Unter dem Motto „Gedenken, ohne zu ehren“ hat Andreas Züll die Schicksale der Toten im Zweiten Weltkrieg in der Gemeinde Kall recherchiert.
NachschlagewerkAndreas Züll dokumentiert die Schicksale von 677 Kriegstoten aus Kall

An der Gedenkstätte am Kloster Steinfeld überreichte Andreas Züll (M.) Bürgermeister Emmanuel Kunz die Dokumentation. Bibliothekarin Michelle Wagner wird sie in die Gemeindebibliothek aufnehmen.
Copyright: Stefan Lieser
677 Einzelschicksale hat der Lokalhistoriker Andreas Züll aus Steinfeld für sein Gedenkbuch zu den Toten des Zweiten Weltkriegs in der Gemeinde Kall recherchiert. Ein Exemplar des Nachfolgers seiner mehrbändigen Dokumentation zu den Opfern des Ersten Weltkriegs übergab er Kalls Bürgermeister Emmanuel Kunz für das Gemeindearchiv. Die Erinnerung an die Toten aus den Weltkriegsjahren 1939 bis 1945 ist in den Familien noch präsent. Jedoch, so Züll: „Es wächst gerade eine Generation heran, die keinen Opa, oder Oma mehr hat, die erzählen könnte, wie es wirklich war.“ Er wolle seinen Teil zur Erinnerungskultur beitragen.
Züll steht auf dem alten Steinfelder Pfarrfriedhof, der heute auch Gedenkort für die Toten zweier verheerender Luftangriffe auf Urft und Dalbenden sowie Wahlen am 18. und 25. Dezember 1944 ist. Züll hat auch ihre Namen recherchiert.
Andreas Züll hat sechs Jahre an der Dokumentation gearbeitet
„Die Kriegstoten der Gemeinde Kall/Eifel im Zweiten Weltkrieg 1939-945 – einschließlich der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ ist der Titel der Dokumentation, an der Züll seit der Fertigstellung der Arbeit zu den Opfern des Ersten Weltkriegs vor sechs Jahren gearbeitet hat. Züll hat 482 tote Soldaten und 195 Zivilisten aus dem Gemeindegebiet identifiziert, das zum Ende des Zweiten Weltkriegs noch Orte umfasste, die später nach Hellenthal, Schleiden und Mechernich eingemeindet wurden.
Das macht für Züll keinen Unterschied. Und auch nicht die Frage, wer sonst „dazugehöre“: „Ich habe auch die Namen einzelner NS-Opfergruppen wie die aus unserer Gemeinde stammenden Juden, Euthanasieopfer, Lagerhäftlinge oder hier verstorbene Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aufgenommen.“ Zudem seien die Namen alliierter Soldaten, die während der Kämpfe in der Gemeinde ihr Leben ließen, verzeichnet.
Recherchiert wurde auch in der Datenbank von Yad Vashem
Gedenken, ohne zu ehren – das sei der Leitspruch seiner Arbeit, so Züll: „Die Frage nach der individuellen Schuld kann und soll an dieser Stelle nicht beantwortet werden.“ Es sei schlicht nicht auszuschließen, dass unter den 677 Toten auch überzeugte Nationalsozialisten gewesen seien. Aber alle seien Söhne, Brüder, Ehemänner gewesen, die von ihren Angehörigen vermisst und betrauert werden. Die Dokumentation soll so vor allem ein Nachschlagewerk sein.
Bis es so weit war, hatte Züll nicht nur Glück wie im Fall der Pfarrei Steinfeld, wo der Pfarrer alle Totenzettel ins Kirchenbuch geklebt hatte. Diese Mühe machten sich längst nicht alle. Züll nutzte neben Kirchenbüchern in der Gemeinde Kall und den Stadtarchiven in Mechernich und Euskirchen weitere Datenbanken. So die Central Database of Shoa Victims von Yad Vashem in Jerusalem, das Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland, die Gräbersuche des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, das NRW-Landesarchiv und andere mehr.
Alle Kriegstoten von 1939 bis 1945 sowie der Vorkriegszeit, soweit sie Opfer der Gewaltherrschaft waren, sind auf mehr als 400 Seiten erfasst. Züll geht davon aus, dass nur noch vereinzelte Opfernamen fehlen dürften. Bürgermeister Emmanuel Kunz nahm das Archivexemplar dankend entgegen. Er anerkenne ausdrücklich die enorme Recherchearbeit von Andreas Züll. Wie zum Beweis erklärte er auf Anfrage, dass die Gemeinde die Druckkosten, die Züll entstanden seien, übernehmen wolle: „Da finden wir schon eine Lösung!“
Einsicht nehmen
Angehörige können die Dokumentation in der Bibliothek einsehen. Zudem kann mit einer Mitgliedschaft in der Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde (www.wgff.de) Einsicht in die digitalisierte Version genommen werden. Hinterlegt sind dort auch die Gedenkbücher zum Ersten Weltkrieg und Verkartungen der Standesämter Kall, Keldenich, Wallenthal und Wahlen. Die Mitgliedschaft kostet pro Jahr 40 Euro.
Der Kontakt zum jeweiligen Herkunftsarchiv ist für Angehörige ebenso eine Alternative wie sich per E-Mail unter eifeldichter@gmx.de an Andreas Züll zu wenden.

