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Kommentar

Todestag von Papst Franziskus
Spürsinn für neue Wege

5 min
Papst Franziskus empfängt Robert Francis Prevost, seinen Nachfolger, im Jahr 2017 in Rom. (Archivbild)

Papst Franziskus empfängt Robert Francis Prevost, seinen Nachfolger, im Jahr 2017 in Rom. (Archivbild)

Einflüsterer von rechts verstärkten das Misstrauen von Papst Franziskus gegen den deutschen Katholizismus. Ein Beitrag von Professor Jochen Sautermeister, Universität Bonn.

Vor einem Jahr, am Ostermontag 2025, starb Papst Franziskus. Dem ersten Papst aus Lateinamerika ging es um Erneuerung. Er setzte fort, was auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) und von Papst Paul VI. (1963 bis 1978) grundgelegt worden war: ein Programm der „Evangelisierung“. Franziskus warnte hier vor einem zu engen Verständnis, das der Lebenswirklichkeit und den Erfahrungen der Menschen nicht gerecht wird, und betonte die soziale Dimension. Evangelisierung ist somit weit mehr als Vorrang für Gottesdienst, Schriftlesung oder Frömmigkeitsübung.

Franziskus rief zu Umkehr, Nächstenliebe und Geschwisterlichkeit auf. Er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Notleidenden, Ausgegrenzten und an den Rand Gedrängten. Seine Umweltenzyklika „Laudato si„“ (2015) hat weltweit große Beachtung gefunden. Der „Umweltpapst“ hat die ökologische Krise als Ausdruck sozialer Ungerechtigkeit und Missachtung der Schöpfung zu einem Schwerpunkt seines Pontifikats gemacht und das Prinzip der Nachhaltigkeit unwiderruflich in die katholische Soziallehre eingetragen.

Professor Jochen Sautermeister, Universität Bonn

Professor Jochen Sautermeister, Universität Bonn

Die Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes stand im Zentrum der Verkündigung von Franziskus und ist der entscheidende Maßstab seiner Theologie. Er erinnerte immerzu daran, dass die Kirche eine Kirche für alle Menschen sei und niemand ausgeschlossen werden dürfe.

Mit dem Schreiben „Amoris laetitia“ (2016) leitete Franziskus einen Perspektivwechsel in der Ehe- und Familienpastoral ein. Er ermutigte dazu, die kirchliche Ehe- und Sexuallehre differenzierter zu betrachten und den Kern der christlichen Botschaft hervorzuheben. Franziskus kritisierte eine „kalte Schreibtischmoral“ und Starrheit in der Kirche. Er mahnte, nicht über andere zu urteilen, sondern die eigene Erlösungsbedürftigkeit und Schuldhaftigkeit vor Gott anzuerkennen. Er selbst war ein scharfer Kritiker von Selbstgerechtigkeit, Hartherzigkeit, Moralismus und Klerikalismus in der Kirche.

Papst der Synodalität

Franziskus wird als Papst der Synodalität in die Kirchengeschichte eingehen. Was im Zweiten Vatikanischen Konzil und dessen Verständnis von der Kirche grundgelegt wurde, in den Jahrzehnten danach aber eher in den Hintergrund getreten ist, das hat Franziskus beherzt aufgegriffen und zum Teil gegen erhebliche Widerstände vorangetrieben: Alle Getauften sind Volk Gottes und Subjekt der Kirche. Die kirchlichen Ämter stehen im Dienst des Volkes Gottes. Bischöfe, Priester und Diakone sind Volk Gottes und stehen nicht außerhalb oder über ihm. Die Kirche im 21. Jahrhundert muss eine synodale Kirche sein.

Daher sieht Franziskus besonders die Bischöfe in der Pflicht, wie es bereits zu Beginn seines Pontifikats in seiner lehramtlichen Programmschrift „Evangelii gaudium“ (2013) heißt: Der Bischof wird „sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten. Andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und – vor allem – weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden.“ In genauer Kenntnis kirchlicher Realitäten ermahnt „Evangelii gaudium“ jeden Bischof, „alle anzuhören und nicht nur einige, die ihm Komplimente machen“.

Heilsame Dezentralisierung

Seine unerbittliche Kritik am Klerikalismus gilt vor allem denjenigen, die ihr Amt missbrauchen oder die Kirche vom Amt her dominiert wissen wollen und das Volk Gottes auf den Bischof und die Priester hin zentrieren. Seitdem hat der machtkritische Diskurs in der katholischen Kirche lehramtliche Autorität. Denn das synodale Prinzip ist komplementär zum hierarchischen Prinzip der Kirche. Synodale Prozesse und Gremien, die nur der Hierarchie dienen und letztlich die Vorstellungen und Erwartungen der Bischöfe erfüllen sollen, sind mit Synodalität nicht vereinbar und lassen sich auch nicht mit Berufung auf das Zweite Vatikanum legitimieren.

Eine synodale Kirche bedürfe daher auch einer „heilsamen Dezentralisierung“, so Franziskus. Nicht alle Fragen sollen zentral vom päpstlichen Lehramt, sondern stärker in den jeweiligen Regionen und Kontexten beantwortet und entschieden werden. Denn eine „übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen“.

Was bis auf die Ebene der Ortskirche gilt, hat Franziskus auch selbst umgesetzt. Er richtete einen „Kardinalsrat“ ein, um sich von Vertretern aus den verschiedenen Regionen der Welt direkt beraten zu lassen. Seine Kurienreform, mit der er die Kurie neu auf ihre Funktion als Dienstleisterin für den Papst, die Bischöfe und alle Gläubigen ausrichtete, hat sich allerdings noch längst nicht durchgesetzt. Im kirchlichen Strafrecht hat er für eine Verschärfung bei sexuellem Missbrauch gesorgt.

Franziskus hat auch für Enttäuschungen gesorgt

Mit der katholischen Kirche in Deutschland hat Franziskus gefremdelt und sich von Einflüsterern beeinflussen lassen, die sein Misstrauen noch verstärkten. Hier ist er leider mit dem Anspruch, einen offenen Blick für die Realitäten zu haben, an seine Grenze gestoßen. Manche Personalentscheidung auf weltkirchlicher und ortskirchlicher Ebene haben nicht nur bei vielen Gläubigen Fragen aufgeworfen, die bis heute unbeantwortet sind und deren Folgen bis in die Gegenwart reichen.

Für Enttäuschung sorgte der Papst auch durch seine Entscheidung, verheiratete Männer nicht zur Priesterweihe zuzulassen. Das war ein drängendes Anliegen der Amazonassynode 2019, um den Gläubigen im Amazonasbecken den Zugang zur Eucharistiefeier zu ermöglichen. Stattdessen gab der Papst dem Druck konservativer Kreise nach.

Viele wünschten sich, dass Franziskus mehr Mut zur Dezentralisierung gezeigt und durch Strukturentscheidungen für mehr Klarheit gesorgt hätte. Dagegen übten vor allem restaurative Kreise massive Kritik an seinen Erneuerungsbestrebungen. Diese galt katholischen Identitätsthemen wie Ehe und Sexualität, Liturgie und Priestertum. Manche warfen ihm sogar öffentlich Irrlehre vor.

Franziskus hat die Debatte über Frauen in kirchlichen Ämtern zugelassen. Dennoch können Frauen ihre Berufung zum Weiheamt auch heute noch nicht leben.

Gleichwohl gilt: Franziskus hat Verkrustungen aufgebrochen und den offenen Disput ermöglicht. Sein Nachfolger, Leo XIV., ist angetreten, jetzt für Beruhigung zu sorgen und die Einheit in der Kirche zu stärken. Wenngleich er einen anderen Stil pflegt als sein Vorgänger, will er „Evangelii gaudium“ neu beleben und diskutieren, was „Amoris laetitia“ heute bedeutet. Mit dieser Bezugnahme auf Franziskus zentrale Schriften scheint Leo XIV. dessen Weg weiterführen zu wollen.


Jochen Sautermeister ist Professor für Moraltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Bonn und Mitglied im Deutschen Ethikrat.