Der bekannteste Liebhaber der Welt verabredet bei einem Karnevalsball sich mit der Gattin des Kölner Bürgermeisters zum Ehebruch. Es ist nicht die einzige Straftat von Casanova bei seinen Besuchen in Köln.
Ehebruch mit der Gattin des BürgermeistersCasanova im Kölner Karneval

Casanova und Mimi im Kölnischen Stadtmuseum: In der Vitrine befindet sich das Totenschild der Gattin des Kölner Bürgermeisters, die sich mit Casanova zum Ehebruch verabredet hatte.
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Hier könnte es geschehen sein: Ein paar Meter hinter der Kirche St. Johann Baptist an der Severinstraße auf dem Weg zum Rhein befindet sich ein besonderer Ort in der Stadt, den selbst viele Kölner nicht kennen. St. Gregorius am Elend, auch „Elendskirche“ genannt, ist nicht nur Kölns letzte Privatkirche. Es ist auch der Ort, an dem der mutmaßlich größte Liebhaber aller Zeiten im Jahr 1760 stundenlang ausharren musste, bis ihn die Angebetete zu sich ließ. Die Ehefrau des amtierenden Kölner Bürgermeisters, Maria Ursula Columba zum Pütz, die „Mimi“ genannt wurde, war mit Giacomo Casanova zum Ehebruch verabredet. Zunächst musste der Lebemann aus Venedig Stunden zusammengekrümmt im Beichtstuhl verbringen. Nach dem Abschließen der Kirche soll er weitere Stunden zusammen mit Ratten in einem Kämmerlein verbracht haben. Dafür wurde er jedoch reich belohnt. Casanova berichtet in seinen Memoiren von einer „köstlichen Nacht“. Sieben Stunden lang habe sich „die Lust immer wieder erneuert“.
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War so etwas möglich im prüden, katholischen Köln des 18. Jahrhunderts? Der Casanova-Experte Ansgar Bach ist sich ziemlich sicher, dass der Liebhaber hier nicht gelogen hat. Höflich verschwieg er in seinen Lebenserinnerungen, die zum Weltbestseller wurden, den Namen der Frau. Bach ist sich ziemlich sicher, dass es die Bürgermeistergattin war, die Casanova in der Karnevalssession 1760 für sich begeistern konnte, auch wenn aus der angesehenen Familie der Frau immer wieder Zweifel geäußert wurden.

Casanova-Experte Ansgar Bach mit einem Original aus dem 18, Jahrhundert: In dem Buch "L'Espion chinois" des Abenteurers Ange Goudar findet man auch einige Texte von Casanova, der mit Goudar befreundet war. Verlegt wurde das Buch in Köln.
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Der gebürtige Kölner, der heute in Brandenburg lebt und das Reisunternehmen „Literarische Reisen“ führt, gehört zu einer kleinen, weltweit vernetzten Community, die sich bis heute von Casanova begeistern lässt. Sie seien etwa „100 Freaks“, die immer wieder neue Details über das Leben den freiheitsliebenden Mann zusammentragen. In dem kürzlich, zum 300. Geburtstag des gebildeten und umtriebigen Lebenskünstlers veröffentlichten Buch „Casanova in Köln und Bonn“ berichtet Bach von drei Reisen ins Rheinland. Auch das Kölnische Stadtmuseum geht davon aus, dass es die Affäre gab. Es widmet Casanova und „Mimi“ trotz begrenztem Platz im Übergangsquartier eine Ausstellungsvitrine.
Flucht aus den Bleikammern von Venedig
Die Besuche und Eskapaden in Köln sind das Thema der neuen Folge von „True Crime Köln“, der Podcast-Reihe des Kölner Stadt-Anzeiger über wahren Verbrechen in Köln und im Rheinland. Der Ehebruch ist nicht der einzige Gesetzesbruch, den Casanova hier beging. Er verprügelte einen Kölner Zeitungsredakteur und übte verbotene Selbstjustiz. Möglicherweise war er als Spion in Köln unterwegs, wie Bach im Gespräch bei „True Crime Köln“ berichtet. Bei seinem dritten Besuch ist er wohl in der Stadt, um Schulden einzutreiben. Casanova musste einen Raubüberfall abwehren und wegen Betrugs vor Gericht erscheinen. Und bei allen festlichen Anlässen war er der Star, weil er recht unterhaltsam von seiner spektakulären Flucht aus den gefürchteten Bleikammern im Dogenpalast von Venedig berichten konnte. Dort war er eingesperrt worden, weil er angeblich als Unruhestifter und Anhänger der Freimaurer die „heilige Religion“ geschmäht hatte.

Casanova soll sich in der Elendskirche im Severinsviertel versteckt haben, bevor ihn die Angebetete in ihre Gemächer ließ.
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Mit Casanovas Reisen ins Rheinland verbindet sich die spannende Frage, wie denn Mitte des 18.Jahrhunderts – also lange vor der Gründung des Festkomitees – Karneval gefeiert wurde. Der Herzensbrecher und Hochstapler aus Italien war wohl auf Einladung der feineren Gesellschaft zu Gast. Die traf sich zu Maskenbällen in privaten Räumen und Sälen, während das einfache Volk in Kneipen und auf der Straße recht rustikal zu feiern wusste. Casanova berichtet von einem großen Karnevalsball im Schloss Augustusburg in Brühl. Dorthin hatte der Kurfürst Clemens August eingeladen, der ja auch Erzbischof von Köln war. Die kirchliche Funktion hinderte den „Sonnenfürst vom Rhein“ nicht daran, sich an der Festkultur und dem ein oder anderen damit verbundenen Laster zu erfreuen.
Erster Flirt auf dem Maskenball
„Die Maskenbälle waren eine wunderbare Gelegenheit, Menschen des anderen Geschlechts kennenzulernen“, sagt die Karnevalsexpertin Monika Salchert im Interview bei „True Crime Köln“. Und so fanden auch Mimi und Casanova zueinander. Es wurde getanzt und geflirtet, sagt Bach. Doch leicht soll es die Bürgermeistergattin dem erfolgsverwöhnten Verführer nicht gemacht haben. Casanova, der von sich selbst behauptete, im Laufe seines Lebens bis zu 150 Geliebte gehabt zu haben, musste seinen Aufenthalt in Köln verlängern. Es dauerte Wochen, bis es zum mutmaßlich wilden Sex in den Gemächern neben der Elendskirche kam.
Das Feuer zwischen den beiden loderte nur eine kurze Zeit. Bei seinem zweiten Besuch in Köln hat Casanova offensichtlich versucht, „Mimi“ noch einmal zur verbotenen Liebe zu überreden. Doch sie habe „brüsk“ abgelehnt, sagt Ansgar Bach. Die selbstbewusste Frau wurde nur 33 Jahre alt. Sie starb wahrscheinlich an Tuberkulose. Ihr Totenschild hängt in der Vitrine des Stadtmuseums.

True CRime
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Die neue Folge von „True Crime Köln“ „Ehebruch mit der Gattin des Bürgermeisters: Casanova im Kölner Karneval“ kann man überall hören, wo es Podcasts gibt, und über die Homepage des Kölner Stadt-Anzeiger.

