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Interview

Peer Steinbrück
„Ein olympisches Dorf in Köln ist zentraler Punkt unserer Bewerbung“

4 min
Peer Steinbrück setzt sich für die Olympia-Bewerbung Köln-Rhein-Ruhr ein.  Copyright: IMAGO/Thomas Koehler

Peer Steinbrück setzt sich für die Olympia-Bewerbung Köln-Rhein-Ruhr ein. Copyright: IMAGO/Thomas Koehler

Ex-Ministerpräsident Steinbrück spricht über die Chancen der Olympia-Bewerbung Köln-Rhein-Ruhr und die Hoffnung auf ein neues „Sommermärchen“

Herr Steinbrück, die Olympischen Spiele als Sportereignis, Star-Gala und Medien-Event – das versteht sich. Erkennen Sie auch so etwas wie eine politische Dimension, die Olympia von seiner Ursprungsidee her hatte?

Ich sehe zwei Motive. Zum Ersten: Wir sollten Olympia und die Paralympics als „die“ internationalen Sportveranstaltungen nicht den mehr oder weniger autoritären Staaten dieser Welt überlassen.

Wie können Demokratien Olympia denn anders oder sogar besser machen?

Ohne Größenwahn, ohne die Inszenierung aufmarschierender Massen, keine Tricksereien bei Dopingkontrollen, sondern mit dem Akzent auf der Begegnung der Athleten und Athletinnen in einem olympischen Dorf als auch der Besucher untereinander, in einer Atmosphäre der Aufgeschlossenheit für andere Menschen, Toleranz, Leichtigkeit – so ähnlich wie beim „Sommermärchen“ der Fußball-WM 2006.

Zuletzt waren die Spiele – sowohl im Sommer als auch im Winter – in Demokratien zu Gast: Haben Frankreich 2024 und Italien 2026 das eingelöst, was Sie sich vorstellen?

Mindestens die Sommerspiele 2024 in Paris haben sich wohltuend von Spielen in Peking oder früher in Moskau unterschieden – auch in der Verbindung mit Kunst, Kultur, französischer Lebensart.

Was bleibt in einer Zeit, die manche düster schon als „Vorkriegsepoche“ charakterisieren, noch vom Friedensgedanken der antiken Olympischen Spiele, wenn selbst ein kriegführender Aggressor wie Russland dabei sein darf?

Die traditionelle Idee, dass für die Zeit der Spiele die Waffen schweigen, ist ein schöner Traum, aber eben ein Traum. Mit solchen Erwartungen würde Olympia heute überladen. Aber Bedeutung für den Weltfrieden hat es trotzdem: durch die Begegnung einer ganzen Generation internationaler Spitzensportler aus über 150 Nationen unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Systeme. Da trifft sich wirklich „die Jugend der Welt“ und stößt im Miteinander auf ziemlich ähnliche Sehnsüchte. Nach allem, was ich von früheren Teilnehmern gehört habe, hat diese Begegnungsmöglichkeit einen hohen, nicht nur symbolischen Stellenwert.

Die Sportlerinnen und Sportler wünschen sich deshalb auch ein zentrales olympisches Dorf und keine Verteilung über mehrere entfernte Standorte. Das war selbst in Paris nicht gegeben. Deshalb ist ein kompaktes olympisches Dorf in Köln, das 95 Prozent der Sportlerinnen und Sportler beherbergt, ein zentraler Punkt unserer Bewerbung mit der Rhein-Ruhr-Region. Das soll übrigens später keine Ruine werden, sondern zu einem Stadtteil weiterentwickelt werden.

„Wir wollen uns auch für 2040 und 2044 bewerben“

Wenn Olympia 2036 in Deutschland stattfände, wäre das genau 100 Jahre nach Hitlers Spielen in Berlin 1936. Manche halten dieses Zusammentreffen für bedenklich.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat insofern recht, dass eine Debatte über diesen historischen Bezugspunkt unvermeidbar ist. Aber erstens wollen wir uns auch für 2040 und 2044 bewerben, und zweitens könnte man es auch positiv wenden und dokumentieren, was 100 Jahre nach den nationalsozialistischen Spielen in Berlin aus Deutschland geworden ist: ein starker demokratischer Rechtsstaat und eine maßgebliche Kraft der europäischen Einigung, die sich für Freiheit und Völkerverständigung einsetzt.

Sie sagten eingangs, Sie sähen mit Blick auf Olympia zwei politische Dimensionen. Welches ist die zweite?

Ja, ich finde zweitens, es stünde uns Deutschen nicht schlecht an, uns ein Ziel vorzugeben, das motiviert und mobilisiert, das unsere Stärken zur Entfaltung bringt – nicht zuletzt vor dem Hintergrund von nicht selten zu hörenden Abgesängen auf unsere Leistungsfähigkeit.

Aber das Ziel selbst ist umstritten. Und wenn man es sich vornähme, wären die Gegenargumente ja nicht einfach hinfällig.

Gegenargumente wird es geben. Aber wir sollten unseren Fokus vorrangig auf die Chancen und nicht reflexartig auf Risiken und Gründe richten, etwas zu unterlassen. Es gibt eine Tendenz zum Nörgeln und Pessimismus, obwohl es doch eigentlich darum geht, sich auf das Gelingen zu konzentrieren. Das würde ich mir für eine Olympia-Bewerbung wünschen: Wir setzen aufs Gelingen.

„Es gibt berechtigte Kritik am IOC“

Der österreichische Olympia-Historiker Klaus Zeyringer fasst sein Resümee in einen einzigen Satz: „Es gewinnt immer das IOC, es verliert immer die Bevölkerung, es leidet immer die Umwelt.“ Da ist vieles von den Bedenken kondensiert, die Menschen legitimerweise haben – und nicht, weil sie nörgelig wären.

Mir ist das zu apodiktisch. Zweifellos gibt es berechtigte Kritik am IOC oder anderen internationalen Sportverbänden wie insbesondere der Fifa. Auch ich sehe die Gefahr einer immer weiteren Kommerzialisierung des Sportes, einer zunehmenden Instrumentalisierung zur politischen Selbstdarstellung und einer Gigantomanie, nicht zuletzt auch zulasten der Umwelt. Mit unserem Bewerbungskonzept könnten wir hinsichtlich der Nachhaltigkeit allerdings einen überzeugenden Akzent setzen.

Nur ändert sich dadurch noch nichts an den Missständen.

Sind Sie sicher? Wenn man einfach nur resigniert, dann kann man sich morgens auch die Bettdecke über den Kopf ziehen und liegenbleiben. Die Antwort auf Fehlentwicklungen im Spitzensport und bei führenden Sportverbänden kann doch nicht sein, sich für die Austragung großer internationaler Sportveranstaltungen nicht mehr zu bewerben. Denn dann überlässt man sie erst recht denen, die sie unter den Gesichtspunkten von Macht und Prestige kalkulieren. 

Glauben Sie, dass die Bewerbung der NRW-Regionen Köln-Rhein-Ruhr der Münchner Konkurrenz in Sachen Spirit etwas voraus hat?

Eindeutig ja. Ich kenne keine sportbegeisterte Region als unsere. Wir haben bereits die notwendigen Sportstätten für fast alle olympischen Sportarten in der Rhein-Ruhr-Region, müssen also mit Ausnahme weniger temporärer Anlagen nicht erst neue errichten. Allein in den vergangenen zehn Jahren gab es hier 30 Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder Multisportveranstaltungen mit einem Riesenzulauf des Publikums. Das heißt erstens: Wir können es. Und zweitens: Wir haben das Publikum. Und wenn man den Zirkel mit 500 Kilometern um die Rhein-Ruhr-Region dreht, dann leben dort 160 Millionen Menschen, von denen viele nicht weniger sportbegeistert sind und die Sportstätten in weniger als drei Stunden erreichen können.

Sich heute für Olympia zu bewerben, bedeutet für die Verantwortlichen, einen weiten Bogen zu schlagen, der über Legislaturperioden, Koalitionen und Amtszeiten hinausgeht. Könnte das die Leidenschaft von Leuten dämpfen, die zusehen müssen, dass sie nach der nächsten Wahl noch ihren Job haben?

Allen Beteiligten, angefangen beim Ministerpräsidenten, ist klar, dass die Spiele – wenn Deutschland und hoffentlich unsere Region sie zugesprochen erhält – zu einer Zeit stattfinden werden, in der sie außer Dienst sind. So ist das in Demokratien. Niemand aus dem Bewerbungsteam arbeitet für das eigene Prestige, sondern alle sind von dem Projekt „Olympia“ überzeugt und haben die Vorstellung von einem Sommermärchen mit einem darüber hinausreichenden Nutzen für den Sport und die Bürger. Ob ich selbst eine Eröffnungsfeier mindestens 2036 erleben werde? Ich werde mich meinem Schicksal beugen müssen. Aber die Frage hat mich auch nicht gekümmert, als ich von Hendrik Wüst um Mitwirkung gebeten wurde. Wenn nicht, dann ist Olympia Rhein-Ruhr eben was für meine Enkelkinder. Und wenn doch, komme ich gegebenenfalls auch mit einem Rollator.