Das britische Königshaus ist in seinen Grundfesten erschüttert. Viele Briten finden die Verhaftung Andrews aber richtig.
„Er hat es verdient“Briten zeigen sich zufrieden über Festnahme von Andrew

Sandringham: Polizeibeamte bewachen den Eingang des königlichen Anwesens. Andrew Mountbatten-Windsor ist an seinem neuen Wohnsitz in der Grafschaft Norfolk verhaftet worden.
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„Er hat es verdient!“ Auf den Straßen Londons haben viele Briten am Donnerstag mit Zufriedenheit auf die Festnahme des früheren Prinzen Andrew im Zusammenhang mit dem Epstein-Skandal reagiert. „Ich bin hocherfreut“, sagt die Anwältin Emma Carter. „Ehrlich gesagt hätte er schon längst verhaftet werden müssen.“
Der frühere Prinz habe sich „jahrelang hinter seinen Privilegien und der Popularität seiner Mutter, Königin Elizabeth II., versteckt“, sagte die 55-jährige Carter weiter. Die Verhaftung des Bruders von König Charles III. sei „ein starkes Signal. Er hat es verdient!“
Die Nachricht von der Festnahme schlug ein wie Donnerhall, das Königshaus ist in seinen Grundfesten erschüttert. In den Sendern laufen Aufnahmen hoch und runter, wie eine Flotte unmarkierter Fahrzeuge - vermutlich Polizeifahrzeuge - am frühen Morgen auf dem königlichen Anwesen Sandringham in Ostengland vorfährt. Dorthin war Andrew erst Anfang des Monats gezogen, nachdem er seinen luxuriösen Wohnsitz in Windsor verlassen musste, wo er mehr als 20 Jahre lebte.
Königsfamilie steht nicht über dem Gesetz
Die Rentnerin Maggie Yeo nahm die Festnahme nach eigenen Angaben mit einem breiten Lächeln auf. „Ich dachte, die Königsfamilie wäre unantastbar“, sagt die 59-Jährige. „Gut zu wissen, dass auch sie nicht über dem Gesetz stehen.“ Die Festnahme von Andrew zeige, dass die britische Justiz funktioniere. Und die 39-jährige Datenanalystin Jennifer Tiso konstatiert erfreut, dass nach den Verhaftungen von „Rockstars und Superstars nun auch die allerhöchsten Kreise wie die Königsfamilie betroffen sind“.
Das Gefühl, dass die Königsfamilie eigentlich unantastbar sei, hatten bis Donnerstag viele Menschen im Vereinigten Königreich. In einer am Montag veröffentlichten Umfrage hielten es knapp zwei Drittel der Briten (62 Prozent) für „unwahrscheinlich“, dass der Ex-Prinz angeklagt werden könnte. Ob es nun so weit kommt, ist allerdings unklar, Andrew weist alle Vorwürfe zurück. Der Festgenommene bleibe vorerst in Gewahrsam, erklärte die Polizei. Und der König rief dazu auf, die Justiz unabhängig ihre Arbeit machen zu lassen.
Charles grenzt sich weiter von Andrew ab
„Nun folgt das faire und ordnungsgemäße Verfahren, in dem diese Angelegenheit von den zuständigen Behörden sachgerecht untersucht wird“, erklärte Charles III. „Wie ich bereits gesagt habe, haben sie dabei unsere volle und uneingeschränkte Unterstützung und Zusammenarbeit“, hieß es in der Stellungnahme, die der Monarch persönlich zeichnete - ein äußerst seltener Vorgang. „Ich möchte ganz klar sagen: Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen.“
Damit versuchte der König offensichtlich einmal mehr, sich von seinem jüngeren Bruder abzugrenzen, der bei den Briten durch den Epstein-Skandal und immer neue Enthüllungen in den vergangenen Jahren immer unbeliebter wurde. Er möge Andrew „überhaupt nicht“, dieser sei „arrogant“ und „nicht intelligent“, sagt der Rentner Kevin aus Salisbury, der seinen Nachnamen nicht nennen will. „Ich habe nichts gegen die königliche Familie. Aber er ist wirklich kein gutes Vorbild.“
Andrew müsse genau zu den Vorwürfen befragt werden, dass er in seiner Zeit als britischer Handelsgesandter möglicherweise vertrauliche Berichte an Epstein weitergab, sagte Kevin. „Es geht dabei um Verträge, Geld und diplomatische Beziehungen zu anderen Ländern. Das ist wichtig.“
Virginia Giuffres Familie: „Er war niemals ein Prinz“
Andere sehen es dagegen kritisch, dass Andrew nun ausgerechnet wegen dieser Vorwürfe des Amtsmissbrauchs festgenommen wurde - und nicht wegen all der anderen Anschuldigungen gegen ihn in den vergangenen Jahren, darunter sexueller Missbrauch. Sie denke an diese mutmaßlichen Opfer, sagt die Anwältin Emma Carter. Und sie hoffe, dass Andrews Festnahme auch für diese Frauen „eine gute Nachricht“ sei.
Ähnlich äußert sich aus den USA die Familie von Andrews mutmaßlichem Opfer Virginia Giuffre. Die US-Australierin, die im vergangenen Jahr im Alter von 41 Jahren Suizid begangen hatte, war als Schlüsselfigur im Missbrauchsskandal um Epstein bekannt geworden. Sie hatte dem US-Investor vorgeworfen, sie als Sex-Sklavin missbraucht und als Minderjährige an andere Prominente wie Andrew weitergereicht zu haben.
„Endlich: Heute wurden unsere gebrochenen Herzen durch die Nachricht erleichtert, dass niemand über dem Gesetz steht, nicht einmal die Monarchie“, hieß es in einer Erklärung der Familie zur Festnahme von Andrew. „Er war niemals ein Prinz.“ (afp)

