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QuizLeverkusener Realschüler lernen mit koscheren Süßigkeiten jüdisches Leben kennen

3 min
Nina Coenen (50) und Sami Alkomi (45) vom Verein „Demokratielotsen“

Nina Coenen (50) und Sami Alkomi (45) vom Verein „Demokratielotsen“ führen durch das Quiz des Projekts „MazelTov“.

Bei einem kreativen Projekttag an der Realschule am Stadtpark wurden offen über Antisemitismus und jüdisches Leben geredet. 

„Wann ist man von Geburt an jüdisch?“ Drei Antwortmöglichkeiten erscheinen auf dem Bildschirm, die Schülerinnen und Schüler greifen zu ihren Abstimmungsgeräten und können aus A, B oder C wählen. Die Mehrheit entscheidet sich richtig: Wer eine jüdische Mutter hat, gilt als jüdisch. Für die richtige Antwort gibt es eine kleine Belohnung – koschere Süßigkeiten. Zuhören, mitmachen und dabei lernen: An der Realschule am Stadtpark in Leverkusen wird Unterricht an Montagvormittag besonders kreativ und interaktiv gedacht.

Zu Gast ist der Verein „Bürger Europas“ in Kooperation mit den „Demokratielotsen“ mit dem bundesweiten Projekt „Mazel Tov“. Hinter dem Titel (ein hebräischer Glückwunsch) steckt ein interaktives Quizformat, das Wissen über das Judentum vermittelt und gleichzeitig Vorurteile abbauen soll. Unterstützt wird das Projekt vom Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein.

Lernen mit koscheren Süßigkeiten

Fünf Themenblöcke, jeweils vier Fragen, kurze Videos als Einstieg – so ist die Unterrichtseinheit aufgebaut. Die Jugendlichen stimmen ab und kommen darüber ins Gespräch. 66 Prozent wissen, dass der Schabbat (der jüdische Ruhetag) von Freitagabend bis Samstagabend dauert. Andere Fragen gehen tiefer, zum Beispiel: Was braucht es, um zum Judentum zu konvertieren? Und: Weshalb ist man automatisch jüdisch, wenn die Mutter Jüdin ist?

Nina Coenen (50) und Sami Alkomi (45) führen an diesem Tag durch das Quiz. Seine Erklärung zur ersten Frage sorgt für Schmunzeln: „Die Rabbis haben sich das so gedacht: Man weiß nicht genau, wer der Vater ist, bei der Mutter weiß man es zu 100 Prozent.“ Rabbis, erklären die Referenten, sind jüdische Gelehrte. Wer die Quizfragen richtig beantwortet, bekommt eine koschere Süßigkeit, die unter anderem keine Milch oder Fleisch enthalten. Im Judentum sind bestimmte Lebensmittel erlaubt, andere nicht und auch die Zubereitung spielt eine Rolle. Zum Probieren gibt es für die Schüler außerdem „Matze“, ungesäuertes Brot, also ein einfaches Knäckebrot aus Wasser und Mehl. Der Teller, der rumgereicht wird, ist schnell leer.

Neben Fakten und Lebensgewohnheiten geht es auch um Zusammenhänge: Ohne Judentum, so wird deutlich, gäbe es weder Christentum noch Islam. Unterschiede und Gemeinsamkeiten werden spielerisch erklärt, ebenso religiöse Regeln wie die 365 Verbote und 248 Gebote im Judentum.

Gespräche auch über schwierige Themen

Auch ernste Themen haben ihren Platz, wie der Nationalsozialismus und den Nahostkonflikt. Für die Initiatoren ist das Projekt mehr als Wissensvermittlung. Referent Sami Alkomi ist gebürtiger Syrer, spricht offen über seine Motivation: „Ich mache das gern, nicht nur in deutschen Schulen, sondern auch in Flüchtlingsheimen, denn ich möchte, dass arabisch sprechende Menschen, die neu nach Deutschland kommen, verstehen, dass nicht alles, was sie mitbringen, demokratisch ist. Zum Beispiel sind mangelnde Frauenrechte und Antisemitismus weit verbreitet.“

An keiner Schule, an der wir sind, outen sich Menschen vor der Klasse als jüdisch. Sie warten, bis alle weg sind. Jüdisches Leben ist an Schulen unsichtbar geworden
Nina Coenen vom Verein „Demokratielotsen“

Nina Coenen, die den Verein „Demokratielotsen“ mit Sami Alkomi vor vielen Jahren gründete, engagiert sich in Bildungsprojekten vor allem für Menschen aus dem nahen Osten und in sozialen Brennpunkten gegen Judenhass. „An keiner Schule, an der wir sind, outen sich Menschen vor der Klasse als jüdisch. Sie warten, bis alle weg sind. Jüdisches Leben ist an Schulen unsichtbar geworden“, so Coenen. „Das war in meiner Schulzeit anders. Das ist für uns als Nicht-Juden schwer erträglich.“

Gerade deshalb setzen die Referenten auf direkte Begegnung, einfache Sprache und einen offenen Austausch mit den Jugendlichen der Klasse 9 und 10. „Wir verstehen, dass euch das aufwühlt. Wir diskutieren mit euch“, sagt Coenen zum Thema Nahostkonflikt. Schülerin Ermina (15) bringt es auf den Punkt: „Ich finde das Projekt richtig gut und es macht Spaß zuzuhören. Ich würde mir das auch für andere Kulturen wünschen, um noch mehr zu lernen.“