Mahmoud Taghavi ist zurzeit verzweifelt, weil er keine Nachrichten seiner Familie aus dem Iran bekommt.
1986 nach LeverkusenDer Mann, der im Iran keine Atombombe bauen wollte

Mahmoud Taghavi, der Kernphysiker, steht an einem Schränkchen, in dem Bücher und andere Utensilien seines Vereins „Iranische Gemeinschaft Leverkusen“ lagern.
Copyright: Ralf Krieger
„Zurzeit schlafen wir nachts nur zwei oder drei Stunden“, sagt Mahmoud Taghavi. Der Leverkusener stammt aus dem Iran und kann gar nicht anders, als jede Nachricht aus seiner alten Heimat aufzusaugen. Er hat zudem Familie in dem Land, das seit einer guten Woche von den USA und von Israel in einen Krieg verwickelt wurde.
Seine Schwester und seine Schwiegermutter leben in Schiras, einer Millionenstadt im Südwesten des Landes. Seit dem Freitag, an dem der Krieg begann, gibt es keine Nachrichten aus dem Iran. „Das kennen wir, das Regime schaltet dann einfach das Internet ab“, sagt Taghavi und macht sich gleichzeitig größte Sorgen. Besonders seit ihn die Nachricht erreicht hat, dass in der Stadt eine Fabrik und ein Flughafen bombardiert worden seien.
Dass eine Rakete kommt, weißt du erst, wenn du sie auf dem Kopf hast.
Beide wohnen in Mehrfamilienhäusern ohne Schutzraum, geschweige denn Bunker: „Wir wissen nichts, meine Schwester wohnt in der ersten Etage, meine Schwiegermutter in der fünften und das Mullah-Regime hat Geld in alles Mögliche gesteckt, für Militär und die Atombombe ausgegeben, nur nicht fürs Volk, also für Schutzräume“, sagt er. Sirenen gebe es dort auch nicht: „Dass eine Rakete kommt, weißt du erst, wenn du sie auf dem Kopf hast.“
Seit Kriegsbeginn funktionierten nicht einmal die sonst offenen geheimen Kommunikationskanäle, etwa über bestimmte offene Wlan-Netze an Botschaften oder über den Umweg türkischer Mobilfunknetze, in die sich Gewährsleute in Grenznähe mit dem Handy einhängen konnten. Satellitentelefone sind teuer und sie würden auch vom Regime lokalisiert – mit einer Technik von Siemens, sagt der Physiker – es sei deshalb gefährlich, damit zu telefonieren. „Normalerweise haben wir eine Verabredung und ich spreche jeden Freitag mit meiner Schwester und meine Frau mit ihrer Mutter. Es macht mich ganz irre“, sagt der 75-Jährige, der seit 1986 in Leverkusen lebt.
Taghavi hat eine lange Beziehung zu Deutschland. Die begann in den 1970er-Jahren, noch bevor Ayatollah Khomeini 1979 mit der islamischen Revolution die Macht übernommen hatte. Taghavi hatte Anfang der 70er sein Diplom als Kernphysiker im Iran gemacht. Zu der Zeit verkaufte Siemens zwei Kernkraftwerke an den Iran. Taghavi gehörte zu einer Gruppe junger Männer, die für drei Jahre am Kernforschungszentrum Karlsruhe lernen sollten, wie man Reaktoren fährt, und er arbeitete im Kernkraftwerk Biblis. Damals lernte er Deutsch, was ihm später helfen sollte. Nach dieser Ausbildung durfte er sich Reaktor-Betriebsingenieur nennen.
1979 zur Revolution ging er zurück in den Iran. Taghavi ist zwar nicht gläubig und gibt nicht viel auf Religion, aber er wollte sich einbringen. Dort nahm man ihm bald den Pass ab, damit der Fachmann im Lande bleiben musste. Bald nach der Revolution zeigte sich: Die Mullahs hatten erst keine Idee, was sie mit der Atomkraft anfangen sollten, und kündigten die Verträge mit Siemens; Taghavi arbeitete fortan in einem konventionellen Kraftwerk. Der erste Golfkrieg begann und die Mullahs entdeckten Mitte der 1980er-Jahre ihr Faible für die Kernkraft, besonders der Gedanke an eine Atombombe habe sie wohl gereizt, sagt der Physiker.
Ich wollte da nicht mitmachen und mein Sohn kam mit 13 langsam ins Alter, wo man ihn zum Militär eingezogen hätte
„Ich wollte da nicht mitmachen und mein Sohn kam mit 13 langsam ins Alter, in dem man ihn zum Militär eingezogen hätte“, sagt er, „es war Zeit, zu verschwinden.“ Den Pass hatte er zurückerhalten, 1986 buchte die ganze Familie eine Urlaubsreise nach Deutschland – und blieb hier. Zur Tarnung hatte er zuvor nicht einmal seine Arbeitsstelle im Kraftwerk gekündigt.
Damals sei das schwierig gewesen, denn sein Stolz habe nicht zugelassen, Asyl zu beantragen. Asyl sei für andere Fälle vorgesehen als seinen, sagt er. Monatlich besorgte er sich eine neue Arbeitserlaubnis, 1987 habe er große Angst gehabt, ausgewiesen zu werden. Es geschah nicht: Sein ehemaliger Chef im Kernkraftwerk Biblis habe ihn sofort einstellen wollen, erinnert sich Taghavi. Aber als die Papiere vollständig gewesen seien, habe ihm ein Polizist gesagt, dass er als Iraner sich den Zahn ziehen solle, jemals in einem deutschen Kraftwerk zu arbeiten.
Letztlich fand er eine Stelle bei Bayer in Leverkusen; er hat neben der iranischen inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Er ist in den Jahren danach noch ein paarmal im Iran gewesen, das war zuerst spannend, denn man habe ihm wieder den Pass abgenommen. Seit 2019 sei er nicht mehr dort gewesen; er traue sich nicht mehr, weil er sich inzwischen zu oft öffentlich kritisch geäußert habe.
Die alten Siemens-Kästen laufen im Iran übrigens immer noch, weiß Taghavi, aber inzwischen mit einer russischen Steuerung, wegen der Sanktionen. Statt der geplanten Leistung von 1200 Megawatt leisteten sie damit aber nur 900 Megawatt. Dass der Iran kurz davor war, eine Atombombe zu besitzen, glaubt der Fachmann nicht: „Das ist so kompliziert, das haben sie nicht geschafft.“ Taghavi glaubt, dass die Leute sich verschätzt haben, die im Iran jetzt über den Bombenhagel jubeln: „Bomben haben noch nie Freiheit gebracht.“
Heute leitet Mahmoud Taghavi in Leverkusen den Verein Iranische Gemeinschaft Leverkusen, mit dem er den 130 Leverkusener Iranern helfen will, die deutsche Kultur zu verstehen und die iranische nicht zu vergessen, etwa bei Leseabenden. Er setzt besonders auf die Frauen: Die seien es, die für Bildung, Kultur und letztlich für Integration in den Familien sorgten, sagt Taghavi, Männer seien da meist weniger interessiert, hat er festgestellt. (rar)

