Es war eine der größten Aktionen gegen die Rocker-Szene in Nordrhein-Westfalen.
Hells AngelsGewalt längst eskaliert – Großrazzia in NRW wirft Schlaglicht auf Rocker-Szene

Mit einer großangelegten Razzia ist die Polizei in Nordrhein-Westfalen gegen die Rockergruppe Hells Angels vorgegangen, wie hier in Langenfeld.
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Erhan B., 46, wurde durch den Zugriff am frühen Dienstagmorgen überrascht. Ein Spezialeinsatzkommando stürmte um vier Uhr seine Wohnräume in Langenfeld und verhaftete den Präsidenten des „Hells Angels Motorcycle Clubs Leverkusen“ (HAMC). Staatsanwaltschaft und Polizei in Düsseldorf werfen ihm Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung sowie räuberische Erpressung vor.
Zugleich durchsuchten insgesamt 1200 Polizeikräfte in einer der größten Razzien in der Geschichte Nordrhein-Westfalens weitere 55 Objekte in Mettmann, Neuss, Köln, Wuppertal, Recklinghausen, Duisburg, Borken, im Rhein-Erft-Kreis, Wesel, im Oberbergischen Kreis, Bochum, Bielefeld, Dortmund, Oberhausen, Essen, Hagen sowie Mönchengladbach.

Ein Motorrad der Marke Harley Davidson, das im Rahmen einer Razzia gegen die Rockergruppe Hells Angels von der Polizei beschlagnahmt wurde, steht vor einem Haus.
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Laut einem Sprecher der landesweit zuständigen Abteilung für die Organisierte Kriminalität (ZeOS) laufen die Ermittlungen gegen 67 Beschuldigte, die meisten davon sind HAMC-Mitglieder. Überdies erließ Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) ein Verbot gegen den Leverkusener Hells-Angels-Ableger.
Die Vorwürfe gegen Erhan B. und seine Führungstroika wiegen schwer. Detailliert listet die Verbotsverfügung, die dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vorliegt, die Straftaten auf, die begangen worden sein sollen.
Ermittler überwachen Handys des Rocker-Bosses
Am 8. Mai 2024 wandte sich ein Tüv-Sachverständiger an die Polizei. Er berichtete, dass Erhan B. im Auftrag eines polnischen Ehepaares versucht haben soll, bei ihm Schulden von gut 100.000 Euro einzutreiben. Der Rockerpräsident soll den Mann gezwungen haben, einen entsprechenden Schuldschein zu unterschreiben. B. soll damit gedroht haben „seine Jungs zu schicken. Sollen die dir von mir aus den Schädel einschlagen“. Ein Video belegt den Tatverdacht.
Seither überwachten die Strafverfolger die Telefone der Verdächtigen. Kurz darauf soll der Leverkusener Rocker-Boss erneut tätig geworden sein. Eine Bekannte beschwerte sich über eine misslungene Schönheits-OP. Der Arzt wollte aber keinen Cent zurückzahlen. Daraufhin soll Erhan B. den Mediziner unter Druck gesetzt haben. „Das machen wir doch gleich. Die fahren jetzt dahin“, heißt es in einer telefonischen Mitteilung.
Mitte Juni wurde ein HAMC-Mitglied bei einer Auseinandersetzung mit einem syrischen Kriminellen niedergeschlagen. Er hatte seinen Gegner mit einigen Kumpanen zunächst mit Macheten angegriffen, später dann mit einer Axt und einem Messer, zog aber den Kürzeren. Eine Vergeltungsaktion sollte starten, eine Schusswaffe beschafft werden. Ein Polizeieinsatz verhinderte Schlimmeres.
Drogenhandel als Einnahmequelle der Leverkusener Rocker
Zum Jahresende wurde ein Fall von Schutzgelderpressung über knapp 50.000 Euro aktenkundig. Erhan B. soll seine rechte Hand mit der Eintreibung der Forderungen beauftragt haben. Die Strafvorwürfe reichen aber noch weiter: Nötigung, Bedrohung, Beleidigung, unerlaubter Waffenbesitz.
Ende April 2025 soll Erhan B. einem Kontrahenten mit dem Tode gedroht haben. Später feuerten Unbekannte Schüsse auf die Wohnung des Opfers ab. Ein Mitglied des kurdisch-libanesischen Al-Zein-Clans, ebenfalls ein hochrangiges Hells-Angels-Mitglied, gilt als Mitbeschuldigter. Er soll den Auftrag zu dem Racheakt gegeben haben. Sein Bruder musste ins Gefängnis, nachdem das Opfer ihn bei der Polizei verraten haben soll.

Sichergestellte Gegenstände und Bargeld liegen auf einem Tisch. Bei den Razzien gegen Hells Angels-Rocker in Nordrhein-Westfalen haben die Ermittlungsbehörden unter anderem Waffen und Vermögenswerte sichergestellt.
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Drogenhandel im großen Stil zählte den Nachforschungen zufolge zu den großen Einnahmequellen des Leverkusener Charters. Kiloweise stellten die Ermittler Amphetamine und Cannabis sicher. In Köln-Vingst erwischte die Polizei einen Dealer mit 100 Gramm Crack an der Rolshover Straße. Auch er zählte zum Umfeld der Hells Angels Leverkusen.
NRW-Innenminister Herbert Reul warnt Rocker
Ferner soll Erhan B. bereits vor seiner Rocker-Karriere ein umfangreiches Netzwerk für Rauschgiftgeschäfte aufgezogen haben. Nach der Razzia wählte Innenminister Herbert Reul am Dienstag dazu einen Ton, der seit Jahren sein Markenzeichen ist: maximale Klarheit, maximale Transparenz. „Wer mit Waffen, Drogen, Gewalt und Einschüchterung sein Geld verdient, muss jederzeit damit rechnen, dass die Polizei morgens im Schlafzimmer steht, nicht als Gast, sondern mit Durchsuchungsbeschluss.“
Die Razzia gegen die Hells Angels ist die Reaktion auf zahlreiche Morde und Fehden. Das zeigen die Episoden der vergangenen Monate, etwa in Köln-Eil. Am 23. Dezember vergangenen Jahres wirft ein Unbekannter einen Sprengsatz auf die Motorhaube eines schwarzen Mercedes-Geländewagen. Verletzt wird niemand.
Dass die Polizei bei solchen Fällen „auch in Richtung Rockerszene“ ermittelt, ist längst Standard. Im Fall Eil kommt ein zweiter Strang hinzu, der wie ein dunkler Untertitel mitläuft: die Frage nach Zusammenhängen. Die Ermittler prüfen, ob der Anschlag mit einem versuchten Tötungsdelikt vom Wochenende davor verbunden sein könnte.
Das ehemalige Hells-Angels-Mitglied Orhan A., 36, wird in Dellbrück durch Schüsse lebensgefährlich verletzt. Mindestens sechsmal soll ein Täter mit einer Maschinenpistole geschossen haben, während das Opfer im Auto telefonierte.
Mutmaßlicher Auftragsmörder festgenommen
Auch hier: ein hochgradig professionelles, demonstratives Vorgehen und zugleich die typische Wand aus Schweigen, die solche Taten begleitet. In dieses Bild passt, dass Ermittlungen manchmal aus ganz anderen Richtungen kommen. Im Oktober wird in Köln ein 17-jähriger Schwede festgenommen, der sich über soziale Medien gegen Bezahlung als Auftragsmörder angeboten haben soll, um in Köln einen Menschen mit einer Schusswaffe zu töten. In dem von ihm angemieteten Zimmer wird eine Schusswaffe samt Munition sichergestellt.
Und plötzlich stellt sich die Frage, ob der Rocker, auf den in Dellbrück geschossen wurde, die Zielperson dieses „Angebots“ gewesen sein könnte. Der öffentliche Raum, so könnte man es zuspitzen, ist nicht nur Tatort. Er ist Schnittstelle zwischen lokalen Fehden, internationalen Dienstleistungsfantasien und einer digitalen Anbahnungskultur, die Gewalt wie eine Ware behandelt.

In Köln-Dellbrück war ein 33-Jähriger auf der Bergisch-Gladbacher-Straße angeschossen worden. (Archivbild)
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Spätestens hier beginnt das, was in vielen Berichten als „Rockerkrieg“ firmiert, seine Gestalt zu verändern. Am Beispiel Köln-Kalk hat der „Kölner Stadt-Anzeiger“ eine Eskalationsdramaturgie beschrieben, die sich an der niederländischen „Mocro-Mafia“ orientiert: Warnschüsse, dann eine Explosion, dann die Hinrichtung.
Mann in Kalk vor Fitnessstudio erschossen
Im Oktober 2024 wird in Kalk ein Mann mit Beziehungen in die Rockerszene nach dem Training vor einem Fitnessstudio erschossen. Überwachungskameras zeigen den vermummten Täter, der mit einem E-Scooter flüchtet. Indizien einer neuen Normalität: Gewalt wird nicht mehr nur als „Auseinandersetzung“ zwischen Gruppen inszeniert, sondern als gestuftes Management von Drohung und Durchsetzung, wie eine Abfolge von Mahnungen, die man nicht ignorieren darf.
Gleichzeitig wird von einer Szene erzählt, die sich strukturell neu sortiert. Nachdem das Landeskriminalamt NRW Anfang 2024 noch verkündet, es gebe keine „strukturierten Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Rockergruppierungen“, sei die Ruhe brüchig geworden, heißt es ein halbes Jahr später in Sicherheitskreisen.

Bandidos Germany steht auf Westen, die Anhänger der Motorradgruppe tragen. Sie galten als Rivalen der Hells Angels. (Archivbild)
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Nachdem das bundesweite Verbot der Bandidos-Dachorganisation die Revierkämpfe zwar beendet oder zumindest „eingefroren“ habe, kommt im Herbst 2024 dann das „Beben“: Mehr als 100 Bandidos laufen zu den Hells Angels über. Ein Übertritt, heißt es, sei in diesem Milieu nicht bloß ein Vereinswechsel, sondern ein Sakrileg, und damit eine Einladung zu Racheakten.
Das NRW-Innenministerium warnt in einem internen Report vor schwerwiegenden internen Konflikten sowie Konflikten mit verbliebenen Bandidos-Mitgliedern. Zugleich wird berichtet, dass sich wieder neue Bandidos-Chapter bilden könnten, zunächst im niedrigen einstelligen Bereich, mit dem Potenzial zur Ausweitung. Wenn sich das bestätigt, wäre der alte Konflikt nicht erledigt, sondern nur umgebaut, weniger sichtbar vielleicht, aber nicht weniger gefährlich.

Polizeibeamte durchsuchten das Vereinsheim der Hells Angels in Hilden.
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In dieser Umbruchsituation wirken einzelne Anschlagsserien wie Testläufe: Wer setzt welche Grenzen, wer kann wen treffen, wer bleibt straflos? Beschrieben werden die Dortmunder Fälle Anfang Februar: Zwei ausgestoßene oder freiwillig ausgeschiedene ehemalige Mitglieder sollen nach einer Ächtung Vergeltung gesucht haben. Am 7. Februar werden Schüsse auf ein Haus in Holzwickede abgegeben, rund 60 Projektile, einige in der Nähe eines schlafenden Teenagers. Danach weitere Sprengsätze in Bochum und Oberhausen, beschädigte Türen, zerstörte Treppenhäuser.
Innenminister spricht von „buntem Strauß an Straftaten“
Die Polizei reagiert mit einer besonderen Aufbauorganisation, ermittelt schnell, nimmt Verdächtige fest, findet eine Pistole im Wagen. Der Rechtsstaat, sagt der Dortmunder Polizeipräsident, sei durchsetzungsfähig. Und doch klingt in den Einschätzungen des Innenministers etwas mit, das man in solchen Lagen oft hört: Sorge vor einer Szene, die „nicht zimperlich“ sei, und vor Ermittlungen, bei denen regelmäßig ein „bunter Strauß an Straftaten“ zusammenkomme, von Menschenhandel über Sexualstraftaten bis zu versuchten Tötungsdelikten. Denn Einschüchterung ist, jenseits aller Deliktkataloge, das eigentliche Betriebssystem solcher Milieus.
In Eil ist es die Ungewissheit, die bleibt, nachdem die Spurensicherung abgezogen ist. In Kalk ist es die Erinnerung, dass jemand vor einem Fitnessstudio sterben kann. In Dortmund und Umgebung ist es das Wissen, dass ein Maschinengewehr nicht nur den Rivalen, sondern auch ein schlafendes Kind verfehlen kann, oder eben nicht.

