Der Infektiologe Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln hat sich auf Spurensuche begeben und zeigt, wie zwei polnische Ärzte die Nazis täuschten.
Ärzte narrten NazisFleckfieber – Die Geschichte einer vorgetäuschten Epidemie

Fleckfieberschild im Warschauer Ghetto, Anfang 1941
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Schon früh in meiner beruflichen Tätigkeit als Arzt haben Infektionskrankheiten begonnen, mein besonderes Interesse zu wecken. Infektionen sind in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes in der Medizin. Das habe ich Mitte der 1980er Jahre exemplarisch beim Auftreten von Aids erfahren. Diese tödliche Krankheit schien plötzlich, wie aus dem Nichts zu kommen. Sie breitete sich mit rasanter Geschwindigkeit über die ganze Welt aus und zerstörte die Zukunftsaussichten nicht nur vieler einzelner Menschen, sondern ganzer Bevölkerungsgruppen. Aids löste in der Gesellschaft kontroverse Debatten aus, riss tiefe Gräben und führte zu Verunsicherung und Furcht. Inzwischen haben viele Jahre der intensiven öffentlichen Auseinandersetzung mit Aids und insbesondere die riesigen wissenschaftlichen Fortschritte bei der Erforschung der Krankheit die Situation entscheidend verändert.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Infektionskrankheiten schon immer eine eigene Rolle in der Entwicklung der Menschheit gespielt haben, besonders wenn sie in Form von Epidemien auftraten. Die Corona-Pandemie hat uns daran erst jüngst auf sehr schmerzliche Weise erinnert. Der Blick zurück lohnt sich also, wenn wir mehr über die Besonderheiten von Infektionskrankheiten erfahren wollen.

Professor Gerd Fätkenheuer
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So stieß ich vor wenigen Jahren auf das Fleckfieber, eine Krankheit, der ich in meiner Praxis nie selbst begegnet bin. Sie spielt heute praktisch keine Rolle mehr, verbreitete aber in bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges großen Schrecken und forderte zahlreiche Opfer. Fleckfieber wird durch Kleiderläuse übertragen, die mit den sogenannten Rickettsia-prowazekii-Bakterien infiziert sind. Dieser Übertragungsweg macht das Fleckfieber zu einer Krankheit, die besonders in Notzeiten, Kriegen oder unter miserablen sozialen Bedingungen einen guten Nährboden findet. Man schätzt beispielsweise, dass während und nach der russischen Oktoberrevolution von 1917 bis zu drei Millionen Menschen an Fleckfieber gestorben sind.
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In der deutschen Propaganda wurde Fleckfieber als jüdische Krankheit bezeichnet
Als die deutsche Wehrmacht von 1939 an ihren Feldzug nach Osten führte, stieß sie in Gebiete vor, in denen das Fleckfieber sehr verbreitet war. Da die Krankheit in Deutschland zu dieser Zeit nur noch selten auftrat, hatte die Bevölkerung keinen Immunschutz gegen die Infektion. Die vorrückenden deutschen Soldaten und Besatzer waren somit einem hohen Krankheitsrisiko ausgesetzt. Es gab damals weder eine wirksame Behandlung gegen Fleckfieber noch eine breit verfügbare Impfung. Deshalb standen hygienische Schutzmaßnahmen ganz im Vordergrund. In der deutschen Propaganda wurde das Fleckfieber auch als „jüdische“ Krankheit bezeichnet, und die Juden wurden für ihre Verbreitung verantwortlich gemacht. Das Fleckfieber diente damit nicht zuletzt als Vorwand für die Vernichtungsaktionen gegen die jüdische Bevölkerung in den östlichen Eroberungsgebieten.
Als ich mich über weiter über das Fleckfieber informierte, stieß ich auf Ludwik Fleck (1896 bis 1961), einen der größten Forscher auf diesem Gebiet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch wenn sein Name es nahelegen mag, ist die Erkrankung nicht nach diesem Wissenschaftler benannt, wie der Züricher Veterinärmediziner Andreas Pospischil in in einem kundigen Buch über Ludwik Fleck dargelegt hat. Vielmehr hat die Krankheit ihren Namen wegen der roten Flecken auf der Haut, die sich typischerweise in ihrem Verlauf zeigen.
Sabotageaktion blieb von der SS unbemerkt
Über Flecks Wirken kann man nur ins Staunen geraten. Als in Lemberg geborener jüdischer Bürger wurde der seinerzeit weltweit bekannte Forscher nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 im Lemberger Ghetto interniert und dann zunächst nach Auschwitz, später nach Buchenwald deportiert. Dort unterhielt die SS ein Forschungslabor, in dem man unter anderem einen gut wirksamen Impfstoff gegen Fleckfieber entwickelt wollte. In dieses Labor wurde Fleck abgeordnet mit der Aufgabe, die von ihm entwickelten Methoden zur Impfstoffherstellung für diesen Plan einzusetzen.
Fleck erkannte rasch, dass der von den SS-Medizinern produzierte Impfstoff völlig untauglich war, verschwieg das aber seinen Aufsehern. Dafür gelang es ihm unter großer Geheimhaltung, nach seiner eigenen Methode in kleinen Mengen einen Impfstoff herzustellen. Diese Vakzine verwendeten die im Lager aktiven Widerstandsgruppen, um damit einige Gefangene zu impfen und vor der Krankheit zu schützen. Die Sabotageaktion blieb bis zum Schluss unentdeckt. Fleck selbst überlebte mit viel Glück zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn das Konzentrationslager.
Die Stärke strikten wissenschaftlichen Denkens und Handelns
Ich war fasziniert von dieser Geschichte, die gut belegt ist und von großem persönlichem Mut, aber auch von der Stärke strikten wissenschaftlichen Denkens und Handelns zeugt.
Bei meinen Recherchen stieß ich auf eine weitere Episode zum Fleckfieber, die mich noch mehr erstaunte:
Zwei junge polnische Ärzte, Eugeniusz Łazowski und Stanislaw Matulewicz, hätten während des Zweiten Weltkriegs in der Region Stalowa Wola im Süden Polens eine Fleckfieber-Epidemie vorgetäuscht, um die deutschen Besatzer von den vermeintlich betroffenen Dörfern fernzuhalten und die Bevölkerung so vor dem deutschen Terror zu schützen. Berichte über dieses Geschehen aus der Nachkriegszeit stützten sich allesamt auf einen Artikel der beiden Ärzte aus dem Jahr 1977 sowie die Autobiografie, die der inzwischen als Kinderarzt in Chicago tätige Łazowskis 1991 abgefasst hatte. Hin und wieder war auch die Rede davon, dass durch die Aktion der beiden Ärzte etwa 8.000 Juden gerettet worden seien. Letzteres erwies sich als falsch, wie die Dokumentarfilmerin Barbara Necek in ihrem Film „À la recherche du Schindler polonais“ (Auf der Suche nach dem polnischen Schindler) 2019 nachweisen konnte.
Aber was war dann dran an der Ausgangsgeschichte, der simulierten Epidemie?
Łazowskis Memoiren zufolge wandten Matulewicz und er einen raffinierten Trick an, um Erkrankungen mit Fleckfieber vorzutäuschen. Die Diagnose der Infektion erforderte einen Bluttest, die sogenannte Weil-Felix-Reaktion. Für die Auswertung des Tests im Labor verwendete man nicht die eigentlichen Krankheitserreger als Testmaterial, sondern abgetötete andere Bakterien namens Proteus vulgaris OX. Führt der Zusatz dieser Bakterien zu der Blutprobe zu Verklumpungen, gilt der Test als positiv, und die Infektion mit Fleckfieber als nachgewiesen.
Dieses Verfahren war, obwohl er nicht sehr genau, in den 1940er Jahren der Standard zum Nachweis von Fleckfieber. Matulewicz und Łazowski hatten nun eine Idee, auf die vor ihnen niemand gekommen war: Was würde passieren, wenn man einer Person die abgetöteten Proteus-Bakterien quasi als Impfung spritzt? Es zeigte sich, dass die Spritze von Probanden nicht nur gut vertragen wurde, sondern dass der Felix-Weil-Test nach etwa einer Woche positiv ausfiel. Die so behandelten Personen waren also positiv auf Fleckfieber getestet, ohne die gefährliche Krankheit wirklich zu haben.
Suche in polnischen Archiven
Auf dieser Basis führten die beiden Ärzte zwischen 1941 bis 1944 eine große Zahl solcher Injektionen durch. All diesen „Patienten“ bescheinigte das Labor der deutschen Besatzer dann offiziell eine Fleckfieber-Erkrankung. Dies führte dazu, dass ganze Dörfer unter Quarantäne gestellt wurden und die Bewohner vor dem Zugriff der Deutschen geschützt waren. Dies alles erfolgte unter maximaler Geheimhaltung. Eine Enttarnung hätte nicht nur den sicheren Tod der beiden Ärzte bedeutet, sondern gewiss auch weitere Vergeltungsaktionen nach sich gezogen. Łazowski schreibt, nicht einmal seine Frau, die in seiner Praxis mitarbeitete, habe von der Aktion gewusst. Den betroffenen „Patienten“ gegenüber wurden die Injektionen als Maßnahme zur Stärkung ihrer Abwehrkräfte ausgegeben. Diese Art der Behandlung war damals offenbar sehr beliebt.
Mit ihrem Wirken hätten die beiden Ärzte also tatsächlich eine Epidemie vorgetäuscht, die es in Wirklichkeit nie gab. Vergleichbares war mir aus der Geschichte nicht bekannt. Aber konnte das wirklich alles so abgelaufen sein, wie die beiden es beschrieben? Außer ihren persönlichen Berichten gab es keine unabhängigen Quellen, die diese falsche Epidemie bestätigt hätten.
Zusammen mit polnischen und deutschen Kollegen und Kolleginnen machte ich mich daran, weiter nachzuforschen. Wir mussten Unterlagen finden, die die Geschichte untermauern - oder eher gegen sie sprechen. Die Suche in polnischen Archiven erwiesen sich jedoch als fruchtlos: Zahllose Dokumente waren von den deutschen Besatzern bei ihrem Abzug oder in den Wirren der letzten Kriegsmonate zerstört worden.
Wir fanden nur ein unabhängiges Dokument, das von einer vorgetäuschten Fleckfieber-Epidemie berichtet. Der aus der Region stammende Priester Albin Blajer beschrieb 1974 ein solches Ereignis. Zwar unterscheidet sich seine Erzählung signifikant von der Łazowskis. Gemeinsam ist beiden aber die Erwähnung einer Inspektion durch die deutschen Behörden aufgrund des Verdachts, dass es bei den gemeldeten Fleckfieberfällen nicht mit rechten Dingen -ugegangen sein könnte.
Überraschender Quellenfund
Diese Untersuchung hat demnach tatsächlich stattgefunden. Łazowski konnte die deutschen Kontrolleure davon überzeugen, dass die Symptome der untersuchten Patienten einer Fleckfiebererkrankung entsprachen, und die von den deutschen Ärzten selbst abgenommenen Blutproben zeigten im Labor erwartungsgemäß eine positive Weil-Felix- Reaktion. Somit fanden die deutschen Kontrolleure den Verdacht nicht bestätigt.
Von medizinischer Seite haben wir keine Quellen erwartet, welche die Geschichte der beiden polnischen Ärzte direkt gestützt hätten – zu eigenwillig und originell war ihr Vorgehen. Und welchen Nutzen hätte eine Injektion mit abgetöteten Proteus Bakterien unter normalen Umständen für die Probanden auch haben sollen?
Überraschenderweise fanden wir dann aber doch eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1919, in dem genau das beschrieben war: Zwei Personen waren Proteus Bakterien unter die Haut (subkutan) gespritzt worden, und bei beiden zeigte sich ein positiver Weil-Felix-Test. Weitere Studien zu Proteus-Bakterien und zum Weil-Felix-Test ergaben indirekte Hinweise, welche die Schilderung von Łazowski und Matulewicz unterstützen. Alles in allem kamen wir zu dem Schluss: Es kann so gewesen sein. Umgekehrt stießen wir auf nichts, was die Beschreibung der beiden widerlegen würde. Im Ergebnis sind wir daher überzeugt: Die Geschichte ist wahr, die falsche Epidemie hat es gegeben.
Eugeniusz Łazowski und Stanislaw Matulewicz – wie auch Ludwik Fleck - haben es in einer Situation unmenschlicher Unterdrückung verstanden, ihr Fachwissen kreativ zu nutzen und zum Wohle der Menschen einzusetzen. Sie waren sich der tödlichen Gefahren ihres Unterfangens bewusst, ließen sich davon aber nicht schrecken.
Wir leben zum Glück nicht in Zeiten, in denen auch nur annähernd so viel Mut gefordert ist. Aber wir erleben derzeit auch eine zunehmende Bedrohung unserer freiheitlichen Demokratie, die es erfordert, dass wir uns aktiv für sie einsetzen. In diesem Sinne sehe ich Ludwik Fleck, Eugeniusz Łazowski und Stanislaw Matulewicz als Personen, deren Wirken uns auch heute als Vorbild dienen kann.
Der Autor
Professor Gerd Fätkenheuer, geb. 1955, war fast 30 Jahre lang Leiter der Abteilung für Klinische Infektiologie am Universitätsklinikum Köln. Von 2013 bis 2019 war Fätkenheuer Vorsitzender der Gesellschaft für Infektiologie. In der Corona-Pandemie war Fätkenheuer unter anderem Teil des Expertenrats des Kölner Stadt-Anzeiger und gehörte zu den wichtigen Stimmen in der Debatte über Impfungen.

