Mit Kirchenglocken verbunden ist eine oft bewegte und bewegende Geschichte. So sollten etwa Morsbacher Glocken im Krieg eingeschmolzen werden.
Österliches BrauchtumIn der Zeit der Trauer fliegen die Glocken aus Oberberg nach Rom

Während der Osternachtfeier wird auf dem Kirchplatz vor der Morsbacher Basilika St. Gertrud feierlich die Osterkerze angezündet. Dann erklingen dort die Dreifaltigkeitsglocke und die Gertrudisglocke.
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Nach altem katholischem Kirchenbrauch schweigen in der Karwoche die Glocken und erklingen erst wieder zur Auferstehungsfeier am Karsamstag oder Ostersonntag. Dieser Brauch wird auch heute noch im Oberbergischen gepflegt aus Trauer über das Leiden und Sterben Jesu Christi. Der Tradition nach, so die Legende, fliegen in dieser Zeit die Glocken nach Rom und kehren zur Osternachtfeier zurück. Wenn die Kirchenglocken verstummten, hob einst das große Klappern an. So ist es teilweise auch heute noch in der Woche vor Ostern Brauch im Rheinland.
Beim Kar-Klappern übernehmen hölzerne Instrumente die Aufgabe der Kirchenglocken und rufen die Gläubigen zum Gottesdienst. Der Brauch reicht bis ins Mittelalter zurück, als es in den Kirchen noch keine Glocken gab. Die hölzernen Instrumente wurden später nur noch in der Zeit von Gründonnerstag bis zur Auferstehungsfeier am Karsamstag oder Ostersonntag benutzt.

Die Dreifaltigkeitsglocke wird am 5. Mai 1942 auf einem Leiterwagen aus Morsbach abtransportiert. Kinder klettern zum Abschied darauf herum. Später wird die Glocke nach Hamburg gebracht, um dort eingeschmolzen zu werden – was aber nicht geschieht.
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Ältere Menschen verbinden mit den Glocken aber auch Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit beschlagnahmte das NS-Regime Kirchenglocken zur Gewinnung von Rohstoffen für die Rüstungsindustrie. Dabei wurden rund 175.000 Glocken aus ganz Europa einkassiert und überwiegend eingeschmolzen. In Deutschland waren es allein 42.583 Kirchenglocken aus Bronze, die teilweise verhüttet wurden, um daraus Munition und Waffen herzustellen.
Auch aus dem Oberbergischen sind Kirchenglocken über den Bahnhof in Dieringhausen abtransportiert worden. Nach dem Ende des Krieges lagerten auf dem sogenannten Glockenfriedhof in Hamburg noch rund 13.500 Bronzeglocken, die seit dem Jahr 1940 beschlagnahmt, aber nicht eingeschmolzen worden waren.
Wir Kinder sind zum Spaß auf den Leiterwagen und auf die Glocke geklettert, haben aber den Ernst der Lage damals nicht so richtig verstanden.
Dem Buch „Glocken und Geläute im Oberbergischen“ von Klaus Pampus und Siegfried Hillenbach von 2003 ist zu entnehmen, dass 1942 wahrscheinlich 52 Glocken aus Oberberg abgeholt und dann in die Hansestadt gebracht worden sind. Davon sind bis 1947 wahrscheinlich nur 14 Glocken in die heimischen Kirchtürme zurückgekehrt.
Am Beispiel der Gemeinde Morsbach sollen ein paar „Glockenschicksale“ aus dieser Zeit geschildert werden: Die bronzene Dreifaltigkeitsglocke in der Morsbacher Basilika St. Gertrud stammt aus dem Jahr 1778, hat einen Durchmesser von 135 Zentimetern und ist 1480 Kilogramm schwer. Am 5. Mai 1942 wurde sie auf Anordnung der Nationalsozialisten vom Kirchturm der Basilika heruntergelassen und von Dieringhausen nach Hamburg transportiert. Dies konnte auch der damalige Morsbacher Pfarrer Karl Strack nicht verhindern. Eingeschmolzen wurde sie indes nicht.
Unversehrte Rückkehr nach Morsbach und in die Basilika dort
Am 19. September 1947 kehrte die Glocke unversehrt nach Morsbach zurück. In einem Festzug wurde sie auf einem geschmückten Leiterwagen zur Basilika transportiert und dort wieder an einem Seil nach oben in den Turm gehievt. Über den Abtransport und die Rückkehr der Glocke ist ein altes Filmdokument vorhanden, das der Morsbacher Heimatverein gesichert hat. Im Pfarrarchiv heißt es in einer Handschrift: „Des Kriegs Geschick entführte mich 1942, daß Tod und Leid sollt bringen ich. Doch rief St. Gertrud heimwärts mich 1947. Die Friedensglocke heißet mich!“.

Die Glocken von Lichtenberg (Nr. 42 und 43, links und Mitte) und Bergerhof (Nr. 48, rechts) liegen 1942 im Bahnhof von Dieringhausen zum Abtransport bereit.
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Auch der 92 Jahre alte Morsbacher Friseurmeister Kurt Sonza-Reorda kann sich noch genau an den Abtransport und die Rückkehr der Glocke erinnern. „Wir Kinder sind zum Spaß auf den Leiterwagen und auf die Glocke geklettert, haben aber den Ernst der Lage damals nicht so richtig verstanden“, erzählt er. Ebenfalls 1947 kehrten eine Glocke aus dem Jahr 1508 in die evangelische Kirche nach Holpe und eine Glocke von 1790 in die katholische Kirche nach Lichtenberg unversehrt zurück. Eine zweite beschlagnahmte Glocke aus Lichtenberg war jedoch eingeschmolzen worden.
Bereits im Ersten Weltkrieg waren 1917 zwei Morsbacher Glocken beschlagnahmt und für militärische Zwecke eingeschmolzen worden. Es handelte sich um das 96 Pfund schwere Glöckchen aus dem Dachreiter der Basilika und um die aus dem Jahr 1787 stammende, im oberen Kirchturm montierte Glocke, die bei Todesfällen geläutet wurde.
Die Tradition des Beierns
In der Evangelischen Kirchengemeinde in Reichshof-Eckenhagen ist das Glocken-Beiern eine alte Tradition, die bis heute gepflegt wird. „An Feiertagen, so auch am diesjährigen Ostersamstag um 18 Uhr, steigen die Beierleute in den Kirchturm, um die Glocken anzuschlagen und zu läuten“, erzählt Thomas Behrendt, Ansprechpartner der Beierleute.
„Beiern“ bezeichnet das Anschlagen von Kirchenglocken in festgelegten Rhythmen von Hand. Dies steht im Gegensatz zum herkömmlichen Läuten der Glocke durch Schwingen. Die Melodien werden mit Hilfe der Klöppel erzeugt. Dabei werden diese gegen den Schlagring, die dickste Stelle der Glocken, geschlagen. In Eckenhagen werden zwei Glocken gebeiert und die dritte Glocke schwingt und läutet zeitgleich dazu.
Auch in der evangelischen Kirche von Engelskirchen-Ründeroth wird am Ostersamstag ab 15 Uhr nach altem Brauch gebeiert.
Das „Lumen Christi“ erklingt und in Oberberg läuten die Glocken wieder
Morsbacher Gläubige freuen sich schon stets lange auf den Moment, wenn in der Osternachtfeier auf dem Kirchplatz vor der Basilika St. Gertrud an einer Feuerschale die große Osterkerze entzündet wird.
Dann erschallt nach dem Einzug in die Kirche der liturgische Ruf „Lumen Christi“, „Licht Christi“, die Orgel setzt feierlich ein und die Dreifaltigkeitsglocke und die Gertrudisglocke beginnen nach alter Tradition zu läuten.
Die diesjährigen Osternachtfeiern sind auf den Internetseiten der katholischen Kirche und des Evangelischen Kirchenkreises An der Agger zu finden.

