Die Zahl linksextrem motivierter Straftaten in NRW hat sich mehr als verdoppelt. Das neue Lagebild zeigt: Militante Gruppen greifen verstärkt die kritische Infrastruktur an.
Neues LagebildReul warnt vor wachsender Gewalt im Linksextremismus

Herbert Reul, Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen, bei der Vorstellung des "Lagebild Linksextremismus". Foto: Henning Kaiser/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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Die Aufrufe zur Revolte häufen sich. „Lasst uns im Kampf gegen die Ausbeutung die Infrastruktur des Kapitalismus hinterfragen, sabotieren und nachhaltig angreifen.“ Mit diesem Slogan wandte sich die linksextremistische Bewegung „Switch Off“ an „mutige Kämpfende“. Zunehmend befeuern die militanten Propagandisten den Kampf gegen den „grünen Kapitalismus“. Dabei gelten etwa der E-Auto-Hersteller Tesla oder die Deutsche Bahn als Feindbild. Dies geht aus dem neuen Lagebild „Linksextremismus“ hervor, das NRW-Innenminister Herbert Reul und der Landesverfassungsschutzchef Jürgen Kayser am Mittwoch vorstellten. „Dieses Lagebild macht den Linksextremismus transparent, in Strukturen und Aktivitäten“, erklärte Reul.
Zugleich warnte der CDU-Politiker vor der zunehmenden „Gewaltbereitschaft im Linksextremismus“. Die Taten werden brutaler, professioneller, persönlicher. Kollateralschäden werden im Namen eines vermeintlich höheren Ziels in Kauf genommen.“ Die Linksextremisten wollten nicht an ein paar Schrauben drehen, so der Minister. „Sie wollen die ganze Maschine austauschen: weg mit unserer Demokratie, her mit einem kommunistischen oder angeblich herrschaftsfreien System ohne Kapitalismus. Wer unsere Gesellschaftsordnung ablehnt und aktiv gegen sie kämpft, ist eine Gefahr.“
Deutlicher Anstieg politisch motivierter Straftaten
Folgt man Reuls Erläuterungen, läuft eine Gewaltwelle durch das bevölkerungsreichste Bundesland. Demnach haben sich die linksmotivierten Straftaten im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2024 mehr als verdoppelt. Nach derzeitigem Stand zählen die Staatsschützer 2418 Fälle. Im Jahr zuvor wurden 1187 Vorgänge aktenkundig.
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Die Zahl der Angriffe durch linksextremistische Tatverdächtige stieg von 86 auf 153 im vorigen Jahr. So kletterte die Quote der Körperverletzungen um 93 Prozent auf 83 Delikte in 2025. Um mehr als ein Drittel stiegen die Attacken auf Polizisten (37 Widerstandshandlungen).
Schwerpunkte bildeten in den vergangenen Monaten in NRW sowie im gesamten Bundesgebiet Sabotageakte auf die kritische Infrastruktur. So stiegen die Fallzahlen von gefährlichen Eingriffen in den Bahnverkehr allein in NRW von zwei auf sechs im Jahr 2025 an. Die Sachbeschädigungen kletterten im Vergleich zum vorvergangenen Jahr von 489 auf 1190.
Im Vergleich zu anderen Bundesländern sind die Strukturen zwischen Rhein und Weser dem Lagebericht zufolge zwar noch nicht so ausgeprägt, aber sie werden vielfältiger. Linksextremismus reicht demnach in die Linkspartei und über kommunistische Kleingruppen in deren Umfeld bis hin zur autonomen Szene, die teils auch Kampfsport als „Selbstschutz“ nutzt.
Jugendliche im Visier
Wie Neonazi-Milieus auch, setzen militante linke Kader stark auf soziale Medien, gemeinsame Aktionen und ein „Lifestyle-Image“, um vor allem Jugendliche und junge Erwachsene anzusprechen, heißt es im Lagebericht. Dazu gehört auch eine Mischung aus klassischer kommunistischer Symbolik und moderner Jugendkultur.
Inhaltlich weitet das linke Spektrum das Themenportfolio aus. Dabei mischt sich Klimakampf mit der Überwindung des Kapitalismus. Stromkonzerne, Energieversorger, die Pharmaindustrie, Rüstungsfirmen nebst Banken, Wohnungsgesellschaften und Investmentfirmen sind die erklärten Gegner. Die Attacken reichen von Farbschmierereien über Sabotage an Funkmasten, Trafohäuschen bis hin zu Brandanschlägen auf Streifenwagen, Arbeitsmaschinen von Baubetrieben oder Fahrzeugen von Amazon und der Telekom, die als „Militärkollaborateure“ diffamiert werden. Die Akteure propagieren Militanz und Gewalt „in allen möglichen Formen“ als geeignetes Mittel für den Widerstand. So haben sich die linken Kader der „Vulkangruppen“ und das Kommando „Angry Birds“ nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer der Switch-Off-Bewegung angeschlossen.
Die „Vulkangruppen“ ordnen die Staatsschützer dem autonom-anarchistischen Bereich zu. Das Ziel lautet: Mit Sabotageaktionen die Funktionsweise „des kapitalistischen Alltags“ zu durchbrechen. Seit 2011 richten diese Gruppen mit ihren Aktionen Millionenschäden an. Anfang Januar waren bei einem Brandanschlag in Berlin mehrere Starkstromkabel beschädigt worden. Dadurch fiel die Stromversorgung von 45.000 Haushalten tagelang aus. In einem Bekennerschreiben hatte eine der linksextremistischen „Vulkangruppen“ die Tat für sich reklamiert.
Die „Angry Bird“-Kommandos haben es insbesondere auf die Deutsche Bahn abgesehen. So wurde etwa am 21. Januar 2024 mit einem Brandsatz der Schienenverkehr bei Düsseldorf-Eller empfindlich gestört. Gut anderthalb Jahre später setzte ein Brandanschlag die Nord-Süd-Hauptstrecke zwischen Duisburg und Düsseldorf außer Betrieb. Zehntausende Reisende waren durch Zugausfälle betroffen. Stolz feierten sich die Urheber auf der Szene-Seite „de.indymedia.org“. In einem Bekennerschreiben heißt es: „Die Welt wird erst aufatmen können, wenn über hundert Firmen und Konzerne am Tag bankrottgehen. Jeden Tag.“
Verfassungsschutz zählt 3000 Linksextremisten in NRW
Der Verfassungsschutz NRW schätzt das linksextremistische Spektrum im Bundesland auf 3000 Personen. „In Städten wie Köln, Düsseldorf, Wuppertal und im Ruhrgebiet gibt es gefestigte linksextremistische Strukturen und bundesweite Vernetzungen“, führte Minister Reul aus. Dazu zählen auch Extremisten-Organisationen wie „Ende Gelände“ (EG) oder die „Interventionistische Linke“ (IL). In der linksextremistischen Umweltbewegung weiten Gruppen wie EG ihren Protest inzwischen auch auf den Antifaschismus und Antimilitarismus aus. Die IL forciert den Widerstand gegen Rüstungs-Konzerne wie Rheinmetall in Düsseldorf.
Der Nahost-Konflikt, das Vorgehen des Staates Israel im Gazastreifen und die Zuwächse der AfD in Deutschland sorgten für zunehmende Gewaltaktionen durch das linke Lager. „Man kann sagen: Links und rechts verhalten sich wie zwei Lautstärkeregler, die sich gegenseitig hochdrehen. Je lauter die AfD, desto lauter der Krawall von links“, analysierte der Landesinnenminister. Unter dem Label „Antifaschismus“ werde vieles gerechtfertigt, was nichts anderes als Gewalt sei. In dem Kontext wies der CDU-Politiker auf eine Anti-Rechts-Demo in Aachen Anfang 2025 hin, bei der die Einsatzkräfte mit Pyrotechnik angegriffen wurden. Rund 600 gewaltorientierte Protestler seien hier unterwegs gewesen.
Besorgt beobachten die Verfassungsschützer die stetig steigende Zahl gezielter Angriffe auf den politischen Gegner. Als Beispiel nannte Reul die sogenannte „Hammerbande“ um Lina E. Die überregional vernetzte, etwa 40-köpfige Antifa-Ost-Gruppe hatte Rechtsradikale überfallen und teils schwer verletzt.
Derzeit müssen sich sechs mutmaßliche Mitglieder der „Hammerbande“ vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf wegen Mitgliedschaft in einer militanten linksextremistischen Vereinigung und versuchten Mordes verantworten. So sollen die Angeklagten vor vier Jahren in Erfurt einen Überfall auf ein Geschäft begangen haben, das in der rechtsextremen Szene geschätzte Kleidung vom Label Thor-Steinar veräußerte. Dabei wurde eine Verkäuferin laut Bundesanwaltschaft mit zahlreichen Faustschlägen gegen Kopf und Oberkörper sowie einem Teleskopschlagstock verletzt. Am 12. Januar 2023 sollen die Tatverdächtigen Zielpersonen mit Schlagstöcken und einem Hammer zum Teil lebensgefährliche Kopfverletzungen beigebracht haben. Der Prozess ist bis ins nächste Jahr terminiert.

