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Interview

Handball-Bundesliga
VfL Gummersbach plant weitere Veränderungen im Kader

8 min
Christoph Schindler geht lachend über das Spielfeld in der Schwalbe-Arena.

Geschäftsführer Christoph Schindler ist mit der sportlichen und wirtschaftlichen Entwicklung des VfL zufrieden und blickt positiv in die Zukunft.

VfL-Geschäftsführer Christoph Schindler spricht kurz vor dem Re-Start  über Finanzen, Digitalisierung und Spielertransfers.

Seit 2018 ist Christoph Schindler Geschäftsführer beim Handball-Bundesligisten VfL Gummersbach. Seitdem haben sich der Verein, aber auch der Handballsport stetig weiterentwickelt. Kurz vor Wiederbeginn der Bundesliga sprachen Andrea Knitter und Linda Thielen mit Schindler über die kürzlich zu Ende gegangene Handball-EM, die Finanzen des VfL, Digitalisierung im Sport und Spielertransfers.

Wo steht der VfL wenige Tage vor dem ersten Spiel der Rückrunde der Handball-Bundesliga?

Wir haben kürzlich an einer Liga-Tagung teilgenommen. Dabei ging es vor allem darum, wohin sich der Handball, die Bundesliga und die Clubs entwickeln und wie die Anforderungen für die kommenden Jahre aussehen. Dabei spielen neben dem Handball auch die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz eine Rolle. Für uns als Club sind diese Themen in Bezug auf Wachstum und Wettbewerbsvorteile extrem wichtig. Die Tagung hat gezeigt, dass der VfL Gummersbach in einigen Bereichen sehr gut und besser als andere Vereine aufgestellt ist. Da haben sich die Investitionen der vergangenen Jahre bemerkbar gemacht. Wir haben aber auch in einigen Bereichen noch viel Arbeit vor uns.

Wo wird   bereits KI eingesetzt? Können Sie Beispiele nennen?

Es geht vor allem darum, durch das Sammeln von Daten und auch durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bessere Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Fragen können dabei sein: Wer kann mit wem statistisch besser zusammenspielen? Und nach welcher Auslösehandlung fallen die meisten Tore? Die KI ist natürlich nicht die reine Wahrheit, aber sie hilft, Entscheidungen zu treffen. Darüber hinaus haben wir auch in Kameratechnik in der Halle investiert, können Dinge besser messen, die uns auch bei der Trainingssteuerung helfen. Es geht darum, effektiver zu arbeiten und Ressourcen zu sparen. Die Themen Daten und Digitales finden sowohl im sportlichen Bereich als auch in der Verwaltung, wie beispielsweise im Marketing und Sponsoring , statt.

Apropos Sponsoring: Vor einigen Wochen sind durch ein Schreiben an Unternehmen Gerüchte über finanzielle Probleme beim VfL aufgekommen. Wie steht es finanziell um den Verein?

Es gab eine Präsentation für potenzielle Investoren, in der der Status quo beim VfL Gummersbach beschrieben war. Solche Präsentationen gibt es in vielen Bereichen. Das ist ein normales Vorgehen. Vielleicht ein wenig irritierend war, dass darin der 31. Dezember 2025 als Stichtag, der aber auch nicht für die Öffentlichkeit gedacht war, für eine potenzielle Strafe der Handball-Bundesliga genannt wurde. Diese Frist ist jedes Jahr Thema – für jeden Verein. Wir haben das Datum reingeschrieben, weil wir  das bis Dezember mit den Investoren besprechen wollten und weitere Partner für den VfL gesucht haben.

Sie sprechen von einem normalen Vorgang. Trotzdem hat das Thema vor nicht langer Zeit hohe Wellen geschlagen.

Was mich sehr verstimmt hat, ist die Art, wie das Thema in die Öffentlichkeit geraten ist – nämlich über einen Podcast eines ehemaligen Mitarbeiters des VfL Gummersbach. Er hat im Podcast Vermutungen in den Raum geworfen. Das hat mich sehr geärgert, weil es eigentlich gar kein Thema gab. Jeder kann sich die Zahlen im Internet angucken und sieht, welches negative Eigenkapital und welche Umsätze der VfL Gummersbach hat. Ich glaube, es gibt keinen Geschäftsführer in der Handball-Bundesliga, der in den vergangenen Jahren so transparent mit Zahlen umgegangen ist wie ich – gerade vor Corona, wo wir auch über Schulden in der Öffentlichkeit gesprochen haben. Ich kann sagen: Ich bin mit der sportlichen und der wirtschaftlichen Entwicklung des VfL sehr zufrieden und blicke sehr positiv in die Zukunft.

Wie schwierig ist die Suche nach neuen Unterstützern? Bleiben langjährige Sponsoren automatisch dabei oder muss man immer wieder werben – gerade in Zeiten, die für viele Firmen wirtschaftlich herausfordernd sind?

Mit steigendem sportlichen Erfolg ist es deutlich einfacher geworden, Sponsoren zu finden. Mitunter kommen Unternehmen sogar auf uns zu, die mit uns zusammenarbeiten möchten. Qualitativ, gerade in der Spitze – also was die großen Tickets angeht – ist es dagegen schwieriger geworden. Viele Unternehmen müssen mittlerweile schauen, wie sie zurechtkommen. Das merkt man. Wir stellen uns im Sponsoring deshalb lieber in der Breite als in der Spitze auf. Das gibt uns in schwierigen Phasen mehr Sicherheit.

Die Handball-EM ist gerade vorbei. Wenn es während des Turniers darum ging, bei welchen Spielern Verträge auslaufen und wohin diese wechseln – zum Beispiel Alex Dujshebaev – wurde der VfL genannt. Kommt er?

(schmunzelt) Wir wollen uns immer sportlich weiterentwickeln. Diese Vision habe ich seit Tag eins beim VfL. Eine meiner Aufgaben ist es deshalb auch, die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, diese sportlichen Ziele erfüllen zu können. Wir können uns heute andere Dinge leisten als noch vor ein paar Jahren. Wir beschäftigen uns permanent damit, welche Spieler wir brauchen oder gerne haben wollen und welche nicht. Und welche Spieler wir uns leisten können. Ich kann so viel sagen: Es wird weitere Veränderungen im Kader geben – nicht nur auf einer Position.

Vier Gummersbacher haben bei der EM für Deutschland gespielt – so viele wie von keinem anderen Bundesligisten. Der VfL steht im Rampenlicht. Was bedeutet das für den Verein?

Die EM ist für uns in der Tat nicht so schlecht gelaufen, was das Thema Marketing angeht. Elf Spieler des VfL haben mit ihren Teams bei der EM gespielt und sieben Gummersbacher standen im Halbfinale. Das ist natürlich schön für uns und hilft, wenn man mit potenziellen neuen Spielern spricht.

Gibt die Handball-EM einen Schub für die nun wieder startenden Spiele in der Bundesliga?

Ich glaube, alle unsere Spieler kommen mit einem positiven Gefühl nach Hause, und somit auch mit positivem Schwung. Aber natürlich kommen sie auch ziemlich müde zurück. In den ersten ein, zwei Wochen wird sich zeigen, wie die Jungs drauf sind. Ich bin froh, dass auch einige Jungs hiergeblieben sind. Und ich hoffe, dass Ludvig Hallbäck als neuer Spieler in unserem Kader einen positiven Einfluss hat. Es wird nun darum gehen, ihn schnellstmöglich in unser Spielsystem zu integrieren.

Wie lautet also Ihr Fazit zur EM?

Als Fan der deutschen Nationalmannschaft hat es mich natürlich sehr gefreut, dass so viele Gummersbacher dabei waren. Und auch, wenn es zwischendurch mal eng aussah – gerade nach dem Spiel gegen Serbien – war die Silbermedaille natürlich ein Erfolg. Deutschland ist in der Breite extrem gut besetzt. Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Deswegen sollte die Devise für die Heim-WM im nächsten Jahr sein, ganz vorne stehen zu wollen. Und wenn ich sehe, wie jung die Jungs noch sind, dann bin ich davon überzeugt, dass die Nationalmannschaft noch eine sehr erfolgreiche Zeit vor sich haben kann.

Julian Köster wechselt zur neuen Saison zum THW Kiel. Wie weh tut das dem VfL Gummersbach?

Ich finde, dass Julian in dieser Saison in seiner Entwicklung noch mal einen großen Schritt nach vorne gemacht hat, auch was die Verantwortung angeht. Er ist einer unserer wichtigsten Spieler beim VfL und in der Nationalmannschaft. Jede Mannschaft der Welt hätte ihn gerne bei sich. Gerade, wenn man einen solchen Spieler ausgebildet hat, ist es natürlich ärgerlich, wenn andere nun davon profitieren. Auf der anderen Seite ist das das Geschäft. Wir freuen uns, auf das noch verbleibende halbe Jahr mit ihm. Es wird auch eine Zeit nach Julian Köster geben – mit Raum für andere Spieler, sich weiterzuentwickeln. Andere sind in Zukunft aber auch als Führungsspieler mehr gefordert.

Dafür kommt Nikola Roganović zum VfL Gummersbach – ein Megatalent aus Schweden.

Nikola Roganović ist kein normaler 19-Jähriger. Er hat alles, sowohl körperlich als auch vom Mindeset her, damit er ein richtig guter Spieler werden kann. Aber wir wissen auch: Wenn Spieler aus der schwedischen Liga kommen und dort die Überflieger sind, und dann in die deutsche Bundesliga wechseln, ist das eine komplett andere Geschichte. Es ist körperlich, vom Druck her und auch von den Zuschauern anders. Er wird am Anfang viel Lehrgeld zahlen müssen. Aber dafür ist unser Trainerteam unter Leitung von Gudjon Valur Sigurdsson da, um ihm dabei zu helfen, sich einzufinden. Wir freuen uns extrem auf ihn, weil er ein außergewöhnliches Talent ist. Wir müssen aber sicher die Erwartungen am Anfang bremsen, denn er wird Zeit brauchen.

Was hat der VfL anderes geboten, als andere Vereine – neben dem Geld natürlich. Viele waren ja an Roganović interessiert.

Wenn er sieht, wer auf seiner Position spielt – Miro Schluroff und Julian Köster, die als junge Spieler zu uns gekommen sind, und wo die beiden jetzt spielen, ist das natürlich schon ein gutes Argument. Ich glaube, dass das Projekt Gummersbach aus sportlicher Sicht eine Chance sein kann. Wir müssen uns definitiv nicht verstecken. Und dann gehört natürlich dazu, inwiefern man sich um Spieler bemüht. Da haben wir einen guten Weg gefunden, bei dem die Spieler merken, dass ihnen von unserer Seite aus eine überdurchschnittliche Wertschätzung entgegengebracht wird. Das i-Tüpfelchen war sicher, dass er bei unserem Spiel gegen Berlin in der Halle war, was nicht unser schlechtestes Saisonspiel war. Er hat gesehen, wie wir Handball spielen können und wie die Stimmung in der Halle sein kann.

Ganz aktuell hat der VfL bekanntgegeben, dass der Vertag mit Co-Trainer Goncalo Miranda bis 2029 verlängert wird. Wie sieht es mit Trainer Gudjon Valur Sigurdsson aus? Wann verlängert er?

Er hat ja noch anderthalb Jahre. Sein Vertrag läuft noch bis Ende 2027. Goggi ist als Trainer wahrscheinlich die wichtigste Säule im sportlichen Bereich. Ich kann zumindest sagen, dass wir kein Interesse haben, das zu ändern.

Weil Sie mit der Entscheidung der Schiedsrichter, sich die letzte Aktion im Spiel des VfL gegen Magdeburg nicht anzuschauen, nicht einverstanden waren, und aufs Spielfeld gestürmt sind, wurde Ihnen eine 5000 Euro-Strafe auferlegt. Wie ist da der Stand?

Die ist bezahlt! Und da ich davon ausgehe, dass das Geld in eine vernünftige Schiedsrichterausbildung gesteckt wird, habe ich die Strafe gerne gezahlt. (schmunzelt)

Zuletzt ist immer wieder der Wunsch nach mehr Plätzen in der Schwalbe-Arena laut geworden. Wie realistisch ist das?

Wir lassen gerade prüfen, ob die Halle erweiterbar ist. Aber es wurde gleich zu Beginn suggeriert, dass das sehr schwer wird. Wenn es ginge, müsste es eine Bewertung geben: Was ist wirklich realistisch? Über welche Zeiträume spricht man? Und über welche Investitionen? Stand heute würde ich sagen, dass es sehr schwierig bis unmöglich wird, etwas zu verändern. Die Lage der Schwalbe-Arena mitten in der Stadt ist auf der einen Seite cool, auf der anderen Seite sind die baulichen Möglichkeiten   aber damit sehr beschränkt.

Was wäre aus Ihrer Sicht die optimale Hallengröße für Heimspiele des VfL Gummersbach?

Das hängt natürlich mit der sportlichen Entwicklung zusammen. Wenn wir dauerhaft erfolgreich spielen, traue ich der Region schon zu, dauerhaft 6000 bis 6500 Zuschauer in die Halle zu bekommen. Das wird in der Schwalbe-Arena aber nicht möglich sein.

Wäre es aus Ihrer Sicht denkbar, einzelne Spiele des VfL in größere Hallen auszulagern, um sie mehr Fans zugänglich zu machen?

Die Lanxess-Arena in Köln ist keine dauerhafte Alternative. Der VfL ist Gummersbach und gehört auch nach Gummersbach. Aber ein Highlightspiel pro Saison in Köln ist mit Sicherheit etwas, worüber wir nachdenken werden. Das ermöglicht 16.000 Leute mehr in die Halle zu kommen.

Wie ist Ihr Tipp für das erste Spiel 2026 am Dienstag gegen Flensburg in der Schwalbe-Arena?

Das erste Spiel zu tippen, ist immer schwer. Es wird davon abhängen, wie fit die Jungs zurückkommen. Bis auf das Magdeburgspiel haben wir zuletzt gegen jede Spitzenmannschaft zu Hause gepunktet. Alle freuen sich, dass es wieder losgeht. Natürlich wollen wir gewinnen!