Pflegeeltern geraten auch zu Unrecht ins Visier der Jugendämter. Ein Phänomen, das jetzt die Kinderschutzkommission des Landtags auf den Plan gerufen hat.
„Mama lässt mich verhungern“Falsche Anschuldigungen belasten Pflegefamilien in NRW

Pflegekinder leben oft in einer emotionalen Ausnahmsituation. Das führt zu Spannungen - und zum Teil zu falschen Beschuldigungen. (Symbolbild)
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Tabea ist sechs Jahre alt. Das Mädchen lebt nicht bei ihren leiblichen Eltern, sondern bei einer Pflegefamilie. An einem Morgen löst ein Zwischenfall in der Nachbarschaft Besorgnis aus. Tabea liegt auf der Straße und schreit: „Meine Mama schlägt mich und lässt mich verhungern.“ Eine Anwohnerin ist alarmiert, informiert das Jugendamt. Schnell stellt sich heraus, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Aber das öffentliche Ansehen der Pflegefamilie bleibt beschädigt.
Dass Pflegeeltern sich ungerechtfertigten Vorwürfen ausgesetzt sehen, ist kein Einzelfall. In NRW beschäftigt sich jetzt die Kinderschutzkommission des Düsseldorfer Landtags mit dem Phänomen. In einer Anhörung soll das Problem beleuchtet werden. „Die 186 Jugendämter in NRW arbeiten oft mit unterschiedlichen Auslegungen und Verfahren“, sagte Dennis Maelzer, familienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Pflegefamilien gerieten dabei „nicht selten fälschlicherweise in den Kontext einer Kindeswohlgefährdung“. Oft resultierten Fehlbewertungen aus „vorschnellen Annahmen, fehlenden Alternativhypothesen oder unklaren fachlichen Standards“, so der Politiker aus Detmold.
87.000 Kinder leben in Deutschland in Pflegefamilien
Laut Statistik leben in Deutschland derzeit etwa 87.000 Kinder in Pflegefamilien, in NRW sind es 26.500. Rund 60 Prozent der Pflegeverhältnisse in NRW werden „gemäß Hilfeplan“ beendet – weil beispielsweise das Kind wieder zu seinen leiblichen Eltern zurückkehren kann oder weil es erwachsen geworden ist. Knapp 40 Prozent der Pflegeverhältnisse enden „abweichend vom Hilfeplan“ oder aus „sonstigen Gründen“.
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Im Jahr 2024 betraf dies 1656 Kinder oder Jugendliche. Viele werden offenbar ohne Einverständnis der Pflegeeltern aus den Pflegefamilien entfernt. Die zunehmende Zahl der Berichte über das Versagen und Wegschauen von Jugendämtern hätten bei Fachkräften Angst ausgelöst, Fehler zu machen, heißt es in einer Stellungnahme der Caritas für die Kinderschutzkommission. „Sie installieren lieber eine Schutzmaßnahme zu viel, als zu wenig, ohne zu bedenken, was sie damit anrichten.“
Wenn das „eingesperrte“ Kind nur Mittagsschlaf halten sollte
Falsche Anschuldigungen stellen eine große Belastung für das oft fragile Beziehungsgeflecht innerhalb der Pflegefamilien dar. Die Kinder sind zum Teil durch die Erfahrungen in ihren leiblichen Familien traumatisiert und haben Schwierigkeiten, Erwachsenen zu vertrauen. Es kommt vor, dass Pflegekinder bei Besuchen Unwahrheiten verbreiten, um den leiblichen Eltern zu gefallen. Laut Caritas hatte eine Achtjährige in einem Fall verbreitet, sie werde „jeden Tag eingesperrt“. Später habe sich herausgestellt, dass das Kind einen Mittagsschlaf halten sollte – mit angelehnter Zimmertür.
Auch die Pflegeeltern seien trotz guter Vorbereitung, Schulung und Begleitung „nicht immer perfekt“. Wie auch anderen Eltern müssten ihnen Fehler und Unzulänglichkeiten zugestanden werden. „Sie können in ihrem privaten Lebensraum rasch an ihre Belastungsgrenzen geraten“, erläuterte der Caritas-Experte. Pflegekinder könnten unbewusst durch ihr Verhalten bei ihren Pflegeeltern Gefühle von Versagen, Enttäuschung, Ohnmacht oder Aggression auslösen.
Unabhängige Stelle für Pflegeeltern und -kinder gefordert
Kleine Unzulänglichkeiten bei den Pflegeeltern, ein kritischer Blick oder eine laute Stimme könnten bei den Pflegekindern schnell Wut und Aggressionen auslösen. „Können Krisen bei einer grundsätzlichen Bereitschaft, Kinder zu verstehen und anzunehmen, nicht rasch genug aufgelöst werden, kann es zur Vermutung einer Kindeswohlgefährdung führen“, heißt es in der Caritas-Expertise.
Der Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (PAN) in NRW kritisiert, dass die Behörden oft ohne Rückkopplung darüber entschieden, Kinder aus Pflegefamilien herauszunehmen: „Das Jugendamt ist in diesen Situationen zugleich Einschätzer, Entscheider und Vollstrecker“, heißt es in der PAN-Stellungnahme. Ob eine Entscheidung rechtmäßig war, werde später häufig gar nicht mehr überprüft. Vor diesem Hintergrund fordert PAN die Einrichtung einer unabhängigen Clearingstelle für Pflegeeltern und Pflegekinder. Unberechtigte Vorwürfe seien „häufig mit empfindlichen Rufschädigungen“ verbunden, sagte Yvonne Gebauer von der FDP-Landtagsfraktion. Das Land dürfe Pflegefamilien in schwierigen Konfliktlagen nicht allein lassen.
Charlotte Quik, in der CDU-Fraktion Sprecherin der Kinderschutzkommission, sagte unserer Zeitung, Verdachtsmomente müssten konsequent aufgeklärt werden. „Zugleich braucht es klare fachliche Standards, damit Entscheidungen nachvollziehbar begründet und überprüfbar sind“, so die Politikerin aus Wesel. Norika Creuzmann, Sprecherin für Kinderschutz der Grünen Landtagsfraktion, erklärte, Pflegefamilien bräuchten verlässliche Unterstützung, Wertschätzung sowie faire Rahmenbedingungen: „Gerade auch mit Blick auf die vielen konkreten Einzelfälle, in denen es zu falschen Verdächtigungen kommt.“

