehen Autos im abgesperrten Bereich. Die Mitarbeiter im Büro kümmern sich um einen Abschleppdienst.

Bürokratie trifft auf den intimsten persönlichen Raum. Während drinnen Erinnerungsstücke sortiert, verpackt oder entsorgt werden, müssen draußen Formulare ausgefüllt, Fristen eingehalten und Zuständigkeiten geklärt werden. Für die Entrümpler Alltag, doch für Angehörige oder ältere Menschen, die ihre Wohnung verlassen, ist es oft eine zusätzliche Belastung. Viele wissen nicht, welche Anträge nötig sind, und stehen parallel unter emotionalem Druck. Strabergs Team übernimmt deshalb auch diese Schritte.

Ein Mann trägt blaue Säcke zu einem Transporter.

Die Männer betreten oft als Letzte Wohnungen, in denen Menschen jahrzehntelang gelebt haben.

Um sieben Uhr haben sie angefangen, ganz systematisch: Einer macht die Küche, einer das Kinderzimmer, einer das Schlafzimmer. Das Bad wirkt noch so, als warte es auf seine Bewohnerin. Ein Bademantel hängt am Haken, Putzlappen sind ordentlich über die Leine in der Badewanne gelegt. Gleich wird einer der Männer sie abhängen und einpacken.

Ob ihn das nach fünf Jahren im Job noch mitnehme? Eigentlich nicht, sagt Westendorf. Sie machen das schließlich jeden Tag. Zu viele Wohnungen haben sie dafür schon ausgeräumt, zu viele Fotos eingesammelt, zu viele Leben eingepackt.

Ein dickes Fell

„Mit der Zeit bekommt man ein dickes Fell“, sagt Lisa Straberg. Gemeinsam mit ihrem Mann Stefano hat sie das Unternehmen gegründet. Am Anfang hätten sie sich jeden Gegenstand genau angeschaut und sich Geschichten dazu ausgemalt. Das lasse irgendwann nach. Der Blick werde praktischer: „Was ist schwer, was muss auseinandergebaut werden.“

Eine blonde Frau  im Blazer lächelt in die Kamera.

Lisa Straberg, Gründerin von Von den Roten, setzt auf Respekt und transparente Abläufe.

Nicht alle Wohnungen seien so ordentlich wie diese. Nicht alle älteren Bewohner seien noch so strukturiert. Krankheiten spielten eine Rolle. An eine Entrümpelung erinnert sich Straberg besonders. Ein Haus, in das man kaum zur Tür hineinkam, so viel Müll habe dort gelegen. „Das führt einem vor Augen, wie sehr eine Krankheit das Leben übernehmen kann.“ Das sei zwar traurig, für das Team vor Ort aber auch sehr hart. „Man sieht einfach ganz viele eklige, scheußliche und traurige Dinge.“

Respekt sei ihr Grundprinzip. Sie wühlten nicht in den Sachen. Sie gingen pragmatisch vor, aber sie behandelten die Gegenstände würdevoll. Angehörige müssten gut begleitet werden, ob am Telefon oder bei der ersten Besichtigung. Für viele Kundinnen und Kunden sei es eine schwere Situation. 

In der Branche gebe es viele schwarze Schafe, sagt sie. Menschen würden in verletzlichen Situationen abgezockt. Sie wollen dagegenhalten und arbeiten deshalb möglichst transparent. Eine eigens entwickelte App dokumentiert jeden Schritt. Bei der Besichtigung wird festgehalten, wie viele Container nötig sind, wie viele Tonnen Sperrmüll entstehen und wie viel Zeit der Auftrag wahrscheinlich braucht. „Besteht eine Wohnung aus schwerem Eichenholz, benötige das mehr Kraft. Eine Küche Marke Eigenbau mit vielen Schrauben dauert auch länger“, sagt die Geschäftsführerin. Ein Billy-Regal von Ikea falle dagegen fast von allein auseinander. Liegt die Wohnung im fünften Stock, brauche es mehr Personal, das Treppen laufen kann. All das fließt in den Preis ein. Für eine 80-Quadratmeter-Wohnung wie die in Nippes sind es im Schnitt 2000 bis 3000 Euro.

Putzlappen hängen über der Badewanne an einer Wäscheleine.

Im Bad hängen noch Bademantel und Putzlappen, als würde die Bewohnerin jeden Moment zurückkommen.

Wichtig sei, dass geklärt werde, wer den Auftrag erteilt und wem die Gegenstände gehören. Meistens gehen Angehörige oder die Personen selbst noch einmal durch die Wohnung. Auch die ehemalige Bewohnerin hier in Nippes hat das getan. Alles, was danach bleibt, kommt weg. Auch die Familienbilder über dem Bett. Und das Passfoto eines jungen Mannes daneben.

„Alle haben Bilder. Manche hängen an der Wand, andere liegen in der Schublade“, sagt Lisa Straberg über das, was alle Immobilien miteinander verbindet, die sie ausräumen. Oft erkenne man die Bewohner mit der Zeit wieder. Auf Hochzeits-, Urlaubs- oder Kinderfotos. In Kinderzimmern stehen gebastelte Erinnerungen. Ordner mit Aufschriften wie „Julia Schule“ und dann „weiß man, dass die Wohnung oder das Haus das Zentrum des Familienlebens war“.

Das große Geld unter der Matratze haben sie nicht gefunden, auch keinen lange vermissten Ehering hinter dem Schrank. Dafür anderes. Sardelli erinnert sich an einen Beutel voller Liebesbriefe der Affäre eines Ehemannes. Er habe sie hinter einem großen Schrank entdeckt. „‚Wir hatten Besuch, deshalb konnte ich nicht mehr telefonieren‘, stand da auf einem drauf.“ Den Kindern habe er davon nichts gesagt. Das liege in der Vergangenheit. Warum noch einmal Gefühle aufwühlen? Auch die Briefe landeten mit den übrigen Papieren im Container.

Jeden Tag landet ein Bett auf dem Sperrmüll

Im Einbauschrank im Wohnzimmer stehen viele Bücher. Autorin Jojo Moyes scheint beliebt gewesen zu sein. „Bücher sind besonders schwer, wenn wir die heruntertragen“, sagt Sardelli. Genau wie alte Miele-Waschmaschinen oder alte Öfen. Aber nein, Muskelkater bekommen sie trotzdem keinen mehr, wenn sie pausenlos die Treppen auf- und ablaufen.

Ein Bild steht auf dem Kopf im Flur.

Viele Wohnungen erzählen Geschichten – manche geordnet, andere geprägt von Krankheit und Überforderung.

„Als nächstes das Sofa?“, ruft einer der Männer aus dem Nebenraum. Geübt stemmen Bajramovic und Westendorf es hoch. Darunter kommen grüne Zettel zum Vorschein. Diese Zettel kleben und liegen überall in der Wohnung. „Fenster zu“ steht auf einem, auf einem anderen eine Taxinummer, auf einem dritten ein Arzttermin von letzter Woche, kleine Hinweise auf einen Alltag kurz vor dem Auszug.

Ein Plattenspieler steht noch im Wohnzimmer. Daneben eine Plattensammlung: Abba, Pavarotti, Kinder-Weihnachtslieder, Mexiko-Party. Kommt weg. Der Verkauf lohne sich zeitlich nicht, sagt Sardelli. Er räumt noch die restlichen Sachen aus den Schränken im Wohnzimmer raus. Seine beiden Kollegen tragen einen Sack nach dem anderen in die Transporter an der Straße.

Von den Roten arbeitet mit einem Netzwerk aus Trödlern und Antikhändlern. Jede entsorgte Tonne Müll kostet Geld. Je weniger Abfall, desto günstiger. Alles, was sich verkaufen lässt, rechnet Straberg an. Schmuck aus Gold oder Silber lasse sich fast immer verkaufen. Metalle, alte Markenwaschmaschinen, gut erhaltenes Geschirr ebenso. „Einmal habe ich auch einen alten Weltatlas verkaufen können. Da war so alt, da war die Erde quasi noch als Scheibe abgebildet.“

Zwei Männer räumen einen Transporter ein.

Der Transporter vor dem Haus ist voll beladen. Am Ende wirkt das Einräumen wie eine Runde Tetris.

Manches geht vor Ort noch weg an Nachbarn, erzählt Giuseppe Sardelli. Ein Kühlschrank findet Abnehmer. Manchmal tue es ihm leid, wenn gute Möbel wegmüssen. „So viele Menschen auf der Welt hätten gerne ein intaktes Bett und wir schmeißen jeden Tag eins auf den Sperrmüll.“

Unten ist der Wagen voll, das Einräumen wirkt wie eine Runde Tetris. Eine kurze Raucherpause, dann fahren sie den Sperrmüll und das Holz weg. Anschließend wird die Wohnung grundgereinigt. Dann ist sie bereit für den nächsten Bewohner.