Der ehemals erfolgreiche Boxer sitzt jetzt in Untersuchungshaft.
Enkeltrick und GroßfamilieDer Leverkusener Angeklagte wäre fast bei Olympischen Spielen angetreten

Landgericht Köln: Giuliano (23) G. und Christopher G. müssen sich wegen Enkeltricks vor dem Landgericht verantworten.
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Es hat wohl nicht viel gefehlt, dass der wegen Enkeltrickbetrügereien angeklagte Christopher G. für Deutschland bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris angetreten wäre. Bevor er sich aber diesen Traum erfüllen konnte, flog er aus der Bundeswehr, wo er wegen seines Talents als Sportsoldat angestellt war.
Das 26-jährige Mitglied der stadtbekannten Leverkusener Großfamilie ist bis vor Kurzem ein erfolgreicher Boxer gewesen. Heute sitzt er gemeinsam mit seinem 23-jährigen Bruder Giuliano G. wegen der Beteiligung an einer Enkeltrick-Betrugsorganisation in Haft und muss sich vor dem Kölner Landgericht verantworten. Die Anklage lautet unter anderem auf gewerbsmäßigen Bandenbetrug.
Der Sprössling der vornehmlich in Leverkusen-Wiesdorf ansässigen Familie befand sich auf keinem schlechten Lebensweg, wenn man mal davon absieht, dass er sich am üblichen Sozialbetrug gegenüber dem Leverkusener Jobcenter beteiligt haben soll. Jedenfalls, wenn man seinen eigenen Ausführungen zur Person glauben will.
Mehrere Geldquellen
Über Jahre bekam er zusätzlich Geld von der Sportstiftung und Sporthilfe und wurde sogar für zehn Monate von der Bundeswehr als Sportsoldat aufgenommen, weil er sich gute Qualifikationen erarbeitet hatte. Irgendwann in seiner Grundausbildung bei der Bundeswehr, nach Monaten intensiven Trainings, muss dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) etwas aufgefallen sein: Bei einer Schießübung habe er nicht mitmachen dürfen, er sei vom MAD auf „Rot“ gestellt worden, was in etwa heißen könne, dass jemand durch Kriminalität oder Extremismus aufgefallen sei. Zu einem späteren Zeitpunkt sei er zur Kaserne nach Bruchsal gerufen worden, dorthin habe ihn sein Bruder gefahren. Es gab die fristlose Kündigung. Er, der Oberstabsgefreite G., habe sofort das Gelände verlassen müssen. Gründe gab es, sie wurden im Gericht aber nicht genannt. „Mein Traum von Olympia war geplatzt, dann war ich depressiv.“
Protz-Bilder mit teuren Autos
So schlimm kann’s aber nicht gewesen sein, denn in den sozialen Medien finden sich die für das Milieu üblichen Protz-Bilder mit teuren Autos. Nachdem seine Karriere als Amateursportler vorbei war, trat Christopher G. am 11. Mai 2024 in Köln seinen ersten Kampf als Profiboxer an.
Hatten die Brüder am ersten Verhandlungstag noch dargelegt, dass sie aus Angst vor Rache ihre Hintermänner im kriminellen Enkeltrick-Netzwerk nicht verraten wollten, wurden von beiden Angeklagten am zweiten Prozesstag jetzt der volle Name des in Jüchen ansässigen Mittelsmanns genannt, der den Kontakt sowohl zu den Anrufern, den „Keilern“, als auch zu den Abholern gehalten hat. Er gehört dem Namen nach nicht zur stadtbekannten Leverkusener Großfamilie, sondern zu einer anderen Sippe. Die Leverkusener Brüder nennen ihn den „Logistiker“. Er soll den beiden Brüdern die Arbeit im Betrugsnetzwerk auf einer Familienparty angeboten haben und nach der Aussage der Angeklagten kontrollierte er den Betrug und prüfte, ob zwischen der Geldannahme von den meist älteren Menschen und der Weiterleitung an ihn nichts verlorenging.
Beute aus Goldschmuck
Der Jüchener soll auch meist dann nach Leverkusen gekommen sein, wenn die Beute aus Goldschmuck bestanden hat: Dann ging man gemeinsam zu einem Juwelier in der Dönhoffstraße und verkaufte die heiße Ware, um danach die Anteile auszuzahlen. In der Dönhoffstraße gibt es zurzeit keinen Juwelier mehr. Dass der „Logistiker“ inzwischen auch in Haft sitzt, ist wahrscheinlich, in der Verhandlung kam das nicht zur Sprache.
Die Polizei hatte frühzeitig einen Riecher an der „Arbeit“ der beiden Leverkusener. Zwar wurden bei den eigentlichen Straftaten Billighandys mit Wegwerf-SIM-Karten verwendet, aber weil die Ermittler die Telefone der damals Verdächtigen und ihres nahen Umfelds abhörten, konnten sie offenbar Beweise sammeln. Dabei kam auch heraus, dass auch noch Sozialbetrug gelaufen sein soll, während die Brüder an den Enkeltricks mitarbeiteten: Es gibt einen Telefonmitschnitt, in dem sich die Mutter von Giuliano G. beschwert, der Sohn habe seinen Termin beim Arbeitsamt verschwitzt, weshalb sein Anteil von der Stütze ausbleibe.

