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HoffnungsträgerDie Wildbirne soll den Mischwald in NRW retten

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Forstministerin Silke Gorißen (CDU) hat in Arnsberg eine Wildbirne eingepflanzt und gießt das Gewächs.

Forstministerin Silke Gorißen (CDU) hat in Arnsberg eine Wildbirne eingepflanzt und gießt das Gewächs.

Trockenheit und Schädlinge haben dem Waldbestand in NRW schwer zugesetzt. Eine hitzebeständige Baumart, die fast ausgestorben war, wird jetzt bei der Aufforstung zum Hoffnungsträger. In Arnsberg wurde eine Baumschule für Wildbirnen eröffnet.  

Vor dem Zentrum für Wald und Holzwirtschaft in Arnsberg sind Pavillons aufgebaut, an denen Schnittchen und Getränke für die Gäste gereicht werden. Hier wird an diesem Freitag ein besonderer Gast aus Düsseldorf erwartet. NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen entsteigt der schwarzen Limousine und zieht sich ihre schwarzen Gummistiefel an, die für alle Fälle immer im Kofferraum lagern. Gleich wird die CDU-Politikerin einen neuen Hoffnungsträger vorstellen. Es geht um die Wildbirne. „Diese Baumart ist ein alter Schatz unserer heimischen Wälder – und für den Mischwald der Zukunft im Klimawandel hochinteressant“, sagt Gorißen.

Wildbirnen sind die Ausgangsform der Zierbirnen, die Pflanzenfreunde im Gartenmarkt kaufen können. Die Wildbirne ist bislang noch äußerst selten und steht auf der Liste der gefährdeten Arten, wurde aber häufig von anderen Baumarten verdrängt. Im Jahr 2013 wurden bei einer Zählung gerade mal 100 Exemplare in NRW gesichtet. Das soll sich nun ändern. „Die Wildbirne verträgt Trockenheit und Hitze – Eigenschaften, die in Zukunft immer wichtiger werden“, erklärt die Forstministerin.

Tausende Hektar Wald zerstört

Seit 2018 sind in NRW rund 140.000 Hektar Wald durch Trockenheit und den Befall durch Borkenkäfer zerstört worden. Nun sind auch die Bestände, die diese Bedrohung überstanden haben, stark geschwächt. „Unsere jährliche Waldzustandserfassung zeigt, dass vor allem alte Wälder an Vitalität verloren haben“, sagt Gorißen. Das Land stehe vor der großen Aufgabe, die Kahlflächen wiederbewalden und gleichzeitig den Wald insgesamt „klimafit“ machen zu müssen. Allein für die Wiederbewaldung der Schadfläche werden etwa 700 Millionen Pflanzen benötigt.

Dabei soll die Wildbirne (Pyrus pyraster) nun eine große Rolle spielen. Gut entwickelte Exemplare können mehr als 200 Jahre alt werden und bieten zahlreichen Tierarten Nahrung und Lebensraum. „Sie blüht im April und Mai, geerntet werden die kleinen, rundlichen Früchte im Oktober“, erklärt der Forstgenetiker Marius Zimmermann vom Landesbetrieb Wald und Holz. Für Insekten, Siebenschläfer, Dachs und Igel sind sie eine wichtige Nahrungsquelle.

Land unterhält Samenplantagen

Der Landesbetrieb Wald und Holz bewirtschaftet rund 120.000 Hektar Staatswald in NRW und hat mehr als 1300 Mitarbeiter. Marius Zimmermann hat in Arnsberg eine Plantage aufgebaut, in der die Samen des Laubbaums in großer Zahl geerntet werden sollen. „Aus einem Kilogramm Früchten können – je nach Jahr – zwischen 50 und 750 Samen gewonnen werden“, sagt der promovierte Biologe. Da nicht jeder Samen keimt, entstehen aus 100 Samen durchschnittlich 40 bis 70 junge Pflanzen. In Arnsberg sollen perspektivisch 160 Wildbirnenbäume gepflanzt werden.

Insgesamt unterhält das Land 74 Samenplantagen, auf denen rund 15 Tonnen Rohsaatgut geerntet werden. Der Fokus richtet sich sowohl auf Baumarten, die besonders geschützt werden müssen, als auch auf Baumarten, die wichtige Bestandteile der Wälder bleiben sollen – wie Eiche oder Buche. Die Baumschulen ziehen die Pflanzen auf, anschließend werden sie von den Waldbesitzern gepflanzt. Der große Vorteil einer Samenplantage liege darin, dass gezielt Bäume mit besonders guten genetischen Eigenschaften zusammengeführt werden könnten, heißt es.

Anders als im geschlossenen Waldbestand werden die Bäume in der Arnsberger Samenplantage in weiten Abständen stehen – ähnlich wie auf einer Streuobstwiese. So können sie breite Kronen ausbilden und reichlich Blüten und Früchte tragen. Ab einem Alter von etwa zehn Jahren ist eine Saatguternte möglich. Vorerst ist also Geduld gefragt. „Samenplantagen sind ein Projekt für den Aufbau der Wälder von morgen“, sagt Ministerin Gorißen – und damit auch „ein Sinnbild für langfristiges politisches Handeln“. Die Juristin gehört dem schwarz-grünen Kabinett von NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) seit 2022 an und war zuvor Landrätin im Kreis Kleve.

Früchte schmecken sauer

Wildbirnen können eine Höhe von acht bis 20 Metern erreichen, sie kommen aber auch als mittelgroßer Strauch mit einer Höhe von zwei bis vier Metern vor. Bislang ist sie vornehmlich in wärmeren Regionen verbreitet. Die Früchte sind im Vergleich zu Kulturbirnen übrigens meist eher klein und erreichen einen Durchmesser von etwa drei bis sechs Zentimetern. Sie haben eine harte Konsistenz und sind oft erst nach dem ersten Frost überreif und genießbar.

Die Wildbirnen schmecken dann allerdings ziemlich sauer. Gut geeignet sei die Frucht aber für die Schnapsherstellung, sagt Tim Scherer, der Leiter des Landesbetriebs Wald und Holz, augenzwinkernd. In die Herstellung von Obstbränden werde man aber nicht einsteigen.