Knapp eine Milliarde Euro investiert RWE in den Bau der 45 Kilometer langen Rohrleitung zu den Tagebauen Hambach und Garzweiler.
Im März beginnt der Bau der TransportleitungAb 2030 schwappt der Rhein ins Braunkohlerevier

Das Verteiler-Bauwerk in Grevenbroich-Allrath: Hier kommt das Rheinwasser aus Dormagen an und wird Richtung Hambach und Garzweiler weitergeleitet. Visualisierung: RWE Power AG
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Rund um das Jahr 2100 werden die Anrainer der drei großen Tagebauseen Garzweiler, Hambach und Inden im ehemaligen Rheinischen Braunkohlerevier erfahren, ob es den Ingenieuren der RWE Power AG gelungen ist, ein Versprechen einzulösen, das sie 2026 gegeben haben: die gigantischen Tagebaulöcher nicht bloß zu fluten und anschließend wie bei einer Badewanne ständig mit Wasser nachfüllen zu müssen, sondern ein sich selbst tragendes Grundwassersystem wiederherzustellen.
Knapp eine Milliarde Euro wird es nach heutigen Schätzungen kosten, eine Transportleitung vom Rheinufer in Dormagen bis in die Reviere Garzweiler und Hambach zu bauen. Der symbolische Spatenstich soll am 2. März am Tagebau Hambach erfolgen.
Das ist der Startschuss für ein hochkomplexes Projekt, dessen genaues Ende noch nicht abzusehen ist und das einer ganzen Region ein neues Gesicht geben wird.
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Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
Wie lange wird der Bau der Transportleitung vom Rhein in die beiden Reviere dauern?
Ungefähr fünf Jahre. Die Leitung ist rund 45 Kilometer lang, insgesamt werden rund 111 Kilometer Rohrleitungen verlegt. Sie haben einen Durchmesser zwischen 1,40 und 2,20 Meter. In Dormagen-Rheinfeld wird ein Entnahme- und Pumpbauwerk entstehen, in Grevenbroich-Allrath ein Verteilbauwerk mit zwei Abzweigen zum geplanten Hambacher und zum Garzweiler See. Von diesem Verteilbauwerk sind es noch 19 Kilometer bis Hambach. Garzweiler liegt fünf Kilometer entfernt. Der Tagebau Inden soll mit Wasser aus der Rur geflutet werden. Die Genehmigung für den Bau und Betrieb der Leitung wurde Ende Januar von der Bezirksregierung Arnsberg erteilt.

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Wann beginnt die Flutung der beiden Tagebaue?
Der Tagebau Hambach soll direkt nach der Fertigstellung der Leitung geflutet werden. Bei Garzweiler wird das erst sechs Jahre später, also im Jahr 2036 der Fall sein.
Wie wird gebaut?
Weil der größte Teil der Strecke über landwirtschaftliche Flächen führt, werden die Leitungen hauptsächlich in Gräben in offener Bauweise verlegt, die anschließend wieder zugeschüttet werden. Die Rohre, jedes einzelne ist zwölf Meter lang und 15 Tonnen schwer, werden in 1,25 bis 3,50 Meter Tiefe verlegt, im Graben verschweißt und so miteinander verbunden.

Ein Großteil der Rohre ist schon da: Sie lagern am Kraftwerk Neurath und am ehemaligen Tagebau Fortuna. Foto: RWE Power AG
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Gibt es auch Ausnahmen?
Ja. Die geschlossene Bauweise wird dort angewandt, wo ökologische Schutzgebiete wie der Knechtstedener Wald, die Erft, Autobahnen oder Bahnlinien unterquert werden müssen. Dazu werden Betonrohre zwischen einer Start- und einer Zielgrube vorgepresst und anschließend die Transportleitungen eingezogen. Die Autobahn 61 wird oberirdisch mit einer Rohrbrücke überquert.
Wo wird mit dem Bau begonnen?
Am Tagebau Hambach mit zwei Rohrleitungen auf dem sogenannten Hambach Speedway. Das ist eine Trasse, die ursprünglich dazu diente, Material zwischen dem Tagebau Hambach und dem ehemaligen Tagebau Bergheim zu transportieren. Nach der Einstellung des Bergbaubetriebs wurde sie zu einem Radschnellweg umgebaut. Ende 2027 soll er nach dem Ende der Rohrverlegungen wieder eröffnet werden.
Wie viele Rohre werden gebraucht?
Mehr als 9000. Sie kommen von einem Hersteller aus der Türkei, werden in zwei Werken in der Türkei und Algerien hergestellt. Von dort kommen sie per Schiff nach Brake an der Unterweser und per Bahn weiter ins Rheinische Revier. Insgesamt sind 45 Schiffs- und 250 Bahntransporte nötig. 5.600 Rohre lagern bereits am Kraftwerk Neurath (4.000) und am ehemaligen Tagebau Fortuna (1.600). Per Lkw werden sie zu den Einbaustellen gebracht.
Wie wird das Wasser aus dem Rhein entnommen?
In einem gestaffelten Konzept, das mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt abgestimmt ist. Insgesamt dürfen pro Jahr 107 Millionen Kubikmeter Wasser für den Garzweiler See und 234 Millionen Kubikmeter für den Hambacher See abgezapft werden. Dabei darf der Rheinwasserspiegel je nach Wasserstand nur zwischen 0,4 und 2,4 Zentimeter sinken, um die Schifffahrt nicht zu beeinträchtigen. Damit bei der Wasserentnahme keine Fische angezogen werden, wird das Entnahmebauwerk mit einem Passivrechen ausgestattet. Das Wasser fließt in der normalen Geschwindigkeit an der Entnahmestelle vorbei, die Strömung bis zum Pumpbauwerk in der Freigefälle-Leitung ist geringer.

Die geplante Wasserentnahmestelle am Rhein soll so gebaut werden, dass Fische nicht angezogen werden. Visualisierung: RWE Power AG
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Um welche Mengen geht es?
Maximal erlaubt sind 18 Kubikmeter pro Sekunde. Zum Vergleich: Bei einem mittleren Wasserstand fließen pro Sekunde rund 2.200 Kubikmeter Wasser ab. Das entspricht ungefähr einem Prozent. Die Mindestabnahme soll 1,8 Kubikmeter pro Sekunde betragen. Sie ist erforderlich, um die Feuchtgebiete im Nordraum des Tagebaus Garzweiler dauerhaft zu stabilisieren.
Was ist bei Hochwasser?
Je nach Pegelstand kann der Abfluss pro Sekunde zwischen 6.000 und 10.000 Kubikmeter pro Sekunde betragen. Mehr als 18 Kubikmeter pro Sekunde können in Dormagen aber nicht entnommen werden, weil das Leitungssystem darauf nicht ausgerichtet ist.
Wie groß werden die Tagebauseen nach der vollständigen Befüllung sein?
Der Hambacher See wird rund 3.550 Hektar groß sein, 4,3 Milliarden Kubikmeter Wasser enthalten und maximal 345 Meter tief sein. Der Garzweiler See ist mit einer Fläche von 2.215 Hektar deutlich kleiner, hat ein Volumen von 1,5 Milliarden Kubikmeter und eine maximale Tiefe von 170 Meter.

Über offene Kaskaden soll das Rheinwasser in den Hambacher See fließen. Visualisierung: Neuland Hambach GmbH
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Wie lange wird das dauern?
Zwischen 2070 und 2100 sollen die beiden Seen befüllt und sich das Grundwassersystem so stabilisiert haben, dass die Rekultivierung der Tagebaulandschaft als abgeschlossen gilt. Der Zielwasserspiegel soll 2070 erreicht sein. Danach können aber immer noch Wasserverluste auftreten. Bis spätestens 2100 sollen die Pumpen nach und nach abgeschaltet werden.
Bis zu 80 Jahre muss die Infrastruktur, die jetzt gebaut wird, durchhalten. Ist sie darauf ausgerichtet?
Die Rohrleitungen werden nach Angaben von RWE halten. Betriebsanlagen und Pumpen müssen zwischenzeitlich erneuert werden.
Wieviel Braunkohle wird im Rheinischen Revier derzeit noch gefördert?
Seit der Verabschiedung des Gesetzes zur Beendigung der Kohleverstromung im August 2020 ist die installierte Kraftwerksleistung im Rheinischen Revier von zehn auf sechs Gigawatt am Netz zurückgegangen. Das ist ein Minus von rund 60 Prozent. Das gilt auch für die Stromerzeugung, die noch bei rund 29 Terrawattstunden (TWh) pro Jahr liegt. Zum Vergleich: Der gesamte Stromverbrauch in Deutschland liegt pro Jahr bei rund 550 TWh. Die Braunkohleförderung beträgt noch 38 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Zahl der Beschäftigten ist um 5900 gesunken, ein Minus von 40 Prozent.
