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Kommentar

Bonner Professorin
„Zukunft statt Krise – Wir müssen lauter werden für das Wohl aller“

4 min
Zukunft lebt vom Miteinander (Symbolbild).

Zukunft lebt vom Miteinander (Symbolbild).

Der Einsatz der Bürgerinnen und Bürger für das Gemeinwohl war selten wichtiger als heute, sagt die Bonner Ethik-Professorin Christiane Woopen.

Wann haben Sie zuletzt „die Krise gekriegt“? Als die Wäsche verfärbt war, ein wichtiger Termin durchgerutscht ist – oder als Donald Trump die Weltbühne wieder einmal zu seinem persönlichen Spielplatz machte? Verglichen mit der großen Politik ist die verfärbte Wäsche natürlich nicht der Rede wert. Aber genau das zeigt: Krisen begegnen uns überall, im Großen wie im Kleinen.

Klima, Krieg, Migration, Wirtschaft, Sozialstaat, Demokratie – ein Alarm jagt den nächsten. Kein Wunder, dass wir in einem permanenten Krisendiskurs leben. Gefährlich wird er dort, wo mediale Zuspitzung, politische Unbedachtheit, populistische Vereinfachungen und autoritäre Interessen ihn weiter anheizen. Dann verengt sich der Blick, Angst und Ohnmacht wachsen, Menschen fühlen sich gelähmt oder werden aggressiv.

Viele sind erschöpft, manche wütend, andere ziehen sich zurück. Die Zukunft wird dunkel. Das ist menschlich. Aber es ist riskant. Denn so unterschiedlich die Konflikte auch sind – ohne eine gemeinsame Zukunftsgeschichte verlieren Gesellschaften ihre Orientierung.

Jede ausgestreckte Hand für Menschen in gesundheitlich, emotional, finanziell oder sozial prekären Situationen stiftet Hoffnung.
Professorin Christiane Woopen

„Krise“ bedeutet ursprünglich auch: Entscheidung. Genau darin liegt unsere Chance. Wollen wir den zersetzenden Krisendiskurs fortschreiben – oder entscheiden wir uns dafür, ihn in eine gemeinsame Zukunftskraft zu verwandeln? Zukunftsgeschichten versprechen kein Paradies. Aber sie bleiben nicht beim bloßen Anstarren der Probleme stehen. Sie suchen Wege, Verantwortung zu übernehmen und sie nicht nur anderen zuzuschreiben. Sie ersetzen Angst durch Beteiligung, Ohnmacht durch Engagement, Zynismus durch Gestaltungswillen.

Jeder kann seine Stärken zur Gestaltung der Zukunft einbringen

Diese Zukunftskraft beginnt nicht abstrakt, sondern konkret. Wir alle können unsere jeweiligen Stärken einbringen – egal, ob wir jung oder alt sind, politisch aktiv oder nicht, ob wir im Beruf stehen, engagiert im Ehrenamt, in der Familie oder im Freundeskreis. Jedes ernst gemeinte Bemühen um Verständnis, jedes zugewandte Wort statt des schnellen, abfälligen Kommentars am Frühstückstisch oder in den sozialen Medien schafft Offenheit.

Jedes respektvolle Streiten, bei dem man zunächst zuhört und Fakten nicht ignoriert, stärkt gegenseitiges Vertrauen. Und jede ausgestreckte Hand für Menschen in gesundheitlich, emotional, finanziell oder sozial prekären Situationen stiftet Hoffnung. Das ist kein Pathos, sondern das kleine Einmaleins des guten Miteinanders.

Wir müssen lauter werden und uns bewusster auf Zukunftsgeschichten statt auf den Krisendiskurs konzentrieren.
Professorin Christiane Woopen

Doch angesichts der Herausforderungen unserer Zeit reicht das nicht aus. Wir müssen lauter werden und uns bewusster auf Zukunftsgeschichten statt auf den Krisendiskurs konzentrieren. Als Parteimitglieder, die sich nicht nur für eigene Interessen stark machen, sondern für das Wohl aller und für Augenmaß statt rücksichtsloser Durchsetzung.

Als Bürgerinnen und Bürger, die von Kommunen, Ländern und Bund klare Vorsorgepläne einfordern: etwa für den Fall eines Cyberangriffs auf die Energieversorgung. Als Berufstätige und Belegschaften, die sich fragen, was sie mit Blick auf einen derzeit unwahrscheinlichen, aber mittelfristig durchaus möglichen militärischen Angriff auf einen Nato- Mitgliedsstaat in ihrem jeweiligen Umfeld tun können.

Unser Sozialstaat ist mehr als ein Reparaturbetrieb

Zukunftskraft entsteht im sozialen Miteinander: in Nachbarschaften, die ihr Viertel gestalten, weil das Zusammenleben dadurch schöner wird. Bei Arbeitgebenden, die zusätzlich zu fairer Bezahlung Arbeitsbedingungen schaffen, in denen Wertschätzung und Talententfaltung Zukunft öffnen. Bei Arbeitnehmenden, die sich über ihre eigene finanzielle Absicherung hinaus für den Erfolg unserer Wirtschaft engagieren – weil er unsere gemeinsame Zukunft trägt. Und bei sozialpolitisch Verantwortlichen, die ehrlich benennen, wie ernst die Lage ist, und deutlich machen, wie eine gute Zukunft für alle gemeinsam ermöglicht werden kann.

Unser Sozialstaat ist mehr als ein Reparaturbetrieb oder ein Gießkannensystem.
Professorin Christiane Woopen

Unser Sozialstaat ist mehr als ein Reparaturbetrieb oder ein Gießkannensystem, mehr als „Versorgung“ und „Sicherung“. Eine tragfähige Zukunftsgeschichte erzählt vom Sozialstaat als Netzwerk der Ermöglichung. Seit dem Zweiten Weltkrieg war der Staat nicht mehr so sehr auf die aktive Mitwirkung seiner Bürgerinnen und Bürger angewiesen wie heute.

Professorin Christiane Woopen, Direktorin des Center for Life Ethics der Universität Bonn

Professorin Christiane Woopen, Direktorin des Center for Life Ethics der Universität Bonn

Ist das der Politik ausreichend bewusst? Drei von vier jungen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren geben im „Young Economy Tracker“ der Bertelsmann Stiftung an, dass sie sich bei politischen Entscheidungen nicht ausreichend berücksichtigt fühlen. Dabei sind gerade sie für unsere Zukunftskraft unverzichtbar. Politik muss die Zukunftskraft der Bürgerinnen und Bürger wahrnehmen und freisetzen.

Ob uns das allen klar genug ist? So viel jedenfalls ist sicher: Es liegt an uns, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten, eine Zukunft, in der Demokratie und Freiheit gegen Angriffe von innen und außen geschützt und weiterentwickelt werden. Wir tun dies, indem wir unsere vielen kleinen und großen Beiträge zu einer Zukunftskraft werden lassen. Schon der Philosoph Aristoteles vor 2400 Jahren wusste: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.