Die Hauptversammlung am Freitag ist im Bay-Komm und wieder nur virtuell. Allein das ruft Kritik hervor.
KonzernBayer-Aktionäre müssen sich in Leverkusen mit Gegnern befassen

So wird es auch am Freitag, 24. März 2026, wieder aussehen: Bayers Vorstandschef Bill Anderson spricht – wie bei der Hauptversammlung im vorigen Jahr – vor Kameras, nicht vor Publikum.
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Auch die nächste Hauptversammlung des Bayer-Konzerns wird nur eine im Internet sein. Von einer Präsenzveranstaltung im großen Rahmen, wie sie über Jahrzehnte üblich war, nimmt das Unternehmen nach wie vor Abstand. Kommenden Freitag werden sich Aufsichtsrat und Vorstand also wieder im Bay-Komm an der Kaiser-Wilhelm-Allee vor den Kameras versammeln. Beim vorigen Aktionärstreffen hat sich die Konzernführung ein entsprechendes Votum abgeholt. Drei Viertel der Aktionärinnen und Aktionäre stimmten dafür.
Die organisierten Kritiker von der „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ haben auch dazu einen Gegenantrag gestellt. Im europäischen Vergleich, so heißt es, seien Online-Aktionärstreffen bei deutschen Vorständen ganz besonders beliebt. Aber selbst hierzulande kehrten immer mehr Dax-Konzerne zu Präsenz- oder wenigstens hybrid abgehaltenen Veranstaltungen zurück. Der persönliche Dialog sei „nicht zu ersetzen“, finden die Vertreter der Coordination.
Forderung: hybrid statt virtuell
Gerade das aber scheine die Bayer-Führung zu scheuen. Die Managerinnen „schrecken davor zurück, direkt zu ihren umstrittenen und manchmal nicht ausreichend durchdachten Entscheidungen zu stehen“, so die Behauptung. Auch der Aktionär Hans Oswald will, dass Bayer in Zukunft hybride Hauptversammlungen abhält und hat einen entsprechenden Antrag gestellt.
Oswald und die „Coordination“ sind indes nicht die einzigen, die sich kritisch mit Bayers Geschäftspolitik auseinandersetzen. Jedenfalls kritisch genug, um Gegenanträge auf der Hauptversammlung zu stellen. Beide wiederholen ihre Forderung, die Vorstandsgehälter zu kürzen. Oswald findet den Abstand zu führenden Politikern zu groß, die „Coordination“ den zu normalen Bayer-Angestellten.
Sechs Millionen für Anderson sind zu viel
Das Gehalt von Vorstandschef Bill Anderson, moniert die „Coordination“, sei mit knapp über sechs Millionen Euro rund 50-mal so hoch wie das eines Mitarbeiters. Seine Kollegin und Kollegen im Vorstand kämen immer noch auf das 21-Fache. Norbert Winkeljohann, der den Aufsichtsrat von Bayer führt, habe das vor drei Jahren als „in sich konsistente Abstandslogik“ bezeichnet. Da geht die „Coordination“ überhaupt nicht mit: Bayers Vergütungssystem zeuge von einem „eklatanten Mangel an gesellschaftlicher Verantwortung“.
Im Aufsichtsrat, der über die Bezahlung des Vorstands entscheidet, sieht man das anders. Das System, nach dem Bill Anderson, seine Kollegin Heike Prinz und die vier weiteren Vorstände bezahlt werden, war allerdings in den vergangenen Monaten Gegenstand von Diskussionen. Der Hintergrund: Auf der vorigen Hauptversammlung hatten nur gut zwei Drittel der Teilhaber dem Vergütungsbericht zugestimmt. Der Aufsichtsrat verstand das als Aufforderung, mit Großaktionären über das System zu diskutieren. Mit 21 der ganz großen Anteilseigner, die ein Drittel der Aktien vertreten, sei man ins Gespräch gekommen, berichtet Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann.
Vergütung wird eifrig diskutiert
Das Ergebnis sind allerdings keine großen Korrekturen. Der Vergleich mit europäischen Unternehmen aus der Life-Science-Branche und Konzernen aus dem oberen Drittel des Deutschen Aktienindex zeige, dass Bayers Vorstände keineswegs exorbitant bezahlt würden. Freilich wurden hier nur die Vorstände mit Ausnahme von Bill Anderson verglichen. Der Texaner allerdings verdiente 2025 mit sechs Millionen Euro mehr als doppelt so viel wie seine Kollegin und seine Kollegen.
Von ihnen erreichte niemand auch nur drei Millionen Euro: Am besten schnitt mit reichlich 2,9 Millionen noch Rodrigo Santos ab, der Chef von Crop Science. Stefan Oelrich, Leiter der Pharmasparte und der ausscheidende Finanzvorstand Wolfgang Nickl folgen mit knappem Abstand. Allen außer Bill Anderson genehmigte Bayers Aufsichtsrat eine Erhöhung des Fixums um drei Prozent. „Im Vergleich dazu beliefen sich die Vergütungserhöhungen für die Belegschaft in Deutschland im Geschäftsjahr 2025 auf durchschnittlich 3,6 Prozent“, betont der Aufsichtsrat.

Rodrigo Santos steht auf Platz zwei von Bayers Gehaltsliste. Trotzdem bekam er nicht einmal halb so viel Geld wie Vorstandschef Bill Anderson.
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Auf den 50 Seiten, auf denen der Aufsichtsrat Bayers Vergütungssystem erläutert, finden sich sogar individuelle Bewertungen, inwieweit Bill Anderson und der gesamte Vorstand die gesteckten Ziele erreicht oder sogar übertroffen haben. Der Drang, die Bezahlung der Führungsetage zu rechtfertigen, ist groß.
Eifrige Lobbyarbeit in Brüssel
Ein weiterer Gegenantrag befasst sich mit der Lobbyarbeit des Konzerns bei der EU. Bayers Verbindungsbüro in Brüssel verfüge über einen Etat von gut sechs Millionen Euro; 61 Beschäftigte „pflegen dort die politische Landschaft“ und deckten 74 Sachgebiete ab, so die „Coordination“. Besonders wichtig sei Bayer der Plan, Pestizid-Genehmigungen zu entfristen. Axel Köhler-Schnura, mittlerweile Ehrenvorstand der Coordination, wendet sich gegen Bayers Förderung des Mercosur-Abkommens und problematisiert die „Ewigkeitschemikalien“ aus der PFAS-Gruppe. Das Unternehmen gehöre zu den zwölf größten Produzenten weltweit und arbeite intensiv daran, ein Totalverbot der Per- und Polyfluorierten Alkylsubstanzen zu verhindern.
Natürlich kommt kein Paket von Gegenanträgen zu einer Bayer-Hauptversammlung ohne das Thema Glyphosat aus. Diesmal geht es um den Einsatz des Pestizids im Nahost-Krieg. Dort würde der Breitband-Unkrautvernichter als „Chemie-Waffe“ eingesetzt, lautet der Vorwurf der „Coordination“. So „zerstört“ die israelische Armee Ackerflächen im Südlibanon; die Bayer-Kritiker zitieren eine Menschenrechtsorganisation, die über einen Umfang von 9000 Hektar berichtet.
In Brasilien – so ein weiterer Vorwurf – ließen Großgrundbesitzer „Glyphosat von Flugzeugen und Drohnen aus versprühen, um indigene und traditionelle Gemeinschaften zu vertreiben und sich deren Land anzueignen“. Bayer unternehme nichts dagegen. Auch in diesem Fall dürften die Aktionärinnen und Aktionäre den Bayer-Vorstand nicht entlasten.

