Um die Lebensqualität möglichst lange hoch zu halten, bedarf es der Prävention. Dafür braucht es auch ein Pflegesystem, das den Erhalt der Autonomie über die bloße Verwaltung stellt. Ein Gastbeitrag von Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf.
Fit bis ins hohe AlterMuskelaufbau und Geselligkeit - Was wirklich beim gesunden Altern hilft

Prävention ist das A und O gesunden Alterns.
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Endlich Rente, endlich die Zeit haben, für die man Jahrzehnte gearbeitet hat – für Reisen, Enkelkinder, Hobbys und für die Freiheit, den Tag nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Klingt traumhaft, doch für immer mehr Menschen in Deutschland ist dieser Traum schnell ausgeträumt. Die Zahlen sind ernüchternd: Wir leben länger, aber wir leiden auch länger. Deutschland hinkt im europäischen Vergleich bei den gesunden Lebensjahren hinter. Während Menschen in Schweden oder Frankreich deutlich länger beschwerdefrei bleiben, haben Seniorinnen und Senioren hierzulande nach dem 60. Lebensjahr im Mittel nur noch acht gesunde Jahre vor sich . Danach kommt die „Multimorbidität“ – das gleichzeitige Leiden an mehreren chronischen Krankheiten.
Ein typischer Patient über 70 klagt heute nicht selten gleichzeitig über Arthrose, Herzinsuffizienz und Diabetes Typ 2. Fast ein Drittel der über 60-Jährigen nimmt täglich sechs bis neun verschiedene Medikamente ein, in geriatrischen Kliniken sind es oft sogar bis zu fünfzehn. Unser nur auf Reparatur ausgerichtetes Gesundheitssystem versucht, ein Heer von chronisch Kranken durch massiven Einsatz von Medikamenten funktionsfähig zu halten – anstatt die Ursachen des Verfalls anzugehen. Es wird so nicht weiter funktionieren: Bis 2050 wird ein Anstieg bei den Demenzerkrankungen von über 50 Prozent auf dann 2,7 Millionen vorausgesagt, die Zahl der Herzinsuffizienz-Patienten soll ebenfalls um über 50 Prozent steigen, bei Adipositas, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und chronischen Rückenschmerzen sieht es auch nicht besser aus. Wenn wir so weitermachen, wird das System unter der Last der Pflegebedürftigkeit kollabieren.
Auch alte Muskeln können fit werden
Eines der größten und leider wenig beachteten Risiken im Alter ist die sogenannte Sarkopenie oder auch Muskelschwund. Ohne ausreichende Muskulatur verlieren wir unsere Stabilität, wir werden unsicher, wir stürzen. Und wer erst einmal gefallen ist und nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen kann, befindet sich oft auf der „Einbahnstraße“ in Richtung Pflegebedürftigkeit.
Ab dem 50. Lebensjahr beginnt der schleichende Abbau der Muskulatur, der sich zwischen 65 und 70 massiv beschleunigt. Schätzungsweise zwei Drittel der über 80-Jährigen sind davon betroffen. Dieser Verfall wird oft als „normale Alterserscheinung“ abgetan und das ist ein fataler Irrtum. Denn unsere Muskelzellen scheren sich nicht um das Geburtsdatum. Wissenschaftliche Studien belegen zweifelsfrei: Muskeln wachsen in jedem Alter, wenn sie trainiert werden. Ein gezieltes Muskeltraining ist also die wirksamste Medizin gegen den Verlust der Selbstständigkeit.
Bewegung als Schutzschild gegen Demenz und Einsamkeit
Nicht nur der Körper, auch der Geist profitiert von Aktivität. Die Angst vor Demenz und Alzheimer ist die größte Sorge vieler älterer Menschen. Doch wir sind dieser Entwicklung nicht schutzlos ausgeliefert. Bis zu 45 Prozent der Demenzfälle könnten durch die Reduktion von Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Bluthochdruck und soziale Isolation vermieden werden.
Sport ist dabei ein doppeltes Heilmittel. Er stärkt nicht nur die neuronale Vernetzung, sondern ist auch die schärfste Waffe gegen das zunehmende Problem unserer Gesellschaft, die Einsamkeit. Wer gemeinsam gärtnert, wandert oder in einer Sportgruppe aktiv ist, bleibt im sozialen Austausch. Bewegung bringt Menschen jeden Alters zusammen und gibt dem Alltag Sinn und Struktur.
Coaching statt Pflege: Eine Revolution des Denkens
Auch der Bereich der Pflege braucht einen radikalen Paradigmenwechsel. In Deutschland erschöpft sich Pflegearbeit oft darin, Menschen alles abzunehmen, was sie nicht mehr können. Damit ersetzen wir Eigenversorgung durch Fremdversorgung und zementieren die Unselbstständigkeit. Wir brauchen eine „rehabilitative Pflege“, die den Menschen als Ganzes sieht. Der Begriff „Coaching“ trifft es besser: Es geht um Motivation und Kommunikation. Ein Mensch, der durch einen Sturz oder Schlaganfall in die Pflegebedürftigkeit gerät, sollte das Ziel haben, wieder nach Hause zurückzukehren. Durch systematisches Training und therapeutische Kommunikation können verloren geglaubte Fähigkeiten reaktiviert werden. Das ist nicht nur für die Betroffenen ein Gewinn an Würde, sondern entlastet auch das Pflegepersonal, das in diesem Modell Erfolge miterleben darf, statt nur Mängel zu kompensieren. Es ist nie zu spät, an der eigenen Fitness und Selbstständigkeit zu arbeiten.
Motivation für die „letzte Etappe“
Vielleicht fragen sich manche älteren Leser jetzt: Lohnt sich das überhaupt noch in meinem Alter? Die Antwort der Wissenschaft ist ein klares Ja. Die Erhöhung der Muskelkraft verbessert nicht nur die Mobilität, sondern optimiert den gesamten Stoffwechsel und stärkt das Immunsystem. Wir müssen weg von dem Bild, dass das Alter ein Rückzug ins Abseits ist. Es ist ein Lebensabschnitt voller Potenzial. Ob moderat Gewichte heben, regelmäßig spazieren gehen oder sich in der Nachbarschaft engagieren – jede Form der Aktivität zahlt auf das Konto der Lebensqualität ein. Der 75-jährige Marathonläufer ist kein biologisches Wunder, sondern das Ergebnis der Lust an körperlicher Bewegung.
Den Jahren mehr Leben geben
Wir dürfen das Alter nicht länger als Krankheit begreifen, die man mit Pillen heilen muss. Altern ist ein natürlicher Prozess, den wir mit Wissen und Aktivität begleiten können. Dafür müssen in Deutschland aber bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden: Wir brauchen mehr Präventionsexperten, bessere Strukturen in den Quartieren und ein Pflegesystem, das den Erhalt der Autonomie über die bloße Verwaltung stellt. Wir alle haben die Chance, zu positiven Vorbildern in unserem Umfeld zu werden. Übernehmen Sie Verantwortung für Ihren Körper, fordern Sie Ihre Muskeln heraus und bleiben Sie neugierig auf das Leben. Denn am Ende geht es nicht nur darum, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben.

Stefan Sauerzapf und Ingo Froböse (l.)
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Zu dem Buch und zu den Autoren
Prof. Dr. Ingo Froböse und Stefan Sauerzapf sind Partner in der Kölner Denkfabrik für Gesundheitsförderung und Prävention Fischimwasser. In ihrem neuen Buch „Deutschland ist krank“ (Ullstein Verlag) schreiben sie darüber, was wir gegen den drohenden Kollaps unseres Gesundheitssystems tun müssen.


