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„Sind im dritten Weltkrieg“Film zeigt eindrucksvoll das Leben im Krieg in Gladbachs ukrainischer Partnerstadt

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Ein Panzer fährt durch die Straßen.

Für viele Ukrainerinnen und Ukrainer Alltag: Panzer rollen durch die Straßen.

Der Bergische Löwe präsentierte „Der lange Februar“, ein Film über die Erfahrungen der Menschen in Butscha während der russischen Besatzung.

Der 24. Februar 2022, ein Datum, das vielen im Kopf geblieben sein wird. Vor allem als der Tag, an dem Russland die Ukraine angriff. Mit dem Schicksal der ukrainischen Einwohner Butschas, der Gladbacher Partnerstadt, hat sich Regisseur Michael Stadnik beschäftigt und brachte seinen Film „Der lange Februar“ auf die Leinwand des Bergischen Löwen im Rahmen des Kulturkinos – mit Wirkung.

Von heute auf morgen war für die Menschen des 34.000 Einwohner-Städtchens nahe Kiew alles anders. Soldaten der russischen Streitkräfte überfielen den Ort, 33 Tage lang besetzten sie ihn und verübten unzählige Kriegsverbrechen. Kriegsverbrechen, die sprachlos machen.

Über Krieg zu sprechen, fällt schwer. Kriegsbilder zu sehen, noch schwerer. Aber es ist wichtig
Doro Dietsch, Moderatorin des Abends

Gespannt warteten die Zuschauer auf die Präsentation des Filmes, der die Gräueltaten und die Erlebnisse der Einwohner Butschas ungeschönt beschreibt. „Viele haben sich vorab gemeldet und waren unentschlossen, ob sie kommen sollen. Sie haben sich einfach nicht getraut“, eröffnete Moderatorin Doro Dietsch den Abend. „Über Krieg zu sprechen, fällt schwer. Kriegsbilder zu sehen, noch schwerer. Aber es ist wichtig“, machte sie dem Publikum Mut, sich mit der Dokumentation auseinanderzusetzen. „Es wird berührend und traurig sein, aber es ist wichtig, dass Sie gekommen sind“, sagte Dietsch und bat Regisseur Stadnik und Feuerwehrchef Jörg Köhler vom Städtepartnerschaftsverein Bergisch Gladbach – Butscha auf die Bühne. Er und sein Team hatten den ersten Hilfstransport auf den Weg gebracht, noch bevor Butscha offizielle Partnerstadt wurde.

Moderatorin Doro Dietsch, Regisseur Michael Stadnik und Feuerwehrchef Jörg Köhler stehen vor der Leinwand und sprechen über den Film.

Sprachen über den Film und die Situation in Butscha: Moderatorin Doro Dietsch, Regisseur Michael Stadnik und Feuerwehrchef Jörg Köhler (v.l.n.r.)

„War der Angriffskrieg denn so überraschend?“, wollte Dietsch wissen. „Für mich war schnell klar, dass die Russen einen Krieg planen. Ich habe bereits im Herbst 2021 schon damit gerechnet“, erklärte Regisseur Stadnik, der selbst ukrainische Wurzeln sowie Verwandtschaft unweit von Butscha hat und so an Kontakte und unveröffentlichtes Material kam, das er drei Jahre lang zusammentrug. Innerhalb von vier Tagen sollte für Kreml-Chef Wladimir Putin die Angelegenheit erledigt sein. Durch die Unbeugsamkeit der Ukrainer sind es mittlerweile mehr als vier Jahre geworden. Ein Ende nicht in Sicht.

Die Bewohner Butschas geben Einblicke in ihre zerstörten Häuser

Zu sehen und hören in der Dokumentation sind Menschen, die während der Besetzung Butschas Hunger, Durst und Kälte überstanden haben, die Gewalt, Angst und Okkupation erlebt haben und ihre persönlichen Erlebnisse schonungslos und direkt an den Zuschauer vermitteln. Der Film beginnt am 24. Februar mit per Handy aufgenommenen Videos, auf denen Kampfhubschrauber bedrohlich näher kommen, Bomben abwerfen. Auch in Flammen stehende Gebäude sind zu sehen und Kommentare aus dem Off voller Fassungslosigkeit zu hören. Iryna, eine Bewohnerin Butschas, die überlebt hat, steht zu Beginn ebenfalls im Mittelpunkt. Sie ist sichtlich mitgenommen und aufgewühlt von den Ereignissen, der Schock sitzt auch heute noch tief. „Menschen, die das nicht erlebt haben, können es nicht verstehen“, sagt sie und zeigt den Unterschlupf, in dem sie sich wochenlang bei Eiseskälte unter einfachsten Bedingungen aufgehalten hat.

Bürgermeister a.D. Frank Stein und Erich Bethe sitzen im Publikum.

Waren ebenfalls zu Gast bei der Filmvorstellung: Bürgermeister a.D. Frank Stein und Erich Bethe (v.l.).

Die Bewohner Butschas, die standhaft blieben, um ihr Eigentum zu schützen, geben Einblicke in ihre zerstörten Häuser, wie sie sich auf simpelste Weise versorgt haben mithilfe von Kreativität und Pragmatismus. Krückstock und Bart als Tarnung, in der Hoffnung, niemand würde alte Menschen anfassen. Der selbstgebaute Grill, aufgestellt in einem Winkel des Gartens, wo die postierten Scharfschützen nicht treffen konnten.

Leichen zu sehen scheint für viele vor Ort das Normalste auf der Welt zu sein

Cafébesitzerin Yuliia zeigt Aufnahmen ihres völlig zerstörten Cafés: „Die Soldaten suchten Essen, schlugen die Scheiben ein und plünderten alles, was sie fanden“, beschreibt sie und gibt sich als taffe Frau und Mutter von fünf Kindern. „Die Vorstellung, dass ein Teil der Familie stirbt, war schlimmer, als wenn alle sterben“, offenbarte sie auch ihre verletzliche Seite. Das Café ist heute wieder in Betrieb.

Polizist Vadym fährt durch die Straßen und zeigt im heute weitestgehend aufgeräumten Butscha, trotz andauernden Krieges, die Plätze, an denen überall Leichen lagen und deren Zustand. „Man hat sie wochenlang liegen lassen. Als ich eine tote Frau aus ihrem Auto holen wollte, wurde ich beschossen“, schildert er. Auch für weitere Protagonisten scheint es so, als wäre es das Normalste auf der Welt, beim Wasserholen beschossen zu werden und über Leichen zu steigen.

Putin ist Getriebener seines eigenen Tuns, der Krieg kann nicht einfach beendet werden. Wir sind im dritten Weltkrieg
Michael Stadnik, Regisseur des Films

Für Regisseur Stadnik besonders berührend: Die Geschichte von Andriy, einem talentierten Sänger im Kirchenchor, der kaltblütig mit seiner Familie ermordet wurde und dessen Platz für immer leer bleibt. Doch der Chor macht weiter, hat für den Film Lieder eingesungen und auch diese Menschen geben Einblicke in ihre Erfahrungen, wie Nataliia: „Meine Großmutter ist mit 90 Jahren erfroren. Sie hat den zweiten Weltkrieg überlebt, den russischen Angriff aber nicht.“

Überhaupt beweist der Film die Standhaftigkeit der Überlebenden, zeigt den Pfarrer, der Massengräber auf seinem Kirchengelände anlegen lässt. Von 458 Leichen ist die Rede. „Seit Ende der Dreharbeiten sprechen wir über mehr als 600“, so Stadnik nach Ende der letzten Bilder, die das Publikum betroffen und sprachlos zurücklassen. Kein Klatschen, nur Stille und verunsicherte Blicke auf den Nachbarn. „So still habe ich es hier noch nie erlebt“, flüsterte Norbert Pfennings, Geschäftsführer des Bergischen Löwen. Stadniks Fazit: „Putin ist Getriebener seines eigenen Tuns, der Krieg kann nicht einfach beendet werden. Wir sind im dritten Weltkrieg.“