Die angekündigten Kürzungen und Massenentlassungen bei der Traditionszeitung dürften eher politische als betriebswirtschaftliche Gründe haben.
Kahlschlag bei „Washington Post“Die Demokratie stirbt bei Tageslicht

Gewerkschaftsmitglieder und Unterstützer versammeln sich bei einer Kundgebung vor dem Hauptsitz der „Washington Post“, um gegen geplante Kürzungen und Massenentlassungen zu protestieren.
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Kareem Fahim, der langjährige Nahost-Korrespondent der „Washington Post“, erfuhr von der Veränderung auf einer Recherchereise in Syrien. Eine Kollegin, die Ukraine-Korrespondentin Lizzie Johnson, wurde nach einer weiteren Nacht ohne Strom und Heizung in Kiew überrascht. Im fernen Washington hatte ihr Chefredakteur am frühen Mittwochmorgen einen Zoom-Call mit der Redaktion angesetzt, in dem er die Kündigung von mehr als 300 Redakteurinnen und Redakteuren ankündigte. Kurz darauf erhielten die Betroffenen eine E-Mail. Die beiden Korrespondenten gehörten dazu.
„Ich wurde mitten im Kriegsgebiet von der „Washington Post„ entlassen“, schrieb Johnson auf der Plattform X: „Mir fehlen die Worte. Ich bin am Boden zerstört.“ Fahim postete aus dem Auto ein Foto der Schnellstraße nach Aleppo, auf der er sich offenbar zu der Zeit befand. Zahlreiche ähnliche Geschichten verbreiteten sich in den Onlinemedien wie ein Lauffeuer.
Beobachter fürchten das Ende der Zeitung
Auch ohne die kaltschnäuzige Stillosigkeit eines Rausschmisses per Videokonferenz würde der jüngste Kahlschlag bei einer der weltweit renommiertesten Zeitungen wohl Schockwellen weit über die amerikanische Medienbranche hinaus auslösen. Die 148 Jahre alte „Washington Post“ ist eine demokratische Institution. Spätestens mit der Aufdeckung des Watergate-Skandals in den 1970er Jahren, der zum Rücktritt von Präsident Richard Nixon führte, hat sie sich als Festung des investigativen Journalismus etabliert. An den Wänden der Redaktion prangen 68 Pulitzer-Preise. Viele Beobachter fürchten, dass mit der nun verkündeten brutalen Schrumpfung das Ende der Zeitung eingeläutet wird. „Die Ermordung der Washington Post“ hat Ashley Parker, die zwischen 2017 und 2025 als White-House-Korrespondentin des Blatts zahlreiche Scoops landete, einen emotionalen Nachruf im Magazin „The Atlantic“ überschrieben.
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Fast die Hälfte der zuletzt noch 800-köpfigen Redaktion wird nun entlassen. Die Sport- und die Literaturredaktion werden ganz aufgelöst, das Auslands- und das Lokalressort drastisch verkleinert. Offiziell begründet werden die Einschnitte mit der schwierigen Branchenlage. Tatsächlich liegt die gedruckte Auflage der „Post“ inzwischen unter 100.000 Stück, und das Online-Geschäft entwickelt sich nicht zufriedenstellend. Unterm Strich wurden Millionenverluste eingefahren.
Die politische Wende des Jeff Bezos
Doch das erklärt den jetzigen Kahlschlag nicht. Immerhin gehört die „Washington Post“ mit Amazon-Gründer Jeff Bezos einem der reichsten Männer der Welt, der bei seinem Einstieg 2013 bereit schien, größere Summen zu investieren. Vor gut zwei Jahren aber berief der Tech-Milliardär mit dem Briten Will Lewis einen Mann von zweifelhaftem journalistischen Ruf und ohne Erfahrung auf dem US-Medienmarkt zum Herausgeber, der außer Sparrunden keinerlei Zukunftskonzept für die Zeitung zu haben scheint.
Ich wurde mitten im Kriegsgebiet von der „Washington Post“ entlassen. Mir fehlen die Worte. Ich bin am Boden zerstört.
Doch eine Qualität besitzt Lewis: Er ist absolut loyal gegenüber Bezos. Und der einstige Obama-Unterstützer mit einem unfassbaren Vermögen von 250 Milliarden Dollar und starken Wirtschaftsinteresse im Raumfahrtgeschäft hat eine bemerkenswerte politische Wende vollzogen: Immer offensichtlicher wanzt er sich an Donald Trump heran. Während dessen erster Präsidentschaft hatte sich die „Washington Post“ noch stolz den Slogan „Democracy Dies in Darkness“ in den Zeitungskopf geschrieben. Kurz vor der Wahl im November 2024 aber ließ Bezos die Veröffentlichung eines in der Redaktion abgestimmten Leitartikels unterbinden, der die demokratische Kandidatin Kamala Harris unterstützte.
Mehr als 250.000 Digitalabos wurden gekündigt
Die liberale Leserschaft war aufgebracht: Mehr als 250.000 Digitalabos wurden gekündigt. Wenige Monate später spendete Bezos eine Million Dollar für Trumps Inaugurationsfeier. Nach einem Abendessen mit dem inzwischen gewählten Präsidenten im Februar 2025 verhängte er der Redaktion einen Maulkorb: Seither dürfen nur noch Kommentare gedruckt werden, die den „freien Markt“ unterstützen. Ein Exodus von renommierten Autoren setzte ein. Im Sommer verlor der Lokalteil dann seinen festen Platz in der Zeitung. Seither muss man die Berichte regelrecht suchen.
Nicht nur der ehemalige Chefredakteur Marty Baron, der 2021 aus dem Amt schied, spricht deshalb von einer „selbstverschuldeten Zerstörung der Marke“. Ashley Parker und andere Ex-Kollegen sind inzwischen überzeugt, dass der Tech-Oligarch den Niedergang der kritisch-liberalen Zeitung nicht bloß hinnimmt, sondern aus politischen Gründen absichtlich vorantreibt.
Geldmangel jedenfalls scheidet als Erklärung aus. Nicht nur hat sich der glatzköpfige Amazon-Eigner seine Hochzeit gerade mal eben 50 Millionen Dollar kosten lassen. Pikanterweise ist wenige Tagen vor dem Kahlschlag bei der „Washington Post“ der PR-Streifen „Melania“ über Trumps Ehefrau in den Kinos angelaufen. Für dessen Produktion und das Marketing hatte Bezos 75 Millionen Dollar lockergemacht. Vielleicht muss die „Washington Post“ ihren Werbeslogan bald aktualisieren. Offenbar kann die Demokratie nicht nur in der Dunkelheit, sondern auch bei Tageslicht sterben.

