Der US-Technologiekonzern wird sich im Rheinischen Revier nicht auf den Bau der Rechenzentren beschränken, sondern auch als Dienstleister fungieren.
„Idealer Standort“Spatenstich – Microsoft baut Riesen-Rechenzentrum in Bergheim

Zwei Bagger für ein 3,2-Milliarden-Projekt. Microsoft baut im Rheinischen Revier drei Rechenzentren für KI-Anwendungen Foto: dpa
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Da kann der Himmel noch so blau und das Baugelände noch so freigeräumt sein. Sicherheit geht vor. Und so müssen die Gäste der Veranstaltung im Bergheimer Ortsteil Paffendorf, von der man in einem halben Jahrhundert sagen soll, hier habe die Wiege des europäischen Silicon Valley gestanden, erst einmal eine Einweisung und die Erklärung der Sicherheitsvorschriften über sich ergehen lassen. Microsoft bittet zum symbolischen Spatenstich für den Bau des ersten von drei Rechenzentren für Künstliche Intelligenz.
Die Baustelle für das erste von drei sogenannten Hyperscalern im Rheinischen Revier ist schließlich schon in Betrieb. Und deshalb gilt: Außerhalb des Zeltes keinen Meter bitte ohne Helm, Weste und Sicherheitsschuhe. Schließlich ist die Bedienung eines Spatens für Ungeübte nicht ganz ohne Risiko. Da sind die Bauherren von Microsoft unerbittlich.
Für alles andere hat Agnes Heftberger, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, volles Verständnis. Sogar für Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), der durch Abwesenheit glänzt.
Der Ministerpräsident habe schließlich sein „ganz eigenes, ganz, ganz wichtiges Zukunftsprojekt, das momentan seine volle Aufmerksamkeit braucht. Er ist zum zweiten Mal Vater geworden. Dazu auch von meiner Seite nochmal herzlichen Glückwunsch“, sagt Heftberger. „Als zweifache Mutter weiß ich ganz genau, wie wichtig diese ersten Tage für die Familie sind, und daher kann ich das natürlich total verstehen.“
Bedburg geht nicht vor Sommer 2028 in Betrieb
Es wird in den kommenden Monaten noch genügend Gelegenheiten zu KI-Begegnungen mit Microsoft für Wüst geben, schließlich wird das gesamte Projekt, in das Microsoft an den Standorten Bergheim, Bedburg und Elsdorf im Rheinischen Revier und einen Standort in Hessen insgesamt 3,2 Milliarden Euro investiert, bei allem Tempo, das die Amerikaner anschlagen, nicht vor Sommer 2028 fertig sein. Außerdem will Microsoft nach Abschluss der Bauarbeiten nicht einfach die Biege machen, sondern sich dauerhaft in der Region engagieren. Mindestens 30 Jahre, wie aus einem Nebensatz herauszuhören ist.
Und warum? Wenn man den Lobeshymnen, die die Microsoft-Chefin über das Rheinische Revier, ganz NRW und das Bürgermeister-Trio aus Bedburg, Bergheim und Elsdorf ausschüttet, Glauben schenken darf, müsste die halbe Spatenstich-Gesellschaft spätestens nach zehn Minuten ob der vielen Komplimente verlegenheitsrot anlaufen. Nordrhein-Westfalen sei „aus vielerlei Hinsicht ein idealer Standort“, lobt Heftberger. „Unter anderem auch, weil hier viele Unternehmen sitzen, die bereits ganz wegweisend zeigen, wie Digitalisierung, wie künstliche Intelligenz wie Cloud per se Innovation und Wettbewerbsfähigkeit vorantreiben kann.“

Bergheims Bürgermeister Volker Mießeler (l.) und sein Bedburger Kollege Sascha Solbach (r.) übergaben Baugenehmigingen an Microsoft-Deutschland-Chefin Agnes Heftberger (2.vl.) und Caroline Korch von Microsoft. Foto: Dennis Vlaminck
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Es folgt die Liste mit Bayer, RWE, Metro, Bertelsmann. Sie könne jetzt „eine Stunde lang allein Unternehmensnamen aufzählen“, so die Microsoft-Chefin weiter. Der Anspruch von Microsoft sei, diesen Unternehmen nicht bloß Rechnerkapazitäten zur Verfügung zu stellen, sondern mit Industrie, Mittelstand und Verwaltung gemeinsam zu arbeiten und durch Fortbildung dafür zu sorgen, „dass möglichst viele Menschen und möglichst viele Organisationen künstliche Intelligenz, Cloud, Digitalisierung kompetent, sicher und verantwortungsvoll nutzen können“.
Mit diesem Ziel sei man ins Rheinische Revier gekommen: „Wir wollen hier langfristig bleiben, nicht bloß Beton verarbeiten und Rechenzentren bauen“, sagt Heftberger.
200.000 Lehrkräfte in NRW fit für KI machen
Wie ernst Microsoft das meint, hat der Tech-Konzern in den zwei Jahren nach der Vertragsunterzeichnung schon unter Beweis gestellt. 10.000 Lehrkräfte haben das im November 2025 gestartete Programm „KI-Skilling NRW“ absolviert, das vom Schulministerium gemeinsam mit dem Förderverein für Jugend- und Sozialarbeit ins Leben gerufen wurde. Ziel ist es, alle 200.000 Lehrkräfte in NRW damit auf die Herausforderung von KI im Schulalltag zu trimmen. Mehr als 100.000 Menschen seien mit dem KI-Mobil auf Stadtfesten, an Schulen und auf Karrieremessen in Kontakt gekommen. Separat dazu absolvierten bereits 25.000 Finanzangestellte, die ebenfalls von Microsoft mitfinanziert wurden.
Für die Landesregierung und Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) ist diese Nähe offenbar kein Problem. „Wir freuen uns, dass internationale Top-Unternehmen wie Microsoft mit Milliardeninvestitionen in Deutschland bauen. Das ist ein klares Bekenntnis und eine Auszeichnung für unseren Digital-Standort. Unser Ziel ist, Deutschland als führendes Land für Rechenzentren in Europa zu etablieren.“
Wildberger fordert transparenten Betrieb
Allerdings sieht er sich angesichts der politischen Weltlage auch genötigt klarzustellen, dass die Bundesrepublik bei ihrer digitalen Souveränität Nachholbedarf habe. „Amerika und seine Unternehmen bleiben natürlich auch unser wichtigster Handels- und Technologiepartner. Auf jeden Fall von unserer Seite. Da können Sie auch auf Deutschland zählen“, sagt Wildberger.
„Aber wir haben in Deutschland uns auch zu lange ausgeruht. Wir haben zu wenig am globalen Wachstum durch Technologie teilgenommen, obwohl wir Weltklasse-Forschung haben, führende Industrien und einen unglaublich starken Mittelstand mit enormen Datenschätzen. Das ändern wir jetzt.“ Von Partnerschaften wie mit Microsoft erwarte man „Datensicherheit, lokale Wertschöpfung und einen transparenten Betrieb.“ Weil das „in diesem Geiste mit Microsoft gelingt, stärkt der Bau dieses Rechenzentrums unsere Handlungsfähigkeit“.
Anrainer-Konferenz befasst sich mit Fördergelder-Problematik
Die Hoffnungen, die man im Rheinischen Revier mit der Ansiedlung der drei Rechenzentren verbindet, sind groß. „Sie machen das sehr gut. Sie versuchen, die Region mitzunehmen“, sagt Elsdorfs Bürgermeister Andreas Heller (CDU). „Wir werden in fünf Jahren sehen, was das alles gebracht hat. Sie werden sich nicht die Letzten sein, die gekommen sind.“
Das 3,2-Milliarden-Projekt kommt ins Rollen. An diesem Freitag (13. März) jedoch müssen die Anrainer-Kommunen des Rheinischen Reviers sich bei ihrer turnusmäßigen Konferenz wieder um das Graubrot kümmern und dafür sorgen, dass von den 2,05 Milliarden Euro an Fördergeldern für den Strukturwandel bis Ende 2026 nichts zurückfließt, weil die vielen Anträge bei der Bezirksregierung Köln nicht abgearbeitet werden können.
In der kommenden Woche soll es dazu ein Spitzengespräch der Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ZRR), in der die Anrainer zusammengeschlossen sind, im NRW-Wirtschaftsministerium geben. „Der Flaschenhals ist die Bezirksregierung“, sagt ein Insider. „Wir hoffen, dass der neue Regierungspräsident Gregor Lange das Problem noch rechtzeitig in den Griff kriegt.“

