Im Interview erzählt Joe Bausch über die Einblicke, die er als Gefängnisarzt hatte und warum er trotz allem an das Gute im Menschen glaubt.
Gefängnisarzt und „Tatort“-StarJoe Bausch: „Geborene Verbrecher gibt es nicht“

Joe Bausch war über 30 Jahre lang Gefängnisarzt in Werl, ist aus dem Kölner Tatort und als Autor bekannt. Am 15. April tritt er im Medio Rhein Erft auf.
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Joe Bausch arbeitete über drei Jahrzehnte lang als Gefängnisarzt in Werl, ist als Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth aus dem Kölner Tatort bekannt und schreibt in seinen Büchern schonungslos über ein Aufwachsen mit Gewalt und Missbrauch. Am 15. April tritt er in Bergheim unter dem Titel „Geschichten aus der Zelle“ auf. Im Interview erzählt er, was er im Gefängnis für Einblicke bekommen hat und warum er trotz allem an das Gute im Menschen glaubt.
Herr Bausch, Sie treten am 15. April mit dem Programm „Geschichten aus der Zelle“ im Medio Rhein-Erft auf. Ob True-Crime, Detektiv-Roman oder Tatort – warum fasziniert uns die Welt der Kriminalität so sehr?
Der Tatort ist das emotionale Aufräumkommando nach der Tagesschau. Im Tatort ist die Welt am Ende in Ordnung, die Bösen sind entdeckt und es hat dich abgelenkt. Wenn du den Fehler machst und danach die Tagesthemen schaust, bist du wieder in der Spirale und am Ende guckst du nachts um 3 Uhr „Medical Detectives“ oder „Joe Bausch: Im Kopf des Verbrechers“. Ich glaube, das ist die Funktion von True-Crime. Wir schreiben und wir reden über den Tod. Und während wir über den Tod reden, stellen wir uns Fragen über das Leben. Damit kann man kontrolliert umgehen.
Sie waren neben Ihrer Karriere als Schauspieler 32 Jahre lang Arzt in einem Gefängnis in Werl. Wie sind Sie da hingekommen?
Ich habe als Schauspieler während meines Medizinstudiums böse Menschen gespielt – wenn man so aussieht wie ich, dann kriegst du nichts anderes angeboten. Dann war ich fertig mit dem Studium und habe das Angebot bekommen, in Werl zu arbeiten – mit der Option, später Weiterbildungen machen zu können. In meiner Kindheit hatte mein Vater auf unserem Hof immer ein oder zwei Ex-Zuchthäusler aus Diez oder Butzbach beschäftigt, insofern hatte ich da keine Berührungsängste.
Was haben Sie im Gefängnis für Menschen getroffen?
Ich habe schon mal im ersten Buch geschrieben: Guck dir den Knast an, dann siehst du, was in der Gesellschaft läuft. Da kamen die HIV-Positiven, die keiner haben wollte, viele Menschen mit Drogenabhängigkeit. Ich habe Kindersoldaten behandelt. Auf meiner Station waren die RAF-Frauen der zweiten Generation oder KZ-Verbrecherinnen und Verbrecher. 1992 wollte ich eigentlich weiterziehen, weil ich dachte: Jetzt bist du Facharzt mit ein paar Zusatzausbildungen und gehst mal woanders hin. Dann gab es in der JVA Werl eine Geiselnahme, am 30. Juni 1992. Ich hatte Glück und war an dem Tag nicht da, aber fünf meiner Mitarbeiter waren danach schwer traumatisiert. Die Geiselnehmer lagen bei mir auf meiner Station. In so einer Situation geht ein Kapitän nicht von Bord.
Was haben Sie durch Ihre Zeit im Gefängnis für Einblicke erhalten?
Ausgerechnet Uli Hoeneß hat das mal passend über den Knast zusammengefasst: Schon nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, meine Menschenkenntnis ist verlorengegangen. Böse Verbrecher sehen nicht aus wie böse Verbrecher, sondern wie jedermann. Und keiner ist ehrlich dem anderen gegenüber. Nietzsche hat ja gesagt: Das Einzigartige am Menschen ist, dass er lügen kann. Wenn man länger im Gefängnis ist, erkennt man dann irgendwann wieder, mit wem man es zu tun hat. Ein Psychopath bleibt im Gefängnis weiterhin ein Psychopath, ein Sadist ein Sadist, und ein maligner narzisstisch gestörter Mensch bleibt sich mit Hingabe selber treu, auch wenn er sich anders gibt. Es sind eben alles Menschen. Wenn man sich mit dem Bösen beschäftigt, muss man sich mit der Tat beschäftigen.
Woher kommt Ihrer Meinung nach das Böse?
Als Schauspieler, der solche Figuren spielt, hat man mich das immer wieder gefragt. Das Böse ist, wie es so schön heißt, multifaktoriell. Genaues weiß man nie so ganz. Es ist Genetik, Epigenetik, das Elternhaus, die Peergroup, eine Bindungsstörung, Störung der Affekte, der Persönlichkeit und, und, und... Machen wir uns nichts vor: In einem Land, in dem jeden Tag 100 Kinder aus Familien herausgeholt werden, weil wir Angst um ihr Überleben haben, generieren wir natürlich weiter Menschen, die scheitern müssen. Geborene Verbrecher gibt es nicht. Es gibt Menschen, die mit Gewalt aufwachsen und sie als Lösungsmodell erleben. Aber man weiß auch: Prägung alleine macht's nicht. Es gibt Menschen, die haben genau das gleiche erlebt und sind absolut empathische, herzensgute Menschen.
Sie haben in ihrem Buch „Verrücktes Blut“ beschrieben, wie Sie in der Nachkriegszeit aufgewachsen sind. Sie haben selbst viel Gewalt erlebt.
Ich gehöre zu einer Generation, die geprügelt worden ist, von Lehrern, von Eltern, von Nachbarn. Das ganze Dorf hat dich erzogen, und ohne Züchtigung war Erziehung nicht denkbar. Wir haben uns auch die Frage stellen lassen müssen: Und, hat es dir geschadet? Ein furchtbarer Satz, weil er bagatellisieren soll, was man dir alles angetan hat. Von den Voraussetzungen her hätte ich auch gut auf der anderen Seite des Schreibtisches landen können. Als ich Abitur machte, ging die gesamte Lehrerschaft davon aus: Den Bausch, den haben wir verloren, der wird Zuhälter, der wird Totschläger, der wird Drogenhändler. Ich habe natürlich keine Vernachlässigung in dem Sinne erlebt, dass unsere Eltern betrunken im Bett gelegen hätten, während wir Kinder morgens ohne Frühstück in die Schule gingen - auch wenn wir emotional nicht das bekommen haben, was wir uns vielleicht gewünscht hätten.
Sie haben auch darüber geschrieben, dass Ihr Pflegebruder Sie als Kind missbraucht hat. Ist Ihnen das Aufschreiben Ihrer Erfahrungen schwergefallen?
Natürlich gibt es Sachen, die rühren mich heute noch. Das ist wie das Berühren von Narben. Aber das ist kein therapeutisches Produkt geworden, bei dem ich mir etwas von der Seele schreibe. Ich habe das schon beackern müssen, da war ich noch keine 20 Jahre alt. Ich habe das deshalb aufgeschrieben, weil wir immer noch von nicht kapieren, dass 85 Prozent dieser Täter aus dem Nahfeld kommen. Die kommen nicht mit dem Auto von irgendwoher ins Bergische Land oder nach Bergheim gefahren, sondern die wohnen dort. Wir haben heute in jeder Schulklasse noch mindestens zwei Kinder, denen Ähnliches oder Schlimmeres passiert ist als mir. Wir müssen das im Auge behalten.
Glauben Sie trotz allem noch an das Gute im Menschen?
Absolut. Ich habe viele gesehen, die sind mit großen Idealen in den Knast gekommen und sind zum Zyniker mutiert. Ich habe manchmal auch sarkastische Sprüche gemacht, da hält man es besser aus, aber ich bin kein Zyniker geworden. Der tut sich nur selber weh und geht allen anderen noch auf den Sack. Das möchte ich nicht. Trotz aller Erfahrungen, die ich gemacht habe, sind diejenigen in der Überzahl, die mich dazu gebracht haben, mich für Schwache einzubringen, für Menschen mit Problemen, und etwas zurückzugeben von dem großen Glück, das ich hatte, bei allem Unglück, was ich auch kenne. Ich bin kein Fatalist. Und wäre ich als solcher aus dem Knast gegangen, spätestens die Lesungen der letzten Jahre hätten mich wieder davon abgehalten.
Joe Bausch tritt in seiner Tour „Geschichten aus der Zelle“ am 15. April im Medio Rhein Erft, Konrad-Adenauer-Platz 1, auf. Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr. Tickets im Vorverkauf ab 26,90 Euro, ermäßigt ab 13,45 Euro, in der Abendkasse ab 31,40 Euro, ermäßigt ab 15,70 Euro.

