In einer Wohnung kam es laut Anklage zu einem üblen sexuellen Übergriff. Der Angeklagte liefert vor Gericht eine völlig andere Version.
ProzessFatale Begegnung in Leichlingen

Vor dem Kölner Landgericht muss sich ein Mann aus Alkenrath wegen eines schlimmen sexuellen Übergriffs verantworten.
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Was ist passiert in einer Wohnung unweit der Wupper in Leichlingen? War das ein übler, gewalttätiger sexueller Übergriff auf eine Frau? Oder stimmt die Version des Angeklagten? Dragan T. (Name geändert) behauptet, die Frau habe plötzlich die Tür abgeschlossen und ihn dazu genötigt, sich vor ihren Augen selbst zu befriedigen. Dann könne er gehen.
In der Anklage wurde das Geschehen von Mitte November 2024 detailliert und völlig anders geschildert. Danach habe Dragan T. die Frau zunächst ihren Po angefasst und später ihren Intimbereich, habe sie geküsst, ihr die Hose heruntergezogen und sie aufs Bett geworfen. Dabei habe er sich so lange gestreichelt, bis er einen Orgasmus hatte. Dann sei der 31 Jahre alte, verheiratete Vater zweier kleiner Kinder geflüchtet.
Anzeige, Untersuchung, Frauenberatungsstelle
Die Frau stürmte ans Fenster, schrieb sich das Kennzeichen des Mannes auf, erstattete Anzeige und suchte die Frauenberatungsstelle auf. Natürlich wurde sie im Krankenhaus sorgfältig untersucht. Speichelspuren auf ihren Wangen, am Hals, an der Brust und am Bündchen ihres Slips machen ihre Schilderung glaubwürdig. Sonst wäre es auch nicht zur Anklage und zum Prozess vor dem Kölner Landgericht gekommen. Am Donnerstag nahm sich die auf Sexualdelikte spezialisierte 13. Große Strafkammer unter Benjamin Roellenbleck der Sache an. Und die Aussage des Alkenrathers, der in Nordmazedonien geboren ist und einen deutschen Pass besitzt, warf für den Vorsitzenden Richter immer neue Fragen auf.
Kennengelernt hatten sich die Frau und der Mann in einer Facebook-Gruppe, über die Kinderspielzeug verkauft wird. Das sei auch der Anlass des Besuchs in der Leichlinger Wohnung gewesen, so der Angeklagte. Er habe für seine Tochter das Dach eines kleinen Spielhäuschens kaufen wollen. Als die Frau das demontiert habe, sei es aber kaputt gegangen. Deshalb wollte er das Geschäft nicht mehr abwickeln.
Lauter intime Fragen
Seltsam fand Roellenbleck allerdings den Chatverlauf zwischen den beiden. Da ging es nicht nur um Spielzeug: Dragan T. fragte die Frau nach ihrem Alter, ob sie einen Partner hat, ob man bei dem Treffen alleine sei und ob man ein Glas trinken wolle. „Das spricht dafür, dass Sie etwas ganz Anderes vorhatten“ – da war der Richter ganz klar. Dazu der Angeklagte: „Ich bin glücklich verheiratet. Ich habe zwei Kinder.“ Das kann ein schlagendes Argument sein – muss es aber nach den Erfahrungen des Gerichts nicht.
Auch nicht glaubwürdiger war, dass Dragan T. bei der Polizei zunächst alles abgestritten hatte. „Ich wollte mich schützen“, war seine Erklärung vor Gericht. In seiner Darstellung kam dann auch nicht vor, dass die Frau ihn eingesperrt habe. „An so etwas erinnert man sich doch“, fand Roellenbleck. Jetzt hieß es zu diesem entscheidenden Punkt: Die Frau habe die Wohnungstür abgeschlossen und den Schlüssel in ihre Hosentasche gesteckt. Kurz bevor er zum Orgasmus gekommen sei, habe sie sich neben ihn gesetzt, ihre Hose ein Stück heruntergezogen und ihn gebeten, sie auf eine Wange, den Hals und eine Brust zu küssen. Beim Herunterziehen ihrer Hose sei der Schlüsselbund ein Stück herausgerutscht, er habe ihn genommen und sich so befreien können. Die Küsse habe er ihr gegeben, aber ohne Zunge.
Lauter Widersprüche
Das war der nächste Widerspruch: An den entsprechenden Stellen waren Speichelspuren gefunden worden. Also waren das keine zarten Küsschen. Eine Erklärung hatte der Angeklagte dafür nicht.
Genauso seltsam ist es aus Sicht des Gerichts, dass sich der schlanke, aber kräftige heute 31-Jährige von der Frau einfach so einsperren ließ. Dafür gab es immerhin eine irgendwie schlüssige Erwiderung: „Wenn ich Gewalt angewendet hätte, hätte ich die Arschkarte gehabt.“
In knapp zwei Wochen wird die 13. Große Strafkammer hören, wie die Frau die Begegnung am 14. November 2024 erlebt hat.

